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Auf und davon: Martin Fourcade. 

Biathlon-Weltcup

Fourcades neue Bescheidenheit

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Der Franzose siegt in Ruhpolding und fühlt sich dennoch nicht mehr als unantastbarer Dominator.

Die Bilder sind eigentlich nicht neu. Martin Fourcade auf dem Siegerpodest zu sehen, ist ungefähr so normal wie Schnee im Winter. Und doch scheint sich der Franzose darüber zu freuen, als sei es das erste Mal. Aus dem Stand springt er bei der Zeremonie, so hoch er kann, wirft die Beine dabei nach hinten. Und das Gesicht des scheinbar jungen Hüpfers strahlt dabei vor Glück.

Schon bei seinem ersten Saisonerfolg in Östersund sagte er, das sei einer der wichtigsten Siege seines Sportlerlebens gewesen. Und diese Einschätzung ist nicht mal übertrieben. Denn Fourcade, der den Biathlonsport zeitweise wie ein gnadenloser Alleinherrscher dominierte, hat ein Jahr hinter sich, in dem ihn erstmals in seiner Karriere Selbstzweifel und Frustration heimsuchten. Und am Ende stellte sich gar die Frage, ob man ihn überhaupt je wieder in Siegerpose erleben würde. „Vor der letzten Saison habe ich mich als unschlagbar gefühlt“, erzählt er. „Letzte Saison habe ich erkannt, wie leicht es war, mich zu schlagen.“

Sieben Mal in Folge hatte Fourcade den Gesamtweltcup gewonnen. Dazu elf WM-Titel. Mit insgesamt fünf olympischen Goldmedaillen (drei davon gewann er 2018 in Pyeongchang) stieg er zu Frankreichs Rekord-Olympioniken auf. Den Preis für seine Starrolle, in der das Training vor dem Winter 2018/19 nicht immer Priorität hatte, zahlte er dann im Wettkampf. Er, der Seriensieger, stürzte im Weltcup-Gesamtklassement auf Rang zwölf ab. Bei der WM 2019 in Östersund errang der Mann aus den französischen Alpen erstmals seit seinem Debüt 2009 keine Medaille, in der Staffel kosteten seine zwei Strafrunden dem französischen Quartett eine sicher geglaubte Medaille. Fourcade beendete die Saison vorzeitig. Gleichzeitig bestieg mit dem Norweger Johannes Thingnes Bö ein Ausnahmekönner mit der Rekordbilanz von 16 Saisonsiegen den Biathlonthron. Aus Fourcades Sicht war es eine fast demütigende Wachablösung.

Doch nun ist Fourcade, 31, wieder zurück. Allerdings nicht nur aufgrund wiedergewonnener Stärke. Sondern auch weil Bö, der den ersten Saisonabschnitt mit fünf Siegen erneut dominierte, vorübergehend seinem Familienleben den Vorrang gab. Der 26-Jährige wollte unbedingt seiner hochschwangeren Frau beistehen (am 14. Januar kam Sohn Gustav auf die Welt) und ließ so die Weltcups in Deutschland aus.

Fourcade nutzte die Absenz hundertprozentig. Gewann alle vier Einzelrennen und übernahm das Gelbe Trikot des Gesamtführenden. „Früher habe ich dieses Trikot am ersten Tag der Saison angezogen und es am letzten immer noch angehabt, Jahr für Jahr. Es war fast wie eine zweite Haut“, erzählte Fourcade. Als er dann ein Jahr lang seine zweite Haut nicht mehr trug, wurde ihm offenbar bewusst, wie wichtig der Erfolg für ihn war. „Jetzt bin ich stolz, das Gelbe zu tragen, und sei es auch nur für einen Wettkampf.“

Nahbarer geworden

Ganz offenkundig hat Fourcade zu neuer Bescheidenheit gefunden. Das wird auch in seinem Auftreten deutlich. Der Franzose, den lange Zeit der Vorwurf der Arroganz begleitete, ist nahbarer geworden. Auch in Ruhpolding war zu erleben, wie er seine Konkurrenten innig beglückwünschte, wie er den Fans zuwinkte, ihnen gar mit Kusshändchen zuwarf. Es hat ganz den Anschein, als ob Fourcade nun versucht, aus wirklich jedem Moment seines Sportlerlebens das Bestmögliche zu schöpfen – und dabei auch einen möglichst sympathischen Eindruck zu machen.

Im Duell mit dem abwesenden Erzrivalen steht es nun 507:374. Der Vorsprung beträgt also satte 133 Punkte (für einen ersten Platz gibt es 60 Zähler). Der Kampf ist aber noch nicht entschieden. Zumal Johannes Tingnes Bö nach wie vor als der Stärkere gilt. Doch Fourcade sagte in Ruhpolding: „Das Gelbe Trikot ist ein Ziel für mich – so wie für einige andere auch.“ Als unantastbarer Dominator fühlt sich Fourcade nicht mehr. Aber jetzt, da er wieder seine zweite Haut trägt, wird er alles daran setzen, sie zu behalten.

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