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Springt mit Prothese weiter als die Konkurrenz: Markus Rehm.

Weitspringer Markus Rehm

Fair springt vor

Prothesensportler Markus Rehm fordert weitere Analysen, der DLV eine Grundsatzlösung vom Weltverband.

Von Reinhard Sogl

Von Regensburg nach Kienbaum sind es 526 Kilometer. Zwischen dem DLV-Präsidenten Clemens Prokop, der dem Amtsgericht in der niederbayerischen Stadt vorsteht, und Prothesen-Weitspringer Markus Rehm, der sich aktuell in der brandenburgischen Sportschule auf die Behinderten-EM vorbereitet, scheinen derzeit aber Welten zu liegen. Während der oberste Funktionär des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) am Donnerstag die Nichtberücksichtigung Rehms für die Europameisterschaft vom 12. bis 17. August in Zürich mit dem Verweis auf die biomechanischen Analysen des 8,24-Meter-Sprungs verteidigte, erklärte der Paralympics-Sieger die Ergebnisse für untauglich. „Nur die Hälfte der Messungen sind gemacht worden. Es werden noch weitere stattfinden, ich werde das vorantreiben“, kündigte der 25-Jährige an. Juristische Schritte gegen die DLV-Entscheidung schloss der Athlet aus.

An einer komplexen Studie von Rehms Sprüngen hat auch der DLV Interesse. Allerdings verwies Prokop zum einen auf die auch zeitlich beschränkte Aussagekraft derartiger Gutachten, die „Momentaufnahmen“ seien wegen des technischen Fortschritts. Zum anderen sieht der ehemalige Weitspringer auch den Deutschen Behindertensportverband (DBS) in der Frage der Kostenübernahme in der Pflicht. Von mehreren Zehntausend Euro ist die Rede.

Weil die vom Verband im Januar 2014 geplante Expertise den Etat über die Maßen belastet hätte, verzichtete der Verband auf das Gutachten. Stattdessen wollte der DLV am 6. Juli in Dillingen jene Tests durchführen, die er am Samstag in Ulm schließlich vornahm. Rehm hatte die Einladung damals nicht angenommen. Mit dem heutigen Wissen, also den Erkenntnissen der Biomechaniker vom Olympiastützpunkt Hessen in Frankfurt, wäre der Behindertensportler wohl nicht in die Wertung gekommen. „Ich kann nicht ausschließen, dass er in Ulm nur außer Konkurrenz hätte starten dürfen“, sagte Prokop. Inklusion bedeute nicht zwangsläufig, im gleichen Wettkampf gemeinsam gewertet zu werden.

„Regel ist höchst unglücklich“

In der Schweiz hätte Rehm, über dessen mögliche Aberkennung seines Titels noch befunden werden muss, auf keinen Fall Meister der Nichtbehinderten werden können. In einem nationalen Zusatz zu Regel 144 der weltweiten Wettkampfbestimmungen formulierten die Eidgenossen: „Sind solche Technologien oder Geräte für Behinderte notwendig, um den Sport ausüben zu können, kann ihnen eine Teilnahme an nationalen Wettkämpfen außer Wertung erlaubt werden.“ Der DLV hält sich dagegen an die IAAF-Vorgabe, die den „Gebrauch von Technologien oder Geräten, die dem Nutzer einen Vorteil gewähren, den er bei regelgerechter Ausrüstung nicht hätte“, verbietet. „Diese Regel ist höchst unglücklich“, sagte Prokop. Die Frage eines Vorteils sei „schwierig zu beantworten.“ Prokop: „Wichtiger ist, ob die Leistungen vergleichbar sind.“ Sie sind es laut Experten wegen unterschiedlicher mechanischer Abläufe beim Absprung nicht.

Prokop kündigte zeitnahe Gespräche mit der IAAF an: „Wir werden eine grundsätzliche Klärung mit allem Nachdruck einfordern. Das kommt jetzt auf den Tisch, damit wir bis zum nächsten Kongress vor der WM 2015 in Peking Lösungen haben“, sagte Prokop, der auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) gefordert sieht. IAAF-Council-Mitglied Helmut Digel, der sich im Vorfeld gegen Rehms Wertung in Konkurrenz ausgesprochen hatte, betonte die „Maxime des Fairplay“ für Regelwächter: „Funktionäre müssen nicht jedermanns Darling sein.“ Im Gespräch mit der FR mahnte Digel Versäumnisse des DLV an: „Er hätte einen Antrag auf Änderung der Regel 144 stellen können, dass Behinderte und Nichtbehinderte nicht gemeinsam gewertet werden können.“ Der fertige Entwurf sei vom deutschen Verband aber nicht vorgebracht worden.

Prokop ist an Dialog gelegen. Schon nächste Woche wollen sich die Leistungssport-Chefs mit Rehm treffen. Der Leverkusener erklärte derweil, dass auch ihm Fairplay über alles gehe: Wenn ihm in weiteren Analysen „nachgewiesen wird, dass ich durch die Prothese einen Vorteil hatte, lasse ich alle Weiten aus der Liste streichen und gebe den Titel zurück.“

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