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Ihr bislang größter Erfolg für Israel: Lonah Chemtai Salpeter gewann 2018 EM-Gold in Berlin. 

Frankfurt Marathon

Laufendes Vorbild

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Die Israelin Lonah Chemtai Salpeter bringt eine besondere Vita zum Frankfurt-Marathon.

Keine Frage: Wenn sich Lonah Chemtai Salpeter etwas früher zu ihrem Start beim diesjährigen Frankfurt-Marathon entschieden hätte, wäre sie Kandidatin für das Cover des an alle Teilnehmer ausgehändigten Event-Magazins geworden. Stattdessen laufen vor der Skyline-Kulisse zwei Models gut gelaunt über eine Mainbrücke, aber diese Pose hätte die Israelin kenianischer Herkunft auch spielend beherrscht. Wem immer die von einem mehrwöchigen Trainingslager in den Pyrenäen aus Barcelona eingeflogene Läuferin im Athletenhotel an der Frankfurter Messe seit ihre Ankunft begegnete, dem schenkte die schnellste je hier verpflichtete Läuferin ein Lächeln.

Ein spannendes Rennen ist bei den Männern zu erwarten. Acht Topläufer haben eine Bestzeit von 2:08 Stunden vorzuweisen. Die beste Vorleistung bringt der äthiopische Junioren-Weltrekordhalter Tsegay Mekonnen mit, der 2014 in Dubai 2:04:32 Stunden lief. Im Vorjahr kam der mittlerweile 30-Jährige als Zweiter (2:06:41) in die Festhalle gestürmt, nur vier Sekunden hinter seinem Landsmann Kelkile Gezahegn. Einen ähnlichen Verlauf wünscht sich der Sportliche Leiter Christoph Kopp wieder. Der Macher hat seine favorisierte Startnummer sieben diesmal an den Kenianer Mark Kiptoo vergeben. Der 43-Jährige will in der Master-Altersklasse über 40 Jahre seine eigene in Frankfurt aufgestellte Bestmarke von 2:07:50 Stunden verbessern. Seine Devise: „Das Alter ist kein Faktor.“ (hel)

Eigentlich hatte die 30-Jährige für die zweite Jahreshälfte alles auf die Leichtathletik-WM in Doha ausgerichtet. Doch dann machten ihr beim Marathon zu mitternächtlicher Stunde die gefühlte Temperatur von 51 Grad zu schaffen. „Komplett fertig, völlig ausgelaugt“, sei sie gewesen, als sie bei Kilometer 31 aufgab. Eine Woche dauerte es, erzählte Frankfurts Sportlicher Leiter Christoph Kopp, „bis bei mir das Telefon klingelte.“ Salpeters Management erkundigte sich nach einer Startmöglichkeit beim für seine schnelle Strecke bekannten ältesten deutschen Stadtmarathon. Kopp war es fast peinlich, dass er der Weltklasseathletin nur noch eine geringe vierstellige Gage „mit einer Null zu wenig“ bieten konnte, denn sein Budget für die Elite war fast ausgereizt.

Salpeter winkt allerdings ein ordentlicher fünfstelliger Bonus, sollte sie die optimalen Bedingungen am Rennsonntag (Start 10 Uhr/HR) nutzen. Den Streckenrekord auf eine Zeit unter 2:20 Stunden zu drücken, ist das erklärte Ziel von Renndirektor Jo Schindler. Nach ihrer im Mai in Prag gelaufenen Bestzeit (2:19:46) wird sie als drittschnellste Europäerin aller Zeiten hinter der Britin Paula Radcliffe (2:15:25) und der Deutschen Irina Mikitenko (2:19:19) geführt. Darauf deutete noch nicht viel hin, als sie bei der Leichtathletik-WM in London nur auf Rang 41 in eher bescheidenen 2:40:22 finishte. „Ich habe damals nicht seriös genug trainiert“, erklärt Salpeter.

Die in dem Dorf Kapkanyar im West-Pokot County groß gewordene Läuferin ist nicht wie so viele kenianische Athletinnen abgeworben worden. Auf der High School in ihrer Heimat probierte sie sich neben dem Laufen auch im Fußball, beim Siebenkampf und beim Vielseitigkeitsreiten aus. Mit 19 Jahren ging sie als Kindermädchen des kenianischen Botschafters nach Israel: Über das Joggen im Park in Tel Aviv landete sie im Verein und lief die zehn Kilometer bald in 35 statt in 47 Minuten. Während einer Verletzungsphase, erzählt sie, lernte sie den Trainer Dan Salpeter kennen – und sollte sich in ihn verlieben. 2014 heirateten die beiden und wohnen inzwischen 20 Autominuten von Tel Aviv entfernt.

Frauenquote erhöhen

Der 35 Jahre alte Ehemann, selbst ein guter Mittelstreckler, reist am heutigen Samstag nach Frankfurt und bringt den vier Jahre alten Sohn Roy mit. „Es ist ein ständiger Spagat, das Kind und das Laufen zusammenzubringen“, sagt Salpeter der FR. Würden nicht die Mutter und die Schwester ihres Mannes sich so fürsorglich um die Betreuung kümmern, hätte sie kein gutes Gewissen für die wochenlangen Trainingslager im kenianischen Läufer-Eldorado Iten.

In ihrer Wahlheimat stieg Salpeter im vergangenen Jahr mit der Leichtathletik-EM in Berlin zum Star auf. Über 10 000 Meter gewann sie das erste EM-Gold für Israel überhaupt, vier Tage später jubelte sie im Ziel zu früh über eine vermeintliche Silbermedaille im 5000-Meter-Rennen, allerdings war noch eine Runde zu laufen – letztlich wurde sie wegen eines irregulären Bahnwechsels noch disqualifiziert. Fernsehsender und Zeitungen erzählten ihre Herz-Schmerz-Geschichte. Und gerne betont die Läuferin, dass ich „mich in Israel immer voll akzeptiert gefühlt habe, Rassismus ist mir nicht begegnet.“

Wenn es irgendwie geht, möchte sie weiter zwischen Bahnläufen und Marathonstarts wechseln. Ihr Bekanntheitsgrad ist mit den jüngsten Erfolgen und Zeiten gestiegen, kürzlich am Flughafen in Tel Aviv schenkte ihr ein Ladenbesitzer einen Adapter. „Ich renne aber nicht um kostenlose Geschenke, sondern ich laufe, weil ich es liebe.“ Eine Aussage, die ganz im Sinne des Veranstalters sein dürfte, der die Frauen bewusst in die erste Reihe drängt.

Schindler schwebt vor, die Frauenquote unter den Teilnehmern wie bei Marathonläufen in den USA auf bis zu 50 Prozent erhöhen. Bei den bis Freitag in Frankfurt vorliegenden 13 976 Anmeldungen für die klassischen 42,195 Kilometer war knapp jede vierte weiblich. Schindler: „Wir wollen noch mehr Frauen auf die Marathonstrecke bringen. Marathon vermittelt ein neues Selbstbewusstsein. Auch für das Berufs- und Privatleben. Wir können aber nur motivierende Beispiele geben.“ Lonah Salpeter ist ein besonders gutes.

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