1. Startseite
  2. Sport
  3. Sport A-Z

Fleming und sein Puzzle

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Timur Tinç

Kommentare

Musste in der Vorbereitung viel improvisieren: Chris Fleming.
Musste in der Vorbereitung viel improvisieren: Chris Fleming. © dpa

Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft startet mit vielen Ungewissheiten in die EM. Die Ukraine ist der erste Gegner.

Bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren griff Chris Fleming zu einer ungewöhnlichen Maßnahme. Der Basketball-Bundestrainer versammelte seine Mannschaft im Keller des Berliner Teamhotels, ließ die Spieler die Spielzüge ohne Gegenspieler durchlaufen und ging mit ihnen nochmal den Plan durch, den er sich für den jeweiligen Gegner ausgedacht hatte. Über die Vorrunde kam die deutsche Mannschaft vor eigenem Publikum dennoch nicht hinaus. Ob der US-Amerikaner das gleiche auch in Tel Aviv machen wird, ist nicht überliefert, genügend Gesprächsbedarf besteht allemal. Vor der ersten EM-Partie in der israelischen Hauptstadt am Donnerstag (14.45) gegen die Ukraine stellt sich die Frage: Wie gut ist das deutsche Team?

Rückschlüsse aus der mehr als holprigen Vorbereitung mit fünf Niederlagen in acht Testspielen lassen sich kaum ziehen, da Fleming nicht ein Mal mit der kompletten Mannschaft trainieren konnte. Wie schon in der Vergangenheit musste der 47- Jährige viel improvisieren. Das begann mit den Absagen von Paul Zipser (Chicago Bulls) und Maximilian Kleber (Dallas Mavericks), die keine Freigabe ihrer NBA-Teams erhielten. Es ging weiter mit den verletzungsbedingten Ausfällen von Maik Zirbes (Bayern München) und Niels Giffey (Alba Berlin), den Verletzungen während der Vorbereitung von Robin Benzing (Saragossa) und Johannes Voigtmann (Vitoria) –  und das i-Tüpfelchen war die Abreise von Daniel Theis, zu seinem neuen Team, den Boston Celtics, bei denen er fünf Tage lang trainierte, um am Samstag dann wieder zur Nationalmannschaft zu stoßen. Ein Irrsinn, der einmal mehr deutlich macht, dass die NBA-Klubs den Ton im internationalen Basketball angeben.

Chris Fleming hat das hingenommen. Der Assistenztrainer der Brooklyn Nets, der nach der EM als Nationaltrainer wegen seiner Anstellung in der NBA aufhört, hofft darauf, dass in Zukunft alle Spieler zur Nationalmannschaft kommen, „um den nächsten Schritt zu machen.“

Schröder als unumstrittener Führungsspieler

Umso wichtiger ist es für den Deutschen Basketball-Bund (DBB), dass Dennis Schröder einen Arbeitgeber NBA hat, der seine europäischen Spieler dazu ermuntert, bei großen Turnieren zu spielen. Der Point-Guard der Atlanta Hawks ist der unumstrittene Führungsspieler und war in allen Testspielen in denen er mitgewirkt hat der beste Punktesammler. Schon vor zwei Jahren war der 23-Jährige bei seinem ersten Turnier der wichtigste Spieler – trotz Dirk Nowitzki, der seine Karriere in der Nationalmannschaft danach beendet hat.

Im ersten Turnier nach der Ära Nowitzki wird sich zeigen müssen, ob Schröder in der Lage ist, das junge Team zu führen. „Es ist wichtig, dass Dennis allen anderen einen Schub gibt“, sagt Fleming. Mit ihm sei das Team zehn, 20 Prozent besser. Neben Theis, der zwischen der Power-Forward- und Centerposition agiert, soll auch viel über Voigtmann laufen.

Der 2,11 Meter große ehemalige Spieler der Frankfurt Skyliners spielt gerne etwas weiter vom Korb weg und ermöglicht so Räume für die schnellen Guards. Neben Schröder soll Maodo Lo (Bamberg) als Shooting-Guard agieren und ihn auch als Spielmacher entlasten. In seiner ersten Profisaison beim deutschen Meister hatte Lo zwar nur eingeschränkt Einsatzzeiten, hat aber zum Ende hin bewiesen, dass er den Drang hat, eine Hauptrolle einzunehmen. Die anderen Guards – Ismet Akpinar (Ulm), und Karsten Tadda (Oldenburg) – werden nur Nebenrollen spielen, bei Lucca Staiger (Bamberg) wird es darauf ankommen wie gut der Dreierspezialist eingesetzt wird.

Außer Lo hat auch Patrick Heckmann das Zeug, sich in den Vordergrund zu spielen. Der 25-Jährige ist die erste Option auf der kleinen Flügelposition, falls Kapitän Benzing wegen seiner Bänderverletzung ausfallen sollte. Der 28-Jährige war vor der Ankunft Schröders einer der auffälligsten Akteure. Auf internationalem Topniveau konnte er bislang jedoch nie überzeugen. Das hätte Paul Zipser sicher getan, der auf der Small-Forward-Position gesetzt wäre. Seine Variabilität und Athletik fehlen dem Team.

Das gleiche gilt auch für die Power-Forward-Position, wo Maximilian Kleber fehlt. Immerhin bringt Daniel Theis die gleichen Eigenschaften aufs Parkett, und Danilo Barthel (Bayern München) steht als weiterer bundesligaerfahrener Mann bereit, der wie Theis auch auf der Centerposition aushelfen kann.

Nun liegt es an Chris Fleming, aus den Puzzleteilen, eine gute Einheit zu formen, die die richtige Balance hat. In den Testspielen machte er eine Schwäche bei den Defensivrebounds und bei der Verteidigung auf den Flügeln aus. Um das zu verbessern, hatte er lediglich drei Einheiten - inklusive der am heutigen Mittwoch - mit allen zwölf Auswahlspielern. „Wir müssen viel Energie investieren, um einen guten Start hinzulegen“, sagt der Bundestrainer.

Für den Europameister von 1993 spricht der Spielplan. Die Gegner in der Gruppe B werden von Spiel zu Spiel stärker. Nach der Ukraine folgen Georgien, Gastgeber Israel, Italien und Mitfavorit Litauen. Flemings Hoffnung ist, dass sich seine Spieler peu à peu steigern, bis sie reif genug sind für die Topteams. Um es in die K.o.-Runde zu schaffen, die in der Türkei ausgespielt wird, muss das deutsche Team mindestens Gruppenvierter werden. Zumindest das sollte nach sechs Jahren endlich wieder gelingen. Danach wird sich zeigen, inwieweit das Puzzle passt.

Auch interessant

Kommentare