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Probefliegen: Ob die Mathematik auch Michael Uhrmann weiterbringt?

Revolution im Skispringen

Die Formel der Gerechtigkeit

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Bei der Teamtour testen die Skispringer ein neues Reglement, das Wind und Schanzenlänge berücksichtigt. Das Element, das sich bisher allen Regeln entzieht, ist der Wind. Von Tanja Kokoska

Um es gleich zu sagen: Dieser Text richtet sich an jene, die Begeisterung für Skispringen und Mathematik aufbringen - und sich an der Vorstellung erfreuen, Gerechtigkeit ließe sich in einer messbaren Größe ausdrücken. Ausgangspunkt ist der Umstand, dass die Sportart Skispringen bereits bis in letzte Details reglementiert ist: Längen der Skier, Beschaffenheit der Anzüge, Gewicht des Springers.

Das Element, das sich bisher allen Regeln entzieht, ist der Wind. Wer bei (schlechtem) Rücken- oder (gutem) Aufwind springen muss respektive darf, ist bisher oft reine Glückssache.

Doch im 21. Jahrhundert will sich der Mensch damit nicht abfinden. Er - konkret: der Internationale Skiverband (FIS) - ersinnt eine Rechnung, die dem Wind seine Launen nehmen soll, um gleiche Bedingungen für alle Teilnehmer zu schaffen und "Windpausen" oder Abbrüche von Sprung-Durchgängen überflüssig zu machen. Dafür bezieht er neben der Windgeschwindigkeit zwei Faktoren mit in die Rechnung ein: die jeweilige Schanzenhöhe sowie die Anlauflänge.

Die Windformel: w = [(HS - 36) / 20] x TWG

Dazu muss man verstehen, woher der Wind weht. Auf jeder Schanze gibt es an verschiedenen Stellen im Hang Messpunkte. Aus ihnen wird, so die neue Regel, für jeden Springer ein individueller Wert errechnet, der erste Springer liefert die Basis. Hat der nächste Springer bessere (Aufwind) oder schlechtere (Rückenwind) Verhältnisse, erhält er Plus- oder Minuspunkte, zusammengefasst in der tangentialen Windgeschwindigkeit (TWG). Ein weiterer Faktor ist die Schanzenhöhe (Hill Size). Am Ende ergibt sich der Windeinfluss auf die Sprungweite (w).

Rechenbeispiel: Auf einer 130-Meter-Großschanze erreicht ein Springer 119,5 Meter bei durchschnittlich 1,55 Meter Rückenwind pro Sekunde:

[(130 - 36) / 20] x 1,55 = 7,285 Meter. Das Ergebnis wird auf halbe Meter gerundet, in diesem Fall auf 7,5 Meter, und der Sprungweite hinzugezählt. Das Ergebnis im konkreten Beispiel: 119,5 Meter + 7,5 Meter = 127 Meter

Für die FIS bedeutet das neue Reglement "die Abschaffung eines Dogmas". Es ermöglicht, einen Skisprung-Durchgang nicht mehr bei gleichbleibender Anlauflänge durchführen zu müssen. Die FIS-Experten gehen davon aus, dass auf einer Großschanze ein um einen Meter verlängerter Anlauf rund fünf Meter in der erzielten Sprungweite ausmacht. Allerdings ist keine Skisprungschanze wie die andere und auch die Lukenabstände betragen meist nicht exakt 100, sondern eher 60 bis 70 Zentimeter.

Die Anlauflänge: der "f-Wert"

Daher hat Hans-Heini Gasser, Mitglied des FIS-Sub-Komitees Schanzenbau, den "f-Wert" ersonnen. Dieser zeigt an, wie viel auf jeder Schanze ein Meter Anlauflänge in gesprungenen Metern ausmacht. Der f-Wert wird mit der Punktzahl multipliziert, die es pro gesprungenem Meter gibt (auf Großschanzen 1,8 Punkte, sonst 1,2 Punkte). Das Resultat wird bei Lukenverkürzung dem Endergebnis hinzugezählt, bei Lukenverlängerung abgezogen.

Rechenbeispiel: Auf einer Großschanze fährt Springer Y wegen Aufwindes im Gegensatz zu Springer X von einer 50 Zentimeter tieferen Luke an. Dies entspricht 50 Prozent von einem Meter Anlauflänge, also 2,5 Metern. Multipliziert mit 1,8 Punkten ergeben sich 4,5 Punkte, die mit seinem Ergebnis addiert werden.

Österreichs Überflieger Gregor Schlierenzauer fürchtet: "Wenn der Weiteste nicht mehr gewinnt, fehlt mir die Transparenz für den Zuschauer". Dem entgegnet Ulrich Wehling, FIS-Renndirektor Nordische Kombination: "Das Prinzip galt auch bisher nicht. Simon Amman ist bei der Vierschanzentournee in Garmisch-Partenkirchen Schanzenrekord gesprungen, gewonnen hat aber Schlierenzauer mit geringerer Weite, da Amman bei den Haltungsnoten viele Punkte abgezogen bekam."

Der TV-Zuschauer müsse überdies nicht auf die blaue (virtuelle) Hilfslinie verzichten: "Der Computer rechnet vor jedem Sprung nicht nur die bisher erzielte Bestweite und die Haltungsnoten, sondern auch die Windverhältnisse mit ein", so Wehling. Und Bundestrainer Werner Schuster sieht in der besseren Planbarkeit Vorteile: "Die Leute schalten ab, wenn sie zum Bierholen in den Keller gehen und immer noch keiner runtergesprungen ist, wenn sie wieder raufkommen."

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