+
Alles, aber kein klassische Neun: Mario Götze.

Kommentar

Falsch verliebt

Auch die DFB-Spieler, die zuvor noch geglaubt hatten, sie bräuchten keine klassische Neun, sind inzwischen bekehrt. Sie wollen wieder eine Neun. Ein Kommentar.

Von Jan Christian Müller

Es ist nicht so, dass Oliver Bierhoff die Art und Weise des Fußballs nach der reinen Lehre des Joachim Löw schon immer saublöd fand. Aber gewundert hat sich der ehemalige Strafraumstürmer, der immer sehr genau wusste, wo die Kiste steht, über die Jahre dann schon ein wenig. In Norwegen hat der Manager Bierhoff noch mal den Torjäger Bierhoff aufwachen lassen. Und siehe da: Das ewige Tiki-Taka, das die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vom FC Barcelona in weiten Teilen übernommen hatte, ist ihm bisweilen gehörig auf die Nerven gegangen sein: „Wenn du immer nur in die Füße spielst, sieht das aus wie im Handball.“

Oliver Bierhoff will nicht, dass Fußball aussieht wie Handball. Deshalb ist er froh, dass als Folge der Europameisterschaft, als deutschen Spielern in sechs Spielen nur mickrige sieben Tore gelangen, wieder mehr auf urwüchsige Wucht, auf Flanken von der Grundlinie und auf Sprints in die Tiefe gesetzt wird. Bierhoff moniert, die Nationalmannschaft sei zu „systemverliebt und taktikfixiert“ gewesen. „Man hat gesehen, dass man mit einfachem Ballbesitz nicht weiterkommt.“ Er hat recht.

Auch Thomas Müller hat ein ganz ähnliches Phänomen ausgemacht. Deutschland mangle es schlicht an „diesen Torjägern, die nur darauf aus sind, den Ball über die Linie zu bugsieren“. Eine „Typfrage“, wie Müller findet. Aber auch eine Frage, auf die Joachim Löw lange Zeit Antworten gar nicht erst gesucht hat. Oliver Bierhoff kennt die Antwort. Er erinnert an die EM 2004, als Griechenland mit dem Mittelstürmer Angelos Charisteas zum Sensationserfolg kam, oder 2000, als David Trezeguet Frankreich zum EM-Titel schoss, oder 1996, als er selbst im Endspiel entscheidend traf. Auch die DFB-Spieler, die zuvor noch geglaubt hatten, sie bräuchten keine klassische Neun, seien inzwischen bekehrt, glaubt Manager Bierhoff. Sie wollen wieder eine Neun.

Das sind keine guten Aussichten für Mario Götze, der in Norwegen einige Male darunter leiden musste, dass er selbst mit allergrößter Mühe keine Chance hatte, mit dem Kopf an hohe Flanken zu kommen. Und der darüber hinaus in seiner gegenwärtigen Verfassung auch keiner ist, der im Speed in die Tiefe geht, um gegnerische Defensiven zu knacken.

Die Suche nach der klassischen Neun galt in Deutschland ein paar Jahre als überflüssig, sie wird jetzt wieder intensiver stattfinden, aber einige Mühen kosten. Der einzige ernsthafte Bewerber, Mario Gomez, hat sich in Wolfsburg gesundgemeldet. Immerhin.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion