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Präzise mit dem Pfeil: Fallon Sherrock.

Darts-WM

Fallon Sherrock: Revolution am Board

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Frauen begleiten bei der Darts-Weltmeisterschaft bislang nur eine Nebenrolle - das hat Fallon Sherrock geändert. Die 25 Jahre alte Engländerin hat die Welt der Pfeilewerfer mit ihrem Zweitrundensieg gegen Mensur Suljovic auf den Kopf gestellt.

Fallon Sherrock hielt sich die Hand vor den Mund, während sie in die Zuschauermenge des Alexandra Palace blickte, die vollkommen eskalierte. Die 3000 Darts-Fans tanzten und jubelten der 25-Jährigen zu, die gar nicht fassen konnte, was sie da am Samstagabend in London eben erreicht hat. „Ich weiß gar nicht, wie ich schlafen soll. Ich bin voller Adrenalin“, sagte sie nach ihrem sensationellen 3:1-Sieg gegen den Weltranglisten-Elften Mensur Suljovic aus Österreich und Mitfavoriten dieser Darts-Weltmeisterschaft. Sherrocks Märchen geht am Freitag gegen den Weltranglisten-22. Chris Dobey weiter. Und jeder, der geglaubt hat, ihr historischer Sieg als erste Frau gegen einen Mann bei einer WM am Mittwoch gegen Ted Everett, wäre ein One-Hit-Wonder oder einfach nur eine nette Story gewesen, hat sich mächtig geirrt. Gegen Suljovic, der vom Publikum permanent ausgebuht und somit entnervt wurde, hatte Sherrock einen Drei-Darts-Durschnitt von 90,67 Punkten, was okay ist. Und eine Doppelquote von 69 Prozent, was Weltklasse ist.

Egal wie das Drittrundenmatch der Engländerin gegen Dobey ausgehen wird, egal wer am Ende Weltmeister wird, die gelernte Friseurin aus Buckinghamshire hat die Darts-Welt verändert. Eine kleine Revolution angestoßen. Zum zweiten Mal überhaupt hatte die Professional Darts Cooperation (PDC) zwei Startplätze bei dieser WM für das weibliche Geschlecht reserviert. „Die Zeiten ändern sich“, hatte PDC-Präsident Barry Hearn seinerzeit gesagt. Die PDC hat im Gegensatz zur British Darts Organisation (BDO) Männer und Frauen nie getrennt behandelt. Hearn war und ist strikt dagegen. Die BDO, die zweitgrößte Darts-Organisation, trägt seit 2001 neben der Männer-WM auch parallel eine Frauen-WM aus. Dort hat es Sherrock, die 31 Turniersiege vorzuweisen hat, übrigens nur einmal, 2015, ins Finale geschafft – und verloren. Frauen treten in der PDC schon immer im direkten Duell gegen Männer an. Da es erstens nicht so viele Dartsspielerinnen gibt, und die Männer-Konkurrenz in der Regel stärker ist, blieben viele in der BDO, um überhaupt Preisgelder zu gewinnen.

Die Kanadierin Gayl King war bei der Weltmeisterschaft 2001 die erste Frau, die an der PDC-WM teilnahm. Dass es dazu überhaupt kam, war dem Streit der zwei Darts-Organisationen PDC und BDO geschuldet. Die PDC hatte die Top acht der Frauen-Weltrangliste – die die BDO führte – zu einem World-Grand-Prix-Turnier eingeladen. Sie hatten auch alle zugesagt hatten, ehe die BDO ihnen damit drohte sie aus ihren Turnieren und Ranglisten zu verbannen. So sagten alle Angefragten ab – außer King. Da das Turnier nicht stattfinden konnte, bekam sie den 32. und letzten WM-Platz. Sie gewann den ersten Satz gegen Graeme Stoddart, verlor am Ende aber 1:3 gegen den Briten.

Im Jahr 2009 scheiterte die Russin Anastasia Dobromyslova auf der großen Dartsbühne im Alexandra Palace in London in der Qualifikationsrunde. Sie hatte wenige Wochen zuvor den Niederländer Vincent van der Voort beim Grand Slam of Darts als erste Frau einen Mann vor TV-Kameras besiegt. Bis zu Dobromyslovas zweitem WM-Auftritt dauerte es allerdings neun Jahre, nachdem sie sich zusammen mit der Engländerin Lisa Ashton über die erstmalig ausgetragene Frauen-Qualifikationsrunde für das Turnier qualifizieren konnte. Dort scheiterte sie aber genauso wie Ashton in der ersten Runde.

Beim diesjährigen Turnier ist jedoch alles anders. Die Japanerin Mikuru Suzuki schnupperte gegen den Engländer James Richardson kurzzeitig an der Sensation, unterlag aber knapp mit 2:3. Das mitanzusehen, „hat mich noch entschlossener gemacht“, berichtete Fallon Sherrock nach ihrem Coup gegen Everett. „Es gibt mehr Frauen, die mein Level spielen können – wenn nicht besser. Wir brauchen mehr Möglichkeiten. Im Moment können sich nur zwei Frauen qualifizieren, vielleicht würde es helfen, die Zahl auf vier zu erhöhen.“

Matt Porter, Cheforganisator der WM hat schon nach Sherrocks Erstrundensieg in Aussicht gestellt, genau das zu tun. „Wir müssen sicherstellen, dass Frauen scharf darauf sind, in Darts involviert zu sein.“ Sei es als Spielerinnen, Zuschauerinnen, Offizielle oder vor dem TV. „Wir müssen ihnen das Gefühl geben, dass die Tür offen ist“, so Porter.

Fallon Sherrock hat diese Tür für Dartsspielerinnen ganz weit aufgestoßen. In den kommenden Monaten und Jahren wird sich zeigen, wie viele durch diese Tür gehen wollen und werden.

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