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Flotter Feger

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Von: Frank Hellmann

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Bringt Tempo ins Spiel: Serge Gnabry bei einem Einsatz für die deutsche U21.
Bringt Tempo ins Spiel: Serge Gnabry bei einem Einsatz für die deutsche U21. © imago

Serge Gnabry ist der einzige Lichtblick bei Werder Bremen – und nach seinen vielversprechenden Auftritten bei den Olympischen Spielen endlich reif für die A-Nationalmannschaft.

Kann es sein, dass das Haupthaar noch ein bisschen heller blondiert ist? Und Serge Gnabry beim Coiffeur seines Vertrauens nachgeholfen hat? Aber auch ohne auffällige Haarpracht taugt der junge Mann als besondere Erscheinung, Bundestrainer Joachim Löw hat durchblicken lassen, bei der letzten Länderspielreise des Jahres auch die junge Garde von der Leine zu lassen. Spätestens in Mailand wolle er Yannick Gerhardt, Benjamin Henrichs oder eben Gnabry sehen.

Aus dem Trio der designierten Debütanten bringt der Sohn eines Ivorers und einer Schwäbin einen Vorteil ein: Der in Stuttgart geborene Irrwisch hat ein herausragendes Olympisches Fußballturnier mit einem halben Dutzend Toren hingelegt und zuletzt in der U21-Nationalmannschaft aufgetrumpft. Seine Beförderung wirkt logisch. Aus dem Dauerreservisten vom FC Arsenal ist beim SV Werder in Windeseile ein Leistungsträger geworden.

Die halbe Bundesliga jagte im Spätsommer den Flügelstürmer mit den flinken Beinen, und als ausgerechnet Bremen das Rennen machte, war das Rätselraten groß. Alsbald raunte die Branche, der FC Bayern habe einen mündlich vereinbarten Zugriff auf die vermeintliche Ribery-Robben-Kopie, wenn dessen rasante Entwicklung anhält. Werder-Aufsichtsratsmitglied Willi Lemke bestätigte in einer Talkrunde die Vermutung. Und so oft Geschäftsführer Frank Baumann danach dementierte: Der bis 2020 gebundene 21-Jährige wirbelt an der Weser wohl nur auf Zeit.

Nach einer bis hierhin ziemlich miesen Saison gilt Gnabry als einziger Lichtblick. Und er ist auch der einzige Neuzugang, der die Grün-Weißen wirklich weitergebracht hat. Während Manager-Neuling Baumann es geschafft hat, für die Abwehr gleich drei weitere Wackelkandidaten (Sane, Moisander, Diagne) zu verpflichten und für den Angriff der Königstransfer (Kruse) seit Saisonbeginn verletzt ausfällt, mimt der Fünf-Millionen-Einkauf den Alleinunterhalter. Ohne seine vier Tore und zwei Vorlagen stände Bremen dort, wo sich jetzt Ingolstadt und Hamburg aufhalten.

Zuletzt auf Schalke musste die Nummer 29 gar als einzige Spitze auflaufen, was ihn aber seiner Stärken beraubt. Er ist einer für die Eins-zu-Eins-Situationen mit Anlauf; er hat den Mut, zwei oder drei Gegenspieler einfach auszuspielen oder stehen zu lassen – eine Eigenschaft, die Löw nach eigener Aussage unbedingt braucht, um etwa einem verfahrenen Viertel- oder Halbfinale noch eine Wendung zu geben. Ein bisschen erinnert er mit seinem Tempo an David Odonkor – nur Gnabry hat die viel bessere (Schuss-)Technik. Interessant wird daher sein, was der sich beispielsweise im San Siro gegen die wenig zimperlichen Kaliber Chiellini oder Bonucci trauen würde.

Gnabry hat auf auf vielen Ebenen dazugelernt. Einmal mokierte er sich bei einer Pressekonferenz darüber, dass ihn sein Verein nicht über das Volksfest „Freimarkt“ aufgeklärt habe – diese Blöße wollte sich der Neu-Bremer nicht geben. Und er schützte Mitspieler Ousman Manneh, als dieser ob seiner technischen Defizite gerügt wurde. Der aus Gambia geflüchtete Stürmer habe doch eine andere Ausbildung genossen.

Eine andere als beispielsweise Gnabry selbst. Angeblich standen Scouts aus halb Europa an der Bande, als der noch für die B-Junioren des VfB Stuttgart auflief. Bei einem Turnier in Bad Ragaz sollen dann Arsenal-Späher auf ihn aufmerksam geworden sein und die Engländer holten das Toptalent im Sommer 2011. Da war Gnabry zarte 16. Arsenal-Übervater Arsene Wenger gab ihm ein Jahr später den ersten Profivertrag, setzte ihn in der Premier League und (gegen Schalke) in der Champions League für einige Minuten ein. Vom „German Wunderkind“ war die Rede, doch der Weg nach oben verläuft selten gerade.

Gnabry spielte in der Folgezeit bei den „Gunners“ nie die Rolle, die sich alle erträumt hatten. Mal klemmte ein Nerv im Rücken, dann streikte das Knie, aber es hieß auch, dass der Youngster selbst mitunter mehr habe tun können. Die Rückkehr nach Deutschland könnte die Befreiung gewesen sein, und die Lektionen, die ihm vielleicht diese Spielzeit der Abstiegskampf einbringt, können auch nicht schaden. Dass Gnabry im Bundesliga-Alltag bereits so viel nach hinten arbeiten musste, sei ein „super Reifeprozess“. Sagte jedenfalls kürzlich sein Berater Hannes Winzer, Trauzeuge des einst von Werder zu Arsenal gewechselten Nationalspielers Per Mertesacker.

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