Gedenkort Nürnberg: Ultras erinnern an den von Nationalsozialisten vertriebenen Trainer.
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Gedenkort Nürnberg: Ultras erinnern an den von Nationalsozialisten vertriebenen Trainer.

Ultras gegen Rassismus

Fans fordern: Nie wieder

Die Bundesliga nimmt sich verstärkt des Themas Rassismus und Antisemitismus an. Viele Vereine haben in den vergangenen Jahren ihre NS-Geschichte aufgearbeitet. Die Initiative dazu geht oft von den Fans aus.

Von Christoph Ruf

Die Bundesliga nimmt sich verstärkt des Themas Rassismus und Antisemitismus an. Viele Vereine haben in den vergangenen Jahren ihre NS-Geschichte aufgearbeitet. Die Initiative dazu geht oft von den Fans aus.

Ende Januar, beim 2:0-Erfolg in Stuttgart, reckten tausende FC-Bayern-Fans eine aufwendig gestaltete Stoffbahn der Ultra-Gruppierung „Schickeria“ in die Höhe. Die Aufschrift erinnerte an einen Mann, der im kollektiven Gedächtnis der Münchner fast schon in Vergessenheit geraten war: Richard „Dombi“ Kohn. Unter der Regie des jüdischen Coaches holten die Bayern 1932 den ersten von 22 nationalen Meistertiteln.

„Ein tolles Erlebnis“, berichtet Eberhard Schulz von der Evangelischen Versöhnungskirche in Dachau, der mit nach Stuttgart gereist war und zusammen mit etwa 100 Ultras die Ausstellung in der „FC-Bayern-Erlebniswelt“ besucht hatte. In seinem Museum widmet der Verein gleich mehrere Stellwände seiner Geschichte in den ersten Jahrzehnten, die maßgeblich von jüdischen Offiziellen geprägt wurde.

Engagement der Bayern-"Schickeria"

„Dass sich der Verein heute so geschichtsbewusst zeigt, hängt mit dem Engagement der Schickeria zusammen“, sagt Schulz. Die Ultras richteten schließlich seit Jahren ein antirassistisches Fußballturnier zu Ehren des langjährigen jüdischen Bayern-Präsidenten Kurt Landauer (1884-1961) aus. Schulz hat zusammen mit seinen Mitstreitern von der Initiative „Nie wieder“ und in Zusammenarbeit mit der Bundesliga Stiftung der Deutschen Fußball Liga den „Erinnerungstag“ des deutschen Fußballs initiiert, bei dem am Jahrestag der Befreiung des KZs Auschwitz in allen Stadien des Holocausts gedacht wurde. Vielerorts unterstützten Fans mit selbstgestalteten Transparenten die offizielle Aktion.

Wenige Tage zuvor waren 200 Fans des 1. FC Nürnberg ins FCN-Clubzentrum gekommen, um zu hören, was Evelyn Konrad (84), Tochter des von den Nazis vertriebenen Coaches Jenö Konrad, über ihren Vater zu berichten hatte. Auch diese Aktion ging auf eine Initiative von „Ultra“-Fans zurück. Acht Wochen lang hatten die bereits im Herbst 2012 an der Choreographie zum Gedenken an den einstigen Trainer gearbeitet. Das über die gesamte Kurve gespannte Mosaikbild präsentierten sie am 17. November zum Heimspiel gegen den FC Bayern. „Ohne das Engagement der Ultras wären wir nicht so konsequent aktiv geworden“, sagt dann auch Manager Martin Bader, der symbolisch alle Vereinsausschlüsse aus der NS-Zeit annullierte.

Ähnlich würden sich wohl die Manager vieler anderer Profivereine äußern. Die „Supporters“ des Hamburger SV finanzierten 2007 und 2008 die Sonderausstellung „Die Raute unter dem Hakenkreuz“. Beim Lokalrivalen FC St. Pauli sorgte die Fan-Basis-Organisation „Arbeitsgemeinschaft interessierter Mitglieder“ für die Umbenennung des Stadions, das bis 1998 nach einem NSDAP-Mitglied benannt war. Auch der Beitritt des Vereins zum Entschädigungsfonds jüdischer Zwangsarbeiter geht auf eine Faninitiative zurück. Keine Einzelfälle – der Autor Werner Skrentny führt in seinem Buch „Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet.“ viele weitere Beispiele für das Engagement von Fans auf.

Preis für Eintracht Frankfurt

Wenn mittlerweile dutzende Profivereine ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten ließen, geht das nicht selten auf die Initiative engagierter Fans zurück. Das Engagement von Frankfurter Fans wurde im Oktober vergangenen Jahres mit dem „Julius-Hirsch-Preis“ honoriert, zwei Fanclubs hatten im Herbst 2011 zusammen mit dem Fanprojekt eine Bildungs- und Begegnungsreise mit jungen Fans zu den Gedenkstätten in Auschwitz und Birkenau sowie nach Krakau unternommen. „Das arbeitet in einem und bleibt wochenlang im Kopf“, berichtete Sebastian Beck vom Fanprojekt nach dem Besuch.

Auch im Eintracht-Museum wird die NS-Zeit aufgearbeitet. Museumsleiter Matthias Thoma veröffentlichte 2007 das Buch „Wir waren die Juddebube“ über die Geschichte der Eintracht im Dritten Reich. Auch kleinere Vereine wie der Würzburger FV gedenken mit sogenannten „Stolpersteinen“ ihrer in der NS-Zeit ermordeten Mitglieder – auch hier wäre das undenkbar gewesen ohne die Initiative engagierter Mitglieder und Fans.

Christian Mössner von „Ultras Nürnberg“ fragt sich, warum so viele Menschen davon ausgehen, dass in den deutschen Fankurven (die samt und sonders von der Ultrakultur geprägt sind) der Rechtsradikalismus fröhliche Urstände feiert. Und das, wo sich eigentlich alle Szenebeobachter einig sind, dass mit dem Aufkommen der Ultra-Kultur auch der Rassismus in den allermeisten Fankurven zurückgegangen ist. „Eines steht mal fest“, sagt Mössner sehr bestimmt, „wenn bei uns in der Kurve ein antisemitischer Spruch zu hören ist, wird das auf dem kürzesten Dienstweg unterbunden.“

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