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Ganz auf sich fokussiert: Emanuel Buchmann.

Tour de France

„Er hat die Fähigkeit zu leiden“

Radsport-Trainer Dan Lorang über Vorzüge von Emanuel Buchmann und Vergleiche zu Jan Frodeno.

Dan Lorang hat sich in der Sportwelt als Trainer des Ironman-Weltmeisters und Hawaii-Siegers Jan Frodeno (2015, 2016) einen Namen gemacht. Seit Anfang 2017 arbeitet der in der Ausdauerszene für seine akribische Arbeit geschätzte Luxemburger für das Radsport-Profiteam Bora-hansgrohe. Der 39-Jährige, der mittlerweile in Unterwössen im Chiemgau lebt, ist früher selbst Amateur-Radrennen gefahren. Unter seiner Regie ist Emanuel Buchmann bei der Tour de France ganz nach vorne gefahren.  

Dan Lorang, worauf haben Sie im Training mit Emanuel Buchmann besonderen Wert gelegt?
Wir sind da wissenschaftlich herangegangen, haben alle sechs bis acht Wochen genau analysiert, was sich durch das Training bei Emanuel verändert. Anhand der Sauerstoffaufnahme, der Laktat- und Kraftwerte haben wir das Training immer wieder individuell angepasst.

Wie hat man sich das vorzustellen?
Das Ziel war, länger am Berg auf einem hohen Niveau mitfahren und Beschleunigungen mit gehen zu können. Da hatte Emanuel große Nachteile. Wir wussten also, dass wir seine Muskelkraft steigern müssen. Es ging darum, dass er in der Lage ist, auf dem Rad ein hohes Drehmoment zu fahren. Wie sind dazu nicht in den Kraftraum gegangen, sondern haben spezielle Trainingsprogramm auf dem Rad entwickelt, bei dem gezielt alle wichtigen Muskelpartien gefordert werden.

Noch ein Beispiel?
Wir haben auch an der maximalen Sauerstoffaufnahme gearbeitet. Das geht zum Beispiel mit einem Intervalltraining, das man 30/30 nennt. Da fährt man 30 Sekunden im Bereich der maximalen Sauerstoffaufnahme, dann wieder 30 Sekunden locker. Das macht man acht Mal hintereinander, macht dann eine Pause und wiederholt diese Serie drei bis vier Mal in einer Trainingseinheit.

Buchmann hat in diesem Jahr dreimal in dünner Luft trainiert.
Ja, wir haben das Höhentraining systematisch eingebaut. Zunächst wollten wir nur schauen, wie sein Körper darauf reagiert. Wir haben dann ein Trainingsprogramm zusammengebastelt, das wirklich sehr gut auf ihn zugeschnitten ist.

Wo liegen seine Stärken?
Emanuel kann am Berg relativ lang auf einem hohen Leistungsniveau fahren. Er ist sehr gut bei konstanten Belastungen. Und er hat auch die Fähigkeit zu leiden. Um in ganz große Belastungen zu gehen, braucht er nicht das Rennen. Er kann auch im Training leiden. Emanuel ist zwar ein großes Talent, aber keiner, der durch die Decke geht. Was ihn stark macht, ist der absolute Wille, der ihm auch ermöglicht extrem akribisch an sich zu arbeiten.

Gibt es Defizite?
Seine Schwäche ist bei Tempowechsel, also wenn jemand attackiert oder wenn es darum geht, auf einer kurzen Strecke sehr hohe Wattwerte zu erzielen. Das liegt ihm nicht so.

Was ist beim Training mit Emanuel Buchmann anders als beim Training mit Jan Frodeno?
Sie sind andere Typen. Ich kommuniziere sehr gut mit Emanuel, aber es ist weniger emotional, wenn es ums Training geht, sondern mehr faktenbasiert. Aber was sie gemeinsam haben: Sie glauben an das, was sie tun, sie machen das zu hundert Prozent ohne Kompromisse, sie wollen beide den maximalen Erfolg. Beide geben dir als Trainer das Gefühl: Wir wollen gewinnen.

Sie haben Frodeno zum Ironman-Sieger gemacht, machen Sie Buchmann zum Tour-Sieger?
Wenn, dann mache ich das nicht alleine, aber es ist sehr schwer zu sagen. Schön wär’s natürlich, davon träumen viele, aber unser Ziel ist, ihn jedes Jahr weiterzuentwickeln. Und wenn das so weitergeht, auch in kleinen Schritten, dann ist sicher vieles möglich. Um eine Tour zu gewinnen, muss alles zusammenkommen. Aber ich sage sicherlich nicht nein.

Buchmann hat einen großen Leistungssprung gemacht.
Der Sprung ist in den Ergebnissen, aber wir sehen eine ganz normale Weiterentwicklung. Auf diesem Niveau macht eine kleine Verbesserung im Wettkampf eben viel aus. Die Spitzenfahrer liegen mittlerweile ganz nah beieinander. Wenn man zum Beispiel nur 0,1 Watt pro Kilo Körpergewicht mehr fährt, gibt das den Ausschlag, ob man in den Top 10 fährt – oder eben nicht. Emanuel hat sich konstant weiterentwickelt und nicht sprunghaft.

Zum Gelben Trikot fehlen ihm nur 2:14 Minuten. Als Gesamtsechster hat er eine hervorragende Ausgangsposition vor den Alpenetappen.
Er ist ja schon das ganze Jahr stark gefahren. Wenn ich mir die Leistungswerte anschauen, dann muss ich sagen: Emanuel macht bei der Tour nur das, was er im Training zeigt. So gesehen ist das keine Überraschung.

Wird Buchmann seine Topform in der dritten Woche halten können?
Momentan spricht nichts dagegen. Ich sehe keine Anzeichen, dass er einbrechen könnte. Er hat sich bei anderen Grand Tours nach zwei Wochen deutlich kaputter gefühlt als diesmal. Das ist ein positiver Unterschied. Die kommenden Bergetappen in extremer Höhe sind aber einfach eine Unbekannte.

Er wirkt in Interviews zurückhaltend, fast scheu. Ist das seine Strategie, sich abzuschotten?
Sehr schön, dass Sie es so sehen, denn genauso ist es. Emanuel versucht eben auf diese Weise, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren.

Interview: Armin Gibis und Ruben Stark

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