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Katrin Thoma und Sophia Krause bringen ihr Boot im Gleichklang auf Tempo.

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Im Fluss

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Katrin Thoma und Sophia Krause bilden ein harmonisches Ruderteam in einem wenig harmonischen Umfeld – über die Geschichte einer jungen Freundschaft, die bis zu den Olympischen Spielen führen könnte

Ende August wird es ernst für Katrin Thoma und Sophia Krause. Denn bei der Ruder-Weltmeisterschaft in Österreich geht es für die beiden Frauen nicht nur um einen der vorderen Plätze auf der Regattastrecke Linz–Ottensheim – auf dem Spiel steht auch die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio. Nur die besten sieben Teams ihrer Klasse, dem Leichtgewichts-Doppelzweier, dürfen nach Japan fahren.

Ralf Hollmann trainiert Katrin Thoma und Sophia Krause beim Deutschen Ruderverband (DRV). Er weiß: „Es wird sehr schwer, das muss man ehrlich sagen.“ Aber er glaubt fest daran, dass „eine Chance da ist“. Denn: „Katrin und Sophia haben sich gut entwickelt, und vielleicht ist es ein Vorteil, dass die internationale Konkurrenz nicht mit uns rechnet.“

Mit solchen Situationen kennen sich Katrin Thoma und Sophia Krause aus. Es gab da zum Beispiel dieses eine Rennen beim Weltcup im polnischen Posen, Ende Juni, womöglich ein kleines Erweckungserlebnis. Thoma und Krause waren in den Hoffnungslauf gekommen, in dem sich nur die ersten zwei Teams für die Halbfinals qualifizieren, und nach 1500 von 2000 Metern lag das deutsche Boot auf Platz drei, fast drei Sekunden hinter den Kanadierinnen. Am Ende waren die Deutschen schneller – um die Lächerlichkeit einer Hundertstelsekunde.

„Wir haben erst gedacht, es hat nicht gereicht“, erinnert sich Sophia Krause, 22, bei einem Treffen auf dem Gelände des Frankfurter Rudervereins Germania am Main. „Dann zu hören, dass man es geschafft hat: Das sind Momente, die unheimlich zusammenschweißen.“ Überhaupt hat sich ein bemerkenswertes Miteinander entwickelt zwischen Krause, die für den Limburger Club für Wassersport startet, und der 28-jährigen Katrin Thoma, die als gebürtige Frankfurterin für Germania rudert. Im Herbst 2018 saßen die beiden zum ersten Mal gemeinsam im Doppelzweier, und schnell war klar, dass es passt – sportlich und menschlich. Keine Selbstverständlichkeit angesichts des gnadenlosen Leistungsdenkens, das den Rudersport auf Topniveau prägt.

Katrin Thoma – 2015 Weltmeisterin im Leichtgewichts-Doppelvierer und Sportlerin des Jahres in Frankfurt – sagt: „Es ist einfach schön, wenn man jemanden gefunden hat, der nicht aufgrund eines schlechten Ergebnisses sagt: Oh, jetzt will ich aber nicht mehr mit dir rudern. Das ist ganz extrem bei uns in der Bootsklasse.“ Für die Leichtgewichte – bei den Frauen sind das im Mannschaftsschnittgewicht maximal 57 Kilogramm – gibt es nur eine olympische Klasse, den Doppelzweier. Entsprechend heftig ist der Kampf um die Plätze. Krauses Brüder rudern ebenfalls. „Die wundern sich immer, was erwachsene Menschen, die mitten im Berufsleben stehen, zum Teil abziehen im Sport.“ Sitzen zusammen in einem Boot, aber nicht gemeinsam.

Es sei eher der Normalfall, dass es zwischenmenschlich wenig harmonisch zugeht, obwohl es sportlich vielleicht gut passt, sagt Ralf Hollmann, 51, Trainer bei Germania Frankfurt und dem DRV. „Letztlich ist es zwar Teamsport, aber um in ein Boot reinzukommen, muss man sich gegen eine große Konkurrenz durchsetzen“, erklärt der Studienrat, der für seine Rudertätigkeit zurzeit vom Schuldienst befreit ist. „Es geht da um individuelle Bedürfnisse, die in einer Zweckgemeinschaft zusammengehalten werden. Mehr ist das oft nicht, das muss man ganz klar sagen.“

Doch, da ist mehr, finden Katrin Thoma und Sophia Krause. Da muss mehr sein. „Wir glauben, dass es extrem wichtig ist, dass man sich außerhalb gut versteht und sich zu hundert Prozent vertrauen kann“, sagt Krause. Ständig sind sie zusammen im Trainingslager, aktuell zum Beispiel in Berlin, im Laufe des Jahres schon in der Türkei, in Spanien und in Portugal. „Da muss man irgendwie durchkommen, und wenn man es mit jemandem macht, mit dem man sich nicht so gut versteht, kann das eine richtige Qual sein.“ Obwohl sie im Studium derzeit sehr eingespannt sind – Thoma promoviert gerade in Physik, Krause studiert Gesundheitspsychologie – verbringen sie auch außerhalb des Bootes gerne Zeit miteinander, joggen, fahren Rennrad und schauen sich die Städte an, in die sie der Sport verschlagen hat.

„Die sind auf einer Wellenlänge“, sagt auch Trainer Hollmann, aber wenn er von Harmonie im Team spricht, meint er natürlich nicht nur das Zwischenmenschliche. „Vom ersten Schlag an hat es rudertechnisch relativ gut funktioniert zwischen den beiden.“ Es geht um einen hochkomplexen Ablauf, der perfekt abgestimmt sein muss, darum, wann die Ruderblätter ins Wasser getaucht werden, in welchem Winkel, wie lange. Unendlich viele Details, die es in Einklang zu bringen gilt.

„Im Unterschied zum Vierer oder zum Achter muss es im Doppelzweier aufs Mü passen im Zusammenspiel“, erklärt Hollmann: „Es geht da nicht nur um die Physis und darum, wie schnell man den Einer fährt. Die Kunst ist, immer an derselben Stelle dasselbe zu tun.“ 90 Prozent vom Rudern lernt man in zehn Minuten, heißt es – an den übrigen zehn Prozent feilt man sein Leben lang. Wäre es alleine um die Individualleistung gegangen, säßen Katrin Thoma und Sophia Krause wohl nicht mehr im deutschen Leichtgewichts-Doppelzweier. Andere waren schneller bei der alljährlichen Leistungsüberprüfung des DRV im Frühjahr, bei der alle im Einer antreten. Früher hätte man das umkämpfte Boot womöglich gleich neu besetzt, aber inzwischen wird eine andere Strategie verfolgt. Teams wird mehr Zeit gegeben, sich aneinander zu gewöhnen und miteinander zu wachsen. So wie Katrin Thoma und Sophia Krause, die sich stetig verbessert haben und auch nach Rückschlägen zu Beginn des Jahres nicht eingeknickt sind. „Ich bin sehr dankbar, dass ich das in der Form noch mal erleben darf“, sagt Katrin Thoma. „Es macht unheimlich Spaß mit Sophia.“

Am schönsten sind die Momente, in denen sie in den Flow kommen, sagen die Sportlerinnen; die Momente, in denen alles eins wird, der Mensch mit dem Mensch und dem Boot und dem Wasser. Dann wird Rudern zur Meditation, zu einem Schwebezustand jenseits von Zeit und Raum. Was die Schmerzen im Wettkampf zwar nicht kleiner macht, wenn man auf den letzten 500 Metern drei Sekunden auf ein kanadisches Boot gutmachen muss. Aber das Glück umso größer, wenn es gelingt.

FR-Serie „Du gehörst zu mir“

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde Anfang Mai 70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“.

Das Serien-Thema wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit jeweils eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Das Ressort Sport hat sich in den vergangenen zwei Wochen dem Oberthema „Symbiosen“ gewidmet.

Heute endet der Schwerpunkt mit einem Porträt zweier Rudersportlerinnen. Sportredakteur Jakob Böllhoff erzählt, wie sie im Gleichklang ihr Boot auf Tempo bringen.

In der kommenden Woche startet das Wirtschafts-Ressort seinen Schwerpunkt „Wirtschaft, die verbindet“. Zum Auftakt befasst sich FR-Autor Joachim Wille mit der Frage, wie man Gemeinsinn schafft. Und Stephan Kaufmann schaut sich genauer an, ob Kapitalismus wirklich spaltet.

Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir.

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