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Geboren in Sydney als Tochter ungarischer Eltern wanderte Johanna Konta als 14-Jährige mit ihrer Familie nach London aus.

Tennis

Freiheit für den Kontrollfreak

Johanna Konta steht ziemlich überraschend als erste Britin seit 1983 im Halbfinale der French Open – ihr Weg dorthin verlief allerdings nicht gerade gradlinig.

Der FC Liverpool hat gerade die Champions League gewonnen. Anthony Joshua ist seinen Schwergewichtstitel in so ziemlich allen Verbänden an einen fettleibigen Aushilfsboxer mit Namen Andy Ruiz junior losgeworden. Und in England findet noch ein paar Wochen lang der World Cup im Cricket statt. Es gibt einige sportliche Gründe, warum Johanna Konta daheim in Großbritannien dieser Tage leicht zu übersehen wäre.

Allerdings spielt Konta bei den French Open in Paris wieder mal verdammt gut Tennis. Sogar historisch gutes Tennis. Als erste Britin seit Jo Durie vor 26 Jahren steht sie in Roland Garros im Halbfinale, in dem sie auf die Tschechin Marketa Vondrousova trifft. In der Runde zuvor besiegte die derzeitige Nummer 26 der Weltrangliste Sloane Stephens (USA), immerhin Vorjahresfinalistin, mit 6:1, 6:4. „Ich habe wieder mehr Spaß am Spiel“, sagt Konta.

Das alles ist durchaus erstaunlich angesichts ihrer Vorgeschichte. Geboren wurde Johanna Konta vor 28 Jahren in Sydney als Tochter ungarischer Eltern – als sie 14 war, wanderte die Familie nach London aus. Im Alter von 21 Jahren erhielt sie die britische Staatsbürgerschaft, startet seitdem für das Vereinigte Königreich – und tut dies aus Überzeugung: „Hier schlägt mein Herz.“ Und hier nahm auch ihre Karriere Fahrt auf.

2015 knackte Konta die Top 50, 2016 erreichte sie bei den Australian Open als ungesetzte Spielerin das Halbfinale, wo sie Angelique Kerber unterlag, der späteren Turniersiegerin. Das Jahr endete tragisch: Ihr psychologischer Betreuer beging Selbstmord. 2017 stand Konta auch in Wimbledon im Halbfinale und tauchte danach auf Rang vier der Weltrangliste auf. Dann kamen die Probleme.

„Eine fantastische Spielerin“

Konta, ein Kontrollfreak mit der Neigung, stur an einem Plan A festhalten zu wollen und keinen Plan B zu haben, stürzte in der Weltrangliste ab. Im Oktober 2017 trennte sie sich nach nur zwei gewonnen Matches bei sechs Turnieren vom Erfolgstrainer Wim Fissette, der 2018 Kerber zum Wimbledonsieg führte. Auch Michael Joyce fand nicht den richtigen Zugang zu ihr, die Trennung erfolgte im Herbst 2018. Dann kam Dimitri Zavialoff. Und siehe da: Konta ist seit Jahresbeginn wie verwandelt. Dabei, sagt Zavialoff, mache er gar nicht so viel: „Ich sage ihr nur, wie gut sie ist. Ich will nichts kontrollieren. Der Spieler spielt. Der Coach hilft nur ab und zu.“ Gegen Stevens zeigte Konta ihr ganzes Repertoire: starker Aufschlag, krachende Grundschläge, raffinierte Stopps. Und sie verfolgt nicht mehr nur einen Plan A.

Konta lobt Zavialoff für seinen Stil im Umgang mit ihr. „Ich versuche, mir den Raum und die Freiheit zu nehmen, so zu spielen, wie ich es möchte. Dimitri hat mir den Raum gegeben, mich auf dem Platz auszudrücken“, sagt sie. Zavialoff, einst Stan Wawrinkas erster Coach, sagt dazu milde lächelnd: „Sie ist eine fantastische Spielerin. Und jetzt kann sie es auch zeigen.“ (sid)

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