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Exzess als Ausnahme

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Dortmunder Anhänger halten geschmacklose Banner in die Höhe.
Dortmunder Anhänger halten geschmacklose Banner in die Höhe. © AFP

Bei aller Betroffenheit: Gewalttätigkeit ist kein Massenphänomen in und um deutsche Fußballstadien. Ein Kommentar.

Von Jan Christian Müller

Hans-Joachim Watzke hat sich vielfach kritisch über das Konstrukt RB Leipzig geäußert. Ja, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund hat gesagt, in Leipzig würde „Fußball gespielt, um eine Getränkedose zu performen“ und hinzugefügt, dass bei RB „nichts, aber auch gar nichts historisch gewachsen ist“. Nein, Watzke ist deshalb kein Vorwurf der verbalen Brandstiftung zu machen, der er nach den Entgleisungen Dortmunder Fußballfans vom Samstagabend nun von Leipziger Seite bezichtigt wird. Es muss in einem demokratischen Land auch einem Protagonisten der von Emotionen getriebenen Unterhaltungsbranche Fußball erlaubt sein, seine Meinung so zu formulieren, wie es Watzke getan hat, ohne dass deshalb ein nach Polizeiangaben „völlig enthemmter Mob“ sich erdreistet, die Feigheit und Arglist zu besitzen, auf schändlichste Art und Weise mit Flaschen, Getränkekisten und Steinen auf brave Leipziger Familienväter und deren Kinder loszugehen. Zumal Watzke regelmäßig hinzufügte, er ziehe „den Hut vor der sportlichen Leistung“ von RB und freue sich „persönlich für die Menschen im Osten, dass es dort wieder einen Bundesligisten gibt“.

Dennoch tun die BVB-Verantwortlichen gut daran, die Entwicklung von in dieser geballten Form beispielloser verbaler, symbolischer und tätlicher Gewalt gegen einen gegnerischen Klub sehr selbstkritisch aufzuarbeiten. Denn es kann in diesem einen besonderen Fall nicht beschwichtigend die Rede davon sein, es handele sich lediglich um eine Randgruppe von Chaoten, die Straftaten im Schutz der Masse verübt. Diesmal war es die Masse selbst, die auf der riesigen Südtribüne der Dortmunder Arena Abneigung in Hass münden ließ.

Man muss sicher vieles nicht gut finden, was im Auftrag des Getränketycoons Dietrich Mateschitz unter Anwendung juristischer Winkelzüge durch den Statutendschungel von DFB und DFL hindurch und über ideologische Fronten hinweg in die Bundesliga geschleust wurde.

Man kann Menschen vielleicht verstehen, die das Konstrukt als Großmannssucht identifizieren; oder Leute, die es zumindest mächtig ärgert, wenn Jugendspieler gleich im Dutzend mit dem Vielfachen der üblichen Gehälter abgeworben werden, um in Leipzig wie in einem Treibhaus zu Profis gezüchtet zu werden; man kann es auch ganz grundsätzlich ablehnen, dass an einem zu Werbezwecken strategisch ausgewählten Standort eine Fußballmannschaft als Marketingvehikel für eine klebrige Brause installiert worden ist, die mittlerweile fast alle Mitbewerber um den Titel abgehängt hat.

Dass diese Abscheu aber gerade in Dortmund derart radikal und in Gewaltexzessen ausgelebt wird, sollte auch Watzke Gelegenheit geben, mäßigend auf die eigenen Fans einzuwirken. Zum Beispiel, indem er daran erinnert, dass die Kommerzialisierung des hiesigen Fußballbetriebs gerade von Schwarz-Gelb vehement vorangetrieben wurde, als der BVB kurz nach der Jahrtausendwende rund 130 Millionen Euro an der Börse einsammelte, indem er Aktien für elf Euro pro Stück verkaufte und das Geld der Anleger derart verprasste, dass das BVB-Papier bald nur ein nahezu wertloser Pennystock wurde. Der fast Konkurs gegangene Klub durfte nur deshalb in der Bundesliga verbleiben, weil die Lizenzwächter der DFL Gnade vor Recht ergehen ließen. Wer aus dieser Vergangenheit heraus gewalttätig gegen eine neue, kritikwürdige Form des Fußballkapitalismus argumentiert, begibt sich erst recht ins gesellschaftliche Abseits.

Dennoch sollte man auch in dieser aufgeheizten Stimmung, in der sich laut Experten manche Ultrabewegungen nicht nur in Dortmund radikalisiert haben, den Blick nicht verdüstern: Der Stadionbesuch hierzulande ist nicht gefährlicher als ein Familienausflug aufs Oktoberfest, die Polizeistärken und -taktiken sind in den allermeisten Fällen angemessen und verlaufen entsprechend ohne jedwede mediale Aufmerksamkeit, die Selbstregulierungskräfte in vielen Fanszenen funktionieren mit Unterstützung sozialverantwortlich handelnder Klubs mitunter prächtig, können aber auch gesamtgesellschaftliche Tendenzen zur Verrohung im Umgang mit Andersdenkenden und anders aussehenden Menschen natürlich nicht lösen.

Und doch: Die erste der beiden Hauptaufgaben der Polizei – Gefahrenabwehr und Strafverfolgung – ist vor dem Spiel am Samstagabend weitgehend misslungen. Umso bedeutender ist es nun, dass Täter ermittelt und bestraft werden und dass das Sicherheitskonzept, das in Dortmund nicht das erste Mal nicht sonderlich überzeugend gegriffen hat, einer kritischen Betrachtung unterzogen wird.

Bei aller nachvollziehbaren Betroffenheit – eine grundlegende Tendenz dazu, dass Dummheit und Dreistigkeit und in der Konsequenz daraus Gewalttätigkeit über Dortmund hinaus zu einem Massenphänomen in und um deutsche Fußballstadien werden, gibt es nicht. Die Fankultur hierzulande ist nach wie vor beispielhaft. Dortmund gegen Leipzig war eine Ausnahme und keinesfalls die Regel. Noch.

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