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Die Fernsehgelder bringen den Fußball erst richtig ins Laufen.

Fernsehgelder

Feiertag für Traditionsvereine

Künftig soll nicht allein sportlicher Erfolg über die Fernsehgelder der Fußball-Klubs in den ersten beiden Ligen entscheiden. Der neue Verteilungsschlüssel enthält verschiedene Aspekte.

Von Frank Hellmann und Jan Christian Müller

Willi Lemke und Heribert Bruchhagen gelten bis heute als Gerechtigkeitsfanatiker des deutschen Fußballs. Der eine (Lemke) hat seit vergangenen Montag kein offizielles Amt mehr beim SV Werder, der andere (Bruchhagen) hörte im Sommer bei Eintracht Frankfurt auf. Vorschläge zur Verteilung der sprudelnden TV-Gelder haben beide trotzdem gemacht. Lemke, 70, hielte es für gut, allen 18 Bundesligisten denselben Betrag zukommen zu lassen. „Alle liefern ihre Leistung, ihre 17 Heimspiele, die live übertragen werden.“ Ergo: „Alle kriegen das gleiche Geld.“ Die Spitzenvereine wären doch durch den Europacup ohnehin begünstigt. Bruchhagen, 68, ging auf der Managertagung vergangenen Sommer noch einen Schritt weiter und regte eine „umgedrehte Ausschüttung“ an: Der Tabellenletzte bekäme danach die höchsten Fernsehgelder, der Erste die niedrigsten. So würde in US-amerikanischen Profiligen erfolgreich die Leistungsdichte bewahrt.

Wenn nun am heutigen Donnerstag in Frankfurt-Niederrad die Lizenzvereine der Ersten und Zweiten Bundesliga darüber informiert werden, wie künftig die Ausschüttung der nationalen und internationalen Medieneinnahmen ab 2017/2018 aussieht, dann mitnichten nach jenem Schlüssel, den Lemke oder Bruchhagen empfahlen. Und doch wird die Verteilung nach FR-Informationen einen Wendepunkt markieren: Nicht mehr allein sportliche Kriterien gelten, sondern das ausgeklügelte Modell sieht für die nationalen Erlöse (4,64 Milliarden Euro bis 2021) „weiche Faktoren“ vor, einen wie auch immer gearteten Marktwert. Aus DFL-Kreisen ist von einer „Überraschung“ die Rede, die satzungsgemäß das neunköpfige Präsidium getroffen hat, dem Geschäftsführer Christian Seifert („Wir müssen solidarisch, aber nicht sozialistisch sein“) angehört.

Insgeheim freuen dürfte dies das „Team Marktwert“, um das es zuletzt zwar ruhig geworden war, seine Bemühungen im Hintergrund aber indes nie eingestellt hatte. Und über Vertretungen im Liga-Vorstand – allen voran Klaus Filbry (Werder Bremen) und Peter Peters (Schalke 04) – wurde offenbar ganze Arbeit geleistet, um diesen Aspekt in einen höchst komplexen Verteilungsschlüssel für die jährlich rund 1,5 Milliarden Euro einzupflegen. Zu den bisherigen zwei Säulen (65 Prozent als Sockelbetrag, 35 Prozent nach Tabellenplatz) kommt eine Dritte.

Im „Team Marktwert“ sind Werder Bremen, Eintracht Frankfurt, Hamburger SV, Hertha BSC, 1. FC Köln und VfB Stuttgart zusammengeschlossen, die angeregt hatten, TV-Reichweite, Beliebtheit oder Fanbasis zu berücksichtigen. Möglicherweise spielen auch Social-Media-Aktivitäten eine Rolle. Diese Vereine hoffen auf Mehrerlöse bis zu zehn Millionen Euro. Frankfurts Vorstand Axel Hellmann hatte den Vorstoß zuletzt im FR-Interview begründet: „Wenn Pay-TV der große wirtschaftliche Treiber der Bundesliga ist, muss es am Ende bei den Vereinen einen stärkeren Rückfluss geben, die mit ihren Fanmassen das Pay-TV-System speisen.“ Ein Argument, das wohl Gehör gefunden hat.

„Wir haben das ja nicht neu erfunden. Das wird in anderen europäischen Ländern ja schon gemacht“, verriet Filbry dem „Weser-Kurier“. In England, Italien, Spanien und den Niederlanden ist das längst Usus, auch hierzulande könnte vielleicht bald ein Sky-Kunde seinem Lieblingsverein indirekt helfen, wenn er als Abonnent fleißig einschaltet. Seifert hatte sich dagegen ohnehin nie vom Grundsatz her gesperrt. Nur mit der Krise der Traditionsvereine könne er wenig anfangen, erklärte der DFL-Chef Anfang des Jahres bei der Vorstellung des Liga-Reports, „wenn jemand eine starke Marke mit Fanbasis und Historie ist, dann fehlt mir die Erklärung dafür, warum Mainz oder Augsburg vor ihm steht“.

Genau jene Klubs dürften über den neuen Verteilungsschlüssel wenig begeistert sein, denn ihnen half ja zuerst der gute Tabellenplatz, um auch im Fernsehgeld-Ranking aufzusteigen. Noch größer dürfte der Unmut bei der zweiten Liga werden, wenn diese nicht weiter mit 20 Prozent aus der Inlandsvermarktung bedacht und von den steigenden Einnahmen aus der Auslandsvermarktung abgekoppelt wird. Jeder Zweitligist bekommt von den mittlerweile 164 Millionen Euro aus den internationalen Erlösen nur 100 000 Euro ab – für St.-Pauli-Manager Andreas Rettig ein „Nasenwasser“. Seifert kann sich vorstellen, dass in den boomenden asiatischen Märkten bald noch viel, viel mehr Geld erwirtschaftet werden kann, die Prognosen reichen bis zu 500 Millionen Euro pro Saison bis zum Jahr 2020. Davon sollen – und so könnte der ausgearbeitete Kompromiss gehen – zuvorderst jene Klubs profitieren, die kraft ihrer sportlichen Leistung die Liga wirklich international, also in Champions und Europa League, repräsentieren.

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