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Fußball-EM als Milliardenspiel

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Wien/Genf (dpa) - Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer frohlockt: Die Fußball-Europameisterschaft, so sagte er kürzlich voraus, werde ein voller

Wien/Genf (dpa) - Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer frohlockt: Die Fußball-Europameisterschaft, so sagte er kürzlich voraus, werde ein voller wirtschaftlicher Erfolg.

Stimmen seine Zahlen, dann wurden durch die EURO in der Alpenrepublik nicht nur 13 400 Jobs geschaffen. Die gesamte Wertschöpfung aus dem drittgrößten Sportspektakel der Welt wird nach Ermittlungen seiner Wirtschaftsforscher bei 640 Millionen Euro liegen.

Ähnliche Hoffnungen hegen Politiker in der Schweiz für "ihre" Fußball-EM. Beide Länder, traditionelle Tourismus-Hochburgen, setzen nicht zuletzt auf den hohen Werbewert der dreiwöchigen Veranstaltung, die jeweils bis zu eine Million zusätzliche Gäste in die Alpenregion bringen könnte. Doch für nicht wenige Experten ist die offizielle Einschätzung der Politiker viel zu rosig.

Wirklich umfassende Statistiken über die Kosten der EM für beide Ausrichterländer gibt es noch nicht, doch bereits die Ausgaben für die Erneuerung oder den Neubau der acht Stadien gehen in die Hunderte von Millionen Euro. Allein in Österreich hat der Bund für die Arenen in Wien, Salzburg, Innsbruck und das neue Wörthersee-Stadion in Klagenfurt nach Angaben von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer 133 Millionen Euro investiert. Dazu kommt noch der Anteil der Städte und Bundesländer in einer ähnlichen Dimension. Die Turnierstädte Salzburg, Klagenfurt und Innsbruck werden darüber hinaus noch zig Millionen Euro dafür ausgeben müssen, die für ihren Bedarf überdimensionierten Stadien nach der EM wieder zu verkleinern.

Wien steckte dazu noch viele Millionen in den Ausbau seiner U-Bahn bis zum Endspiel-Stadion im Prater. Auch die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben heftig investiert. Ausgaben, die mittelfristig ohnehin nötig gewesen wären, um das staatliche Unternehmen zukunftsfähig zu machen. Nicht berechnet sind bisher die gewaltigen Zusatzkosten für die Sicherheit rund um das Turnier sowie für den Aufbau der großen Fan-Meilen in allen Städten. Um einen reibungslosen Ablauf der Spiele zu garantieren, werden alle 27 000 österreichischen Polizisten im Juni Dienst tun.

Angesichts der enormen Ausgaben, die überwiegend zulasten der Steuerzahler beider Länder gehen, haben Experten davor gewarnt, den wirtschaftlichen Wert der EM überzubewerten. Österreich erwartet nach Regierungsangaben einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro, die Schweiz rechnet mit bis zu 1,5 Milliarden Franken (925 Millionen Euro). Auf der Basis der Fußball-Weltmeisterschaft im Nachbarland Deutschland gehen Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass die Spiele das Bruttoinlandsprodukt in beiden Ländern nur um 0,2 bis maximal 0,3 Prozent anheben werden. Deutlich niedriger sollen auch die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sein. Statt der vom Kanzler in Wien gepriesenen 13 400 neuen Jobs rechnen sie eher mit rund 5000 neuen Arbeitsplätzen, von denen jedoch kaum mehr als 1000 "dauerhaft" sein dürften.

Unbestritten ist der touristische Wert des drittgrößten Sportspektakels der Welt. Beide traditionellen Urlaubsländer gehen davon aus, dass bis zu jeweils eine Million zusätzliche Touristen zur EURO 2008 in die kleinen Alpenländer kommen werden. Doch hierbei handelt es sich ebenso um Schätzungen wie bei den erwarteten Pro- Kopf-Ausgaben der Fans, die - so hofft Österreichs Kanzler Gusenbauer - zwischen 250 und 350 Euro täglich bei West-Touristen und immerhin 150 Euro für die wachsende Zahl der Ost-Touristen liegen sollen. Aber auch hier hat die WM in Deutschland gezeigt, dass die Erwartungen viel zu optimistisch waren.

Doch für die Regierungen in Bern und Wien geht es bei der EM letztlich auch um die touristische "Nachhaltigkeit". Die sportliche Großveranstaltung, die weltweit von geschätzten 155 Millionen Menschen gesehen wird, dürfte - so prophezeit der Chef der österreichischen Wirtschaftskammern, Christoph Leitl, - einen Werbewert von rund 300 Millionen Euro haben. Und auch für den Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid liegt der wahre Gewinn der EM in der Außenwirkung. "Es kommen 3500 Journalisten in unser Land, die nicht nur über Fußball schreiben werden", sagt er. "Noch nie haben weltweit so viele Leute auf unser Land geblickt, wie dies an der Euro 2008 der Fall sein wird."

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