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Zwei Hünen im deutschen Tor: Andreas Wolff (links) und Johannes Bitter ergänzen und verstehen sich gut.

Handball

Das Fundament unter der Latte

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Die deutschen Handballer können sich bei der Europameisterschaft auf ihre beiden Torhüter verlassen.

Patrick Wiencek steht die Freude im Gesicht. Es gefällt ihm, was er in der zweiten Halbzeit zu sehen bekommt. Der Abwehrchef der deutschen Handball-Nationalmannschaft hatte längst schon auf der Bank Platz genommen, als Bundestrainer Christian Prokop im vorletzten Testspiel am Samstag in Mannheim gegen Island (33:25) auf Jung-Nationalspieler wie David Schmidt, Patrick Zieker, Timo Kastening oder Johannes Golla setzte. Allesamt „gestandene Bundesligaspieler“, betont Wiencek. Aber eben nur den hiesigen Handballfachleuten bekannt. Das, davon ist der Vater der Kompanie überzeugt, wird sich in den kommenden Wochen bei der Europameisterschaft in Norwegen, Schweden und Österreich (9. bis 26. Januar) ändern. „Es sind zwar einige Spieler dabei, deren Namen man international nicht kennt“, sagt Wiencek, „aber wir wissen, was sie können. Die anderen werden Respekt vor uns bekommen.“

Den Respekt in den eigenen Reihen haben sich die jungen Handwerker bereits nach nur wenigen gemeinsamen Tagen der Vorbereitung verdient. „Ich war nicht der einzige, die ganze Bank steht auf, wenn die Jungen treffen“, sagt Wiencek. Vor so einer Kulisse mit mehr als 12 000 Zuschauern Tore zu werfen, sei einfach etwas ganz Besonderes. „Da freut man sich für die Jungs, da gehen gerade Träume in Erfüllung.“

Auf dem Weg zum EM-Auftakt am Donnerstag im norwegischen Trondheim gegen die Niederlande stehen heute noch der letzte Test in Wien gegen Österreich (14.40/ARD) und die abschließende Nominierungsrunde des Bundestrainers an. Der 17 Mann starke Kader muss um einen Namen verkleinert werden. Prokop hält sich bedeckt, ist aber ebenfalls mit dem Auftritt seiner Youngster zufrieden: „Ich möchte nicht so viel loben, aber es ist schon sehr positiv, wie sich alle reingehängt haben.“ Letztlich werden wohl taktische Überlegungen den Ausschlag geben.

Für Prokop war es der perfekte Test. Der Sieg gegen die Isländer ist unzweifelhaft gut für die Stimmung im Team. Dazu gab es wichtige Rückmeldungen. „Zwei Torhüter, die sehr gute Leistungen gebracht haben, und das Tempospiel waren der Schlüssel zum Erfolg“, lobt Prokop. Nur logisch, dass nach dem Abpfiff vornehmlich das Torhüterduo Andreas Wolff und Johannes Bitter im Blickpunkt standen. Der Europameister von 2016 (Wolff) stand in der ersten Halbzeit im Kasten, nach dem Wechsel gab der Weltmeister von 2007 (Bitter) sein Comeback im Nationaltrikot. „Es war schon etwas ganz Besonderes“, sagt der 37 Jahre alte Bitter, „allein wieder die Hymne zu hören.“ Er sei nervös gewesen. „Es kann schon mal etwas unangenehm sein, in der zweiten Halbzeit reinzukommen“, so Bitter. Der Stuttgarter erwischte 2030 Tage nach seinem bis Samstag letzten Einsatz im DHB-Team aber einen Sahnetag. Er war sofort präsent, hielt die ersten Bälle – dazu vereitelte er zwei Siebenmeter. Bitter: „Es hat wirklich Spaß gemacht.“ Eine Quote von mehr als 50 Prozent gehaltener Bälle ist der statistische Beleg dafür. „Es war wirklich ein sehr guter Einstand“, sagt Prokop und blickt voraus: „Wenn wir diese Torhüterleistung halten können, haben wir ein tolles Fundament für die EM. Heute waren beide gut in Form, aber das wird nicht immer so sein.“

Es war nicht die einzige positive Rückmeldung für Prokop. Auf der vakanten Spielmacherposition wussten Paul Drux und Marian Michalczik zu überzeugen. Beide hätten den Matchplan sehr gut umgesetzt. „Drux ist stark gestartet, hat gut in der Abwehr gespielt“, sagt Prokop. „Paul hat ein Zeichen gesetzt, er besitzt eine große Ausstrahlung.“ Michalczik ist ein ganz anderer Spielertyp, „hat es auf seine Art im Kleinklein aber gut weitergeführt und sich zudem in der Abwehr weiter gesteigert.“ Allerdings leisteten sich beide auch ein paar unnötige Fehlpässe. Gegen Island blieb das ohne Folgen und bietet dem Chef die Möglichkeit, intern auf Missstände hinzuweisen, die natürlich auch Patrick Wiencek nicht verborgen geblieben waren: „Uns fehlt aber noch die Frische.“

Wen wundert’s. Den Nationalspielern blieb angesichts des engen Terminkalenders nur wenig Zeit zur Regeneration. Und wenn sich ihr Traum vom Halbfinale erfüllen sollte, stehen ihnen zweieinhalb intensive EM-Wochen bevor. Unwahrscheinlich ist das nicht, sagt Wiencek: „Wenn wir so spielen wie heute, kann es weit gehen.“

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