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Gold im Team-Wettbewerb

Friesingers Slapstick für die Ewigkeit

  • VonMatti Lieske
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Im Halbfinale stürzt Anni Friesinger-Postma mehrfach und krabbelt am Ende über die Ziellinie. Im Finale ist sie nicht mehr dabei, aber ihre Teamkolleginnen holen trotzdem Gold in einem Drama gegen Japan, das lange führt. Von Matti Lieske

Richmond. Anni Friesinger-Postma blieb wirklich nichts erspart bei diesen Olympischen Spielen. Nicht, dass sie das wundern würde. "Bei Olympia war es immer stressig", sagte die 33-jährige im Richmond Olympic Oval und dachte vermutlich an ihre alten Fehden mit Claudia Pechstein, die wegen ihrer Dopingsperre diesmal fehlte. So stressig wie in Vancouver war es aber vermutlich noch nie. Angefangen hatte es mit dem Streit um den Teamarzt, dem sie nicht vertraute.Es ging weiter mit unbefriedigenden Ergebnissen bei ihren Einzelstarts über 1000 Meter (14.) und 1500 Meter (9.) und mit dem Gezänk um die Besetzung des Teamwettbewerbs. Aus dem war sie schon ausgeschlossen, bis Ersatzfrau Katrin Mattscherodt von einer Unpässlichkeit befallen wurde. Als sie dann doch laufen durfte, kam der spektakuläre Bauchklatscher im Halbfinale gegen die USA.Das bleibende Bild von Anni Friesinger-Postmas letztem Olympiaauftritt wird für alle Ewigkeit sein, wie sie wild mit den Armen rudernd über das Eis schlittert und sich dabei grotesk verrenkt, um ihren Schlittschuh als Auslöser der Zeitmessung möglichst frühzeitig über die Linie zu befördern. Fehlte eigentlich nur noch, dass die beiden anderen Läuferinnen - Stephanie Beckert und Daniela Anschütz-Thoms - Curlingbesen herausholten und ein bisschen fegten, um die gestrauchelte Kollegin noch etwas schneller voran gleiten zu lassen.

Schon 300 Meter vor dem Ziel war die erschöpfte Friesinger-Postma erstmals ins Stolpern geraten und hatte vergebens versucht, die anderen auf ihr Missgeschick aufmerksam zu machen. Bundestrainer Markus Eicher rief Anschütz-Thoms und Beckert zu, sie sollten die Kollegen wieder herankommen lassen, doch die verstanden, sie sollten Tempo zulegen. "Ich dachte, das Ding ist in trockenen Tüchern, und plötzlich sehe ich, es sind nur noch zwei", berichtete Mattscherodt, die staunend draußen saß. "Wo ist Anni geblieben?", habe sie sich gefragt.

"Meine besondere Eigenschaft ist der Kampfgeist", sagt Friesinger-Postma über sich, und deshalb hetzte sie, so gut es ging, dem Rest des Teams hinterher. Auf der Zielgeraden fiel sie endgültig hin, blieb nach ihrer kuriosen Rutschpartie regungslos verzweifelt liegen, das Gesicht in den Armen vergraben, und wagte nicht, zur Anzeigetafel zu blicken.

Erst die Jubelschreie aus dem deutschen Lager erweckten sie wieder zum Leben. Es hatte trotz allem gereicht, weil die Amerikanerin Nancy Swider-Peltz in der letzten Runde zurückgefallen war. Im kleinen Finale ersetzten die USA, die im Viertelfinale noch den Topfavoriten Kanada ausgeschaltet hatten, die Schwachstelle durch Catherine Raney-Norman, die noch mehr einbrach. So ging gegen Polen auch die Bronzemedaille verloren.

In jedem Fall war es die erste Medaille bei Olympischen Winterspielen, die erschwommen wurde, und schon deshalb war es angemessen, als Friesinger-Postma sagte: "In dieser Medaille steckt ganz viel Geschichte drin." Damit, dass es sogar Gold wurde und nicht Silber, hatte sie nichts mehr zu tun. Erschöpft sah sie im Finale gegen Japan zu, während Mattscherodt ihren Part als erstklassige Reservistin erfüllte. "Von der Bank aus zuzusehen, war nervenaufreibender als selbst zu laufen", sagte die 28-jährige Berlinerin, "da musste ich ja nur an Stephanie dranbleiben." Friesinger-Postma wiederum fand es "schrecklich, im Finale zuzusehen"

Laut Eicher war der Wechsel schon vorher geplant. Bei der Teamsitzung am Vorabend habe Anni Friesinger-Postma gesagt, dass sie angesichts ihrer Knieprobleme zu 80 Prozent nicht zwei Läufe absolvieren könnte. Deshalb habe man das Halbfinale abwarten und dann über die weitere Besetzung entscheiden wollen. Nach Annis Schlittenfahrt mit Happy End war die Auswechslung beschlossene Sache.

Im Finale sah es lange nicht gut aus für das deutsche Team, aber das hatte der Bundestrainer erwartet. "Wir wussten, dass die Japanerinnen ein hohes Anfangstempo gehen, was wir nicht können", sagte Eicher. Bei den eher sprintorientierten Läuferinnen aus Japan sei jedoch damit zu rechnen gewesen, dass sie in ihrem dritten Rennen binnen zwei Tagen am Schluss langsamer würden. Mit Langstreckenspezialistinnen wie Beckert und Anschütz-Thoms sei man da besser dran.

Genauso kam es, auch wenn der zwischenzeitliche Rückstand von 1,71 Sekunden ein bisschen größer war, als Eicher geplant hatte. Entsprechend knapp war der Ausgang des Rennens, das die Deutschen mit zwei Hundertstelsekunden Vorsprung gewannen.Daniela Anschütz-Thoms und Stephanie Beckert haben"unglaubliche Arbeit" geleistet.

Danach drehte sich alles um das Drama von Anni Friesinger-Postma und um Katrin Mattscherodt, die erst gesetzt, dann ersetzt und schließlich doch wieder dabei war. Ein bisschen gingen dabei die beiden unter, die die Hauptarbeit zum Goldgewinn geleistet hatten: Daniela Anschütz-Thoms und vor allem die 22-jährige Stephanie Beckert, die auf den letzten beiden Runden jeweils das Zugpferd gespielt hatte, als erst die Niederlande, dann die USA, am Ende Japan niedergekämpft wurden. Ihren zwei Silbermedaillen über 3000 und 5000 Meter gesellte die Erfurterin so eine goldene hinzu.

Anni Friesinger-Postma indes wusste genau, wem sie ihre dritte und mutmaßlich letzte olympische Goldmedaille zu verdanken hatte: "Was die beiden anderen gezeigt haben, war unglaublich." Wenn auch nicht ganz so unglaublich wie ihr eigener Beitrag zur olympischen Slapstick-Geschichte.

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