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Hat seine Gegner meist gut im Griff: Der Frankfurter Judoka Alexander Wieczerzak (rechts).

Profiteur der Olympia-Absage

Ein Frankfurter Traum lebt

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Eigentlich hätten die Olympischen Spiele in Tokio ohne den Judoka Alexander Wieczerzak stattgefunden. Nun ist seine Hoffnung auf eine Nominierung fürs nächste Jahr neu entfacht.

Alexander Wieczerzak hat das Gefühl vermisst. Unter seinen Füßen die Matte zu spüren, seinen Judo-Anzug überzustreifen und einfach wieder in der Halle zu stehen, statt sich zu Hause mehr schlecht als recht fit zu halten. Seit vergangenem Montag darf der Judo-Weltmeister von 2017 wieder den Olympiastützpunkt Rheinland in seiner Wahlheimat Köln betreten. „In Zweier-Gruppen mit festgelegten Uhrzeiten und mit vielen Hygieneauflagen“, berichtet der 29-Jährige. Und auf jeden Fall muss er seinen Ausweis dabei haben, sonst gibt es keinen Einlass. Das nimmt der Berufssoldat für ein Stück Normalität gerne in Kauf. Auch wenn er erst einmal nur Zirkeltraining statt spezifischen Judotraining machen kann.

Die Erlaubnis, wieder im gewohnten Umfeld trainieren zu können, haben das zurückkehrende Glücksgefühl vom BWL-Studenten noch ein bisschen mehr gesteigert. Während für zahlreiche Athleten auf der ganzen Welt mit der Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie auf das Jahr 2021 ein Traum zerplatzt ist, lebt seiner wieder auf.

Wieczerzak war vom Bundestrainer nicht für Olympia nominiert worden. Jede Nation darf pro Gewichtskategorie nur einen Sportler nominieren und in der Klasse bis 81 Kilogramm hatte Konkurrent Dominic Ressel den Vorzug vor Wieczerzak erhalten. „Es fühlt sich an wie 2016“, erzählt der gebürtige Frankfurter. Seinerzeit hatte er die Spiele in Rio de Janeiro verpasst, weil er nach einem Mückenstich bei einem Turnier in Kuba am Denguefieber erkrankte und ums Überleben kämpfte. Weil er sich außerdem die Rippe brach, konnte er keine Punkte mehr sammeln, um in der Weltrangliste weiter aufzusteigen. „Ich hatte dann so eine Motivation, dass ich 2017 Weltmeister wurde“, sagt Wiecerzak.

Voller Tatendrang

Den gleichen Hunger verspürt er auch jetzt wieder, nachdem er einige Wochen an der Entscheidung zu knabbern hatte. Jetzt geht die Frohnatur wieder voller Tatendrang und Fokus ans Werk. Der Mann vom Judo Club Wiesbaden geht davon aus, dass die Nominierungen wieder zurückgenommen werden und die Weltrangliste neu aufgemacht wird. „Das zu halten wäre ja auch Schwachsinn, wenn wir wieder bei Turnieren um Punkte kämpfen“, findet Wieczerzak. Offiziell ist das aber noch nicht, die Internationale Judo Föderation (IJF) berät über einen neuen Qualifikationsmodus.

Eigentlich wollte sich Wieczerzak bei der Weltmeisterschaft in Japan im vergangenen August das direkte Ticket für Olympia sichern. Nach Gold 2017, Bronze 2018 – im Kampf gegen Ressel – sollte es mit einer weiteren Medaille nach Tokio gehen. Doch am letzten Tag der Vorbereitung in Deutschland zog sich der 1,82 Meter große Modellathlet einen Muskelfaserriss im Gesäß zu. Ein herber Rückschlag.

„Der war zwei Zentimeter breit und sieben Zentimeter dick“, erzählt er. Trotzdem kämpfte er bei der WM, schied allerdings von Schmerzen geplagt in der zweiten Runde aus. Hinterher sei es immer leicht zu sagen, dass es fahrlässig gewesen sei. Aber mit einer Medaille in der Tasche „wäre ich durch.“

Der Junioren-Weltmeister von 2010 musste stattdessen zwei Monate pausieren, konnte nicht mal richtig in die Hocke gehen. In der Zeit sammelte Konkurrent Ressel Punkte um Punkte, und als Wiecerzak wieder ins Geschehen eingreifen konnte, lief es für ihn überhaupt nicht. „Ich konnte meine Leistung, warum auch immer, nicht abrufen“, sagt er.

Die letzte Chance vor der Nominierung kam am 23. Februar beim Grand Prix in Düsseldorf. Die ersten zwei Runden gewann er souverän, in der dritten scheiterte er und wusste: Das war es mit dem Olympia-Traum. Obwohl ihm der Bundestrainer eine Auszeit gewährte, stand Wiecerzak schon wenige Tage später wieder auf der Matte am Olympiastützpunkt in Köln, wo auch Konkurrent Ressel trainiert mit dem er „ein professionelles“ Verhältnis pflegt. „Ich habe versucht, mich zu fangen. Ich wollte zeigen, dass ich es unbedingt möchte, dass ich Profi bin, und mich nach so einer schlimmen Nachricht weiter motivieren kann“, erklärt Wiecerzak.

Als dann am 24. März die Olympischen Spiele nach großem öffentlichen Druck verschoben wurden, war seine erste Reaktion: „Hammer. Das ist geil.“ Seit dem 9. März trainiert Wiecerzak in den eigenen vier Wänden. Vom Olympiastützpunkt hat er sich Gummibänder, Gewichte und Langhanteln mit nach Hause genommen. Ansonsten ist er viel an der frischen Luft, geht laufen oder macht Sprungübungen auf den Treppen vor seiner Haustür. Auch wenn sein Erhaltungstraining alles andere als optimal ist, genießt Wieczerzak das Leben in Zeiten der Einschränkungen. „Die Decke fällt mir nicht auf den Kopf. Für mich ist es das erste Mal, dass ich so viel Zeit für mich habe“, erzählt er und fügt lachend hinzu: „Jetzt esse ich auch mehr als zwei Salatblätter.“

In die Trainingshalle geht Wiecerzak mit seinem Lieblingspartner Eduard Trippel, der in der Gewichtsklasse bis 90 Kilogramm an den Start geht. „In dieser Woche soll geklärt werden, ob wir wieder mit Judo anfangen dürfen“, sagt er. Aber nur ganz vorsichtig, der Status quo soll auf keinen Fall in Gefahr geraten. Das Gefühl auf der Matte zu stehen, will Alexander Wieczerzak nicht mehr so lange missen.

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