Schnell unterwegs: Ousman Manneh.
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Schnell unterwegs: Ousman Manneh.

Werder Bremen

Flucht in den Traum

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Zwei Jahre nach seiner Ankunft aus Gambia spielt Ousman Manneh in der Bundesliga.

Eine Woche ist es jetzt her, dass der SV Werder ein Testspiel beim FC St. Pauli (1:1) bestritt. An einem „schmuddeligen Donnerstagabend“, wie der Stadionsprecher am Millerntor verkündete, wo sich in der Mehrzahl Fußballfreaks einfinden, die die schönste Nebensache der Welt nicht von der politischen Großwetterlage abkoppeln. „Kein Mensch ist illegal“, steht etwa auf einem Spruchband in der Kurve, auf die der Bundesligist in der zweiten Halbzeit anspielte. Eingewechselt zu diesem Zeitpunkt einer, von dem noch gar kein Porträtfoto für die Videotafel vorhanden war: Ousman Manneh, Nummer 47. Aber gerade die Nummer eins im Bremer Sturm.

Es ist zu vermuten, dass der 1,89-Meter-Schlaks wieder beginnen darf, wenn Werder das Bundesliga-Heimspiel gegen Bayer Leverkusen (Samstag 18.30 Uhr) bestreitet. Neuzugang Max Kruse und Torgarant Claudio Pizarro fehlen noch wochenlang. Aber es ist trotzdem erstaunlich, dass der neue Trainer Alexander Nouri auf einen 19-Jährigen setzt, der erst vor zwei Jahren aus Gambia nach Deutschland geflüchtet ist. Manneh hat immerhin den US-amerikanischen Nationalspieler Aron Johannsson und das Toptalent Johannes Eggestein verdrängt; der eine (Johannsson) hat fast fünf Millionen Euro Ablöse gekostet, der andere (Eggestein) gilt als eine der seltenen Sturmhoffnungen im Lande.

In der Startelf stand stattdessen dreimal Manneh, der zu Nouris Trainer-Einstand gegen den FSV Mainz (1:2) wie Phönix aus der Asche auftauchte. Fußballlehrer, die aus der eigenen U23 befördert werden, haben meist ein, zwei Asse aus ihrer Mannschaft im Ärmel, und Nouri spielte nicht zufällig die Manneh-Karte. „Er hatte im Training viele Argumente geliefert“, erklärte der 37-Jährige hinterher. „Die Idee war, dass er dem Gegner vorne Stress machen sollte.“ Nouri erzählte Manneh einen Tag vorher, dass er auf ihn setzen würde – und prompt konnte der die ganze Nacht nicht schlafen.

Trotzdem heimste er viel Lob ein, allein für seinen unermüdlichen Einsatz. Der neue Mittelstürmer ist keiner, dem der Ball blind gehorcht. Manneh tritt als Arbeiter auf, dem kein Zweikampf zu schade, kein Weg zu weit ist – und der auf alles hört, was ihm der junge Trainer flüstert. Denn als er im März 2015, einen Tag nach seinem 18. Geburtstag, den Profivertrag unterschrieb, war Nouri an seiner Seite. Als Coach der zweiten Werder-Mannschaft. Und als vertrauensvoller Förderer.

Vorbilder: Ibrahimovic und van Persie

Rückblende: Manneh verließ 2014 als Minderjähriger sein diktatorisch besetztes Heimatland, in dem seine Mutter und Schwester heute noch leben. Er ist einer von abertausenden unbegleiteten Flüchtlingen, die in Deutschland auf eine bessere Zukunft hoffen. Er kam zunächst in eine Flüchtlingsunterkunft in Bremen-Lesum, und um den ersten Halt zu finden, half ihm der Fußball. „Seit ich klein war, wollte ich immer nur Fußball spielen“, erinnert er sich, das habe er den Leuten, die er in Bremen kannte, gesagt. Einer davon war Fabrizio Muzzicato, der 2014 die A-Junioren des Blumenthaler SV trainierte. Manneh hatte schon beim FC Huchting und SC Borgfeld mittrainiert, schloss sich aber dem Verein in Bremen-Nord an, vielleicht auch, weil „wir noch fünf, sechs andere Afrikaner im Kader hatten“, wie Muzzicato glaubt.

Den ersten Auftritt seines Neuankömmlings bei einem Turnier gegen den Nachwuchs  des SV Meppen hat der Deutsch-Italiener nicht vergessen. „Ousman hat fünf Tore gemacht, ist spielend leicht an den Gegnern vorbeigegangen, das war nicht normal.“ Ein Ausnahmetalent, befand der Entdecker in der „Kreiszeitung Syke“, „hungrig und ehrgeizig, intelligent, sympathisch und bodenständig – insgesamt eine sehr gute Kombination.“

Das dachte wohl auch der SV Werder, der das Talent an sich band, bevor andere Klubs – angeblich waren der Hamburger SV, Schalke 04 und St. Pauli interessiert – das Rennen machten. Zumal Manneh gar nicht weg wollte: „Hier habe ich Freunde gefunden, die mir helfen können. Warum soll ich also weggehen?“ Trotzdem hat es gedauert, bis er zu den Profis durchstarten durfte. Ihm glückte im Juli 2015 zwar mal ein Viererpack in einem Testspiel in Wilhelmshaven, doch dann verschwand er zunächst im Drittliga-Alltag. „Er brauchte einfach noch Zeit“, erinnert sich Nouri. Jetzt scheint sie gekommen.

Im Auswärtsspiel beim SV Darmstadt 98 (2:2) gelang ihm seine erste Torvorlage, auch wenn nur ein Sprinter wie Serge Gnabry einen eigentlich zu lang geratenen Pass erlaufen konnte. „Das war einer der größten Träume meines Lebens“, sagte Manneh. Zuletzt hat der Bundesligist seinen ungewöhnlichen Shootingstar, der nicht mehr zur Schule geht, aber noch Sprachunterricht nimmt und sich auf Englisch, aber auch teilweise schon auf Deutsch verständigt, sogar in eine Medienrunde geschickt.

Er hat erzählt, dass er vieles noch verbessern könne, Weltstars wie der Schwede Zlatan Ibrahimovic oder der Niederländer Robin van Persie seine Vorbilder seien und er auch mal einer der besten Stürmer der Welt sein wolle. Nur über eines wollte er nicht reden: die Umstände seiner Flucht. Selbst gegenüber den klubeigenen Medien nicht. Denn: „Ich muss nicht immer wieder danach gefragt werden, denn dann erinnere ich mich an das, was passiert ist. Und dann kommt alles wieder hoch.“ Den Traum, den er gerade lebt, unterbrechen wahrscheinlich immer noch Albträume.

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