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Touchdown. Spektakuläre Szene im NFL-Spiel zwischen Houston Texans und Jacksonville Jaguars auf heiligem Rasen. Houston siegte 26:3.

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Die NFL in London: Schach mit Muskelbergen auf dem Rasen von Wembley

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Vier Mal im Jahr geht die US-amerikanische NFL auf Werbetour, um den immer größer werdenden Kreis von Footballfans außerhalb der USA zu begeistern - vor allem in Deutschland.

Wie riecht American Football? „So jedenfalls nicht“, sagt Cornell Armstrong. Der Verteidiger der Houston Texans lässt in der Umkleidekabine des Wembley-Stadions im Norden von London gerade den Sieg gegen die Jacksonville Jaguars ausklingen. Vier Mal im Jahr macht die US-amerikanische Footballliga NFL Station in London, um den immer größer werdenden Kreis der Fans außerhalb der USA zu begeistern. Zum ersten Mal spielt der Cornerback und sein Team in Europa und er stochert überrascht zwischen den Stollen seiner weißen Sportschuhe herum: „Das riecht nach Erde und Rasen, wie ein europäischer Garten, aber nicht wie ein Sportplatz.“ Footballrasen klebt dagegen nicht. Keine Grasstollen, kein Geruch. Dafür drängt sich Männerschweiß auf und Duschgel, wie in jeder Mannschaftssportart, allerdings multipliziert mal 53. So groß ist ein Footballteam, eingequetscht in einen Umkleideraum, in den sonst nur eine Fußballmannschaft passen muss.

Der heilige Rasen von Wembley, im zweitgrößten Stadion Europas, in der „Kirche des Fußballs“, wie es Pelé genannt hat, hat schon viele legendäre Endspiele gesehen. Im Fußball, im Rugby – und seit 2007 beherbergt das Nationalstadion auch zweimal im Jahr NFL-Teams, die hier reguläre Ligaspiele austragen. Zum siebten Mal sind die Jaguars aus Jacksonville zu Gast. „Hier wird aus einem nationalen Team eine Weltmarke“, schwärmt ein Sprecher der NFL. Genau beziffern kann er es nicht, aber allein der weltweite Verkauf an Mützen und Trikots mit dem Jaguar-Symbol steige seitdem kontinuierlich an.

NFL in London: Es war das Spiel von Quarterback Deshaun Watson

Apropos Mütze. Auf die haben die Jaguars so richtig bekommen. Knapp drei Viertel der Spielzeit sah es ausgeglichen bis schlecht aus gegen den Division-Konkurrenten aus der AFC South. Ab dem Ende des dritten Abschnitts wurde es dann katastrophal. Quarterback Gardener Minshew warf den Football zweimal in Folge in die Arme der Verteidiger aus Houston, einmal verlor sein Runningback den Ball. Am Ende sahen die 84 117 Zuschauer in London ein einziges Fieldgoal der Jaguars. Auf der Gegenseite war es vor allem das Spiel von Quarterback Deshaun Watson, der der 22 seiner 28 Pässe für zwei Touchdowns anbrachte und sein Team mit 6:3 Siegen den Playoffs deutlich näher brachte.

Sieht aus wie Fußball, ist aber American Football. Cornell Armstrong von den Texans zeigt in der Umkleidekabine des Wembley Stadions seine Schuhe.

Wer für das eine oder andere Team mitfieberte, war im Stadion gar nicht so leicht erkennbar. Nur knapp 5000 Fans reisten aus den Staaten an, 90 Prozent der Eintrittskarten kauften Briten, der Rest wurde nach Deutschland und Skandinavien verschickt. Deutschland ist für American Football, was China für den Fußball ist. Ein riesiger Markt mit vielen neuen Fans. Einer davon ist der 22-jährige Hubert aus Hengersberg in Niederbayern. „Hubsi“, wie ihn seine mitgereisten Freunde nennen, hat eine Reise gebucht, wie sie uns zigmal begegnet: Billigflug mit Easyjet, Appartement über AirBnb. „Wir stecken alles in die Karten und natürlich in Bier.“ In Zahlen: Ein Wochenende für 350 Euro pro Person, so viel investiert er auch in den Oktoberfestbesuch, sagt er. Für wen er und seine acht Kumpels mitfiebern? Können sie noch nicht sagen. Sie sind ein Spiegelbild der Kulisse im Stadion. Sie tragen Trikots aller Profiliga-Mannschaften. Patriots, Packers, 49ers, Raiders – und sie feiern den American Football, die NFL, die Chance, die Weltstars live zu sehen.

In den Werbepausen der NFL ein Meter lange Hot Dogs

Viele der Fans sehen zum ersten Mal die NFL live. American Football ist eine Fernsehsportart, nein es ist die Fernsehsportart in den USA. Hier fließt alles an Technik ein, was das Medienbusiness zu bieten hat. Die TV-Zuschauer sehen überlagert zum Livebild Zahlen und Daten und natürlich die „Line of Scrimmage“, den Startpunkt jedes Spielzugs, dazu die „First-Down“-Linie – jene Grenze, die der Ball nach maximal vier Versuchen überqueren muss. All das ist im echten Leben unsichtbar. Die „Chain-Crew“ läuft auf beiden Seiten des realen Spielfelds mit orangenen Markierungen entlang und zeigt, wo es losgeht und endet. Ohne das Teleobjektiv und die Wiederholungen der Fernsehbilder kann der ungeübte Zuschauer nur erraten, ob es ein gültiger Raumgewinn war oder nicht.

Und: Es gibt keine Werbeunterbrechungen. Das heißt, natürlich wird der Betrieb angehalten, damit die Sender in dieser Zeit Reklame zeigen können, aber die Mannschaften vertreiben sich so lange die Zeit auf dem Feld, Cheerleader tanzen, Marching Bands hämmern Musik in den Himmel, die Nachbarn holen sich Bier und ein Meter lange Hot Dogs. Und mittendrin in dieser Dauerablenkung fasziniert einige Minuten lang Hochleistungssport. Die besten Profis der Welt, zusammengestellt für Dutzende von hochkomplexen Spielzügen, tragen eine Partie Schach mit spezialisierten Muskelmassen aus. Kasparow im Hofbräuzelt.

Volles Haus in der „Kirche des Fußballs“ - American Football im Wembley-Stadion zu London.

„Wir leben diesen Sport anders als in Europa“, verdeutlicht Quarterback Deshaun Watson. American Football spielen die kleinen Jungs auf der Straße, in den Colleges wachsen die Stars, ein nationales Fördersystem selektiert die Besten. Bis es der Sport dann auf die Displays der Fans in Europa schafft, ist all diese Auswahl vergessen. Wem in Deutschland Football zum ersten Mal begegnet, der startet bei den Besten der Besten und kennt den Weg dorthin nicht von der Straße. Football ist NFL, die Kluft zum Amateursport ist riesig. „Ich bin großer Fan des FC Bayern“, verrät Watson im persönlichen Gespräch – und zeigt, dass es umgekehrt genauso ist. Er kennt keinen Amateurkicker persönlich, mag aber das projektierte Bild der Weltmarke und ihre Stars – die sportliche Qualität kann er so wenig einordnen wie deutsche Fans das Auswahlsystem zum Superbowl erklären können.

American Football: NFL aus dem Nischendasein ins Hauptprogramm

Bernd aus Nordrhein-Westfalen ist 20 Jahre alt und „Bromantiker“. So nennen sich die Fans des deutschen Podcasts „Football Bromance“ von „Coach“ Patrick Esume und Ex-NFL-Profi Björn Werner. Bernd aus Minden ist eigentlich Texans-Fans und verbringt das ganze Wochenende wie viele Fans in London. Er hätte auch Big Ben oder den Buckingham-Palast besuchen können. Aber zusammen mit seinen Freunden und Fans aus Berlin und München wartet er vor einem NFL-Shop in einer Einkaufsstraße im Herzen von London auf einen nicht ganz so wichtigen Spieler der Jaguars, der Autogramme gibt. Er ist Football-infiziert. „Es liegt natürlich am Coach“, sagt Bernd, „deswegen bin ich zum Football gekommen.“

Der ehemalige NFL-Trainer „Coach“ Esume hat aus dem Football am Fernsehschirm das gemacht, was die Fans in London lieben. Eine Show, die jeder versteht, die immer wieder Begriffe von vorn erklärt und trotzdem – gerade bei Co-Moderator Björn Werner – die Feinheiten durchblitzen lässt. Manche Football-Fachkollegen von der deutschen journalistischen Ingenieurskunst regen sich darüber auf, dass die Moderationen immer oberflächlicher würden. Die Fans halten mit der Fernbedienung dagegen. Sie haben American Football aus dem Nischendasein ins Hauptprogramm der Sportsendung Ran geholt. Von vielen unbemerkt, wurde die Sportart zu einem viralen Phänomen auf der Webseite und in den sozialen Netzwerken und hat die Marke „Ran“ neu und jung aufgeladen. Football ist angekommen bei den jungen Sportfans.

„D-U-V-A-L“, der Schlachtruf der Jaguars steht in einzelnen Buchstaben auf den türkisfarbenen T-Shirts der 53-jährigen Phil und ihrer mitgereisten Familie und Freunde aus Jacksonville in Florida. Sie fährt mit der Metropolitan Line der Londoner Metro, die zum Wembley-Stadion und zurück führt. „Was für ein tolles Wochenende“, jubelt sie, obwohl ihr Team 3:26 verloren hat. Sie hat ein T-Shirt der London-Games gekauft und Marshmallows. Diesen süßen Geruch gibt es bei keiner anderen europäischen Sportart. Vielleicht riecht so ja American Football?

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