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Vermisst den Jubel: Triathlet Jan Frodeno.

Ironman Frodeno

Extreme Zeiten für Extremsportler

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Triathlon-Weltmeister und Superstar Jan Frodeno darf in seiner spanischen Wahlheimat höchstens mit dem Hund vor die Haustür. An Training im Freien ist nicht zu denken. Die Folgen sind weitreichend. 

Kürzlich hat Jan Frodeno auf seinen sozialen Kanälen das Bild einer jungen Frau eingestellt, deren besorgter Blick nicht viel Gutes verheißt. „Das ist Ane, einer der nettesten Seelen und seit einem guten Jahr Teil unseres Teams“, schrieb der dreifache Hawaii-Champion. Die Spanierin kümmerte sich an seinem Wohnsitz in Girona für ein Jahr um die Betreuung der Kinder – nun hat sie entschieden, aufgrund der dramatischen Notlage durch das Coronavirus in ihren ursprünglichen Beruf als Krankenschwester zurückzugehen. Vorher aber rief sie bei Frodeno an, ob er nicht wüsste, woher sie noch eine Schutzmaske bekommen könnte – die Krankenhäuser in Katalonien hätten keine mehr. Die Quintessenz kann auch für den 38-Jährigen nur lauten: „Es gibt gerade Wichtigeres als den Sport.“ Nie war ein Wettkampf weiter weg als in dieser Pandemie, die keine Grenzen kennt. Und auch die Grenzgänger des Ausdauersports nicht verschont.

Der Ironman-Weltmeister hatte vieles auf den für den 5. Juli vorgesehenen Challenge Roth ausgerichtet, wo der Sympathieträger gemeinsam mit Anne Haug an der Spitze eines exquisiten Starterfelds gestanden hätte. Die ersten Drei bei Männern und Frauen vom Hawaii-Podium waren bereits verpflichtet. Doch am Donnerstag erfolgte die Absage. Frodeno teilte umgehend mit, das sei zwar schade, „aber das war ja bei der aktuellen Entwicklung unausweichlich“. Unvorstellbar, durch die Menschenmassen am Solarer Berg hinaufzustrampeln, ohne sich und andere zu gefährden.

Die veranstaltende Familie Wachshöfer sprach von der „schwierigsten Entscheidung der letzten 19 Jahre“ und bat die Teilnehmer inständig darum, auf einen Teil der Rückzahlung der Startgelder zu verzichten, damit die fränkische Triathlon-Traumfabrik nicht ihren Betrieb einstellen muss. Frodeno forderte „auf einer weiteren Ebene, sich über Solidarität gegenüber Veranstaltern Gedanken zu machen.“ Er selbst gab gleich eine Startgarantie für den 4. Juli 2021, will dann das Rennen „umso mehr feiern.“ Obwohl im Triathlon extreme Einzelkämpfer unterwegs sind, will hier eine Galionsfigur Zusammenhalt beweisen.

Frodeno ist in seinem Alltag fast völlig isoliert: In seiner Wahlheimat fallen die Einschränkungen durch den „Corona-Lockdown“ noch viel drastischer aus als in Deutschland aus: Nicht mal Joggen oder Radfahren sind für Einzelpersonen erlaubt – und die Kontrollen verschonen selbst die Topsportler nicht. „Ich darf vor der Haustür mit dem Hund Gassi gehen, zum Einkaufen oder zur Apotheke“, schilderte der weltbeste Triathlet am Freitag in einer Schalte beim ZDF-Morgenmagazin. „Ich verliere an Substanz und Form, zumal es relativ absehbar ist, dass in diesem Jahr sportlich wenig bis gar nichts passieren kann.“ Und natürlich frage man sich, „wofür trainiere ich 35 Stunden, wenn es wahrscheinlich in 2020 keine Wettkämpfe mehr geben wird. Aber es gibt in diesen Tagen wichtigere Frage als die eigene Bestform.“ Mittlerweile hat sich herausgestellt: Jan Frodeno wird den Ironman daheim absolvieren.

Doch für einen, der oft genug zugegeben hat, dass die körperlichen Grenzerfahrungen und das hereinprasselnde Lob auch Lebenselixier sind, stellt die Abstinenz von Training und Wettkämpfen eine neue Erfahrung dar. Einen Plan B könne er nicht benennen, „ich bin nicht mehr der Jüngste, vielleicht kann ich die Radfahrleistung auf dem Simulator erhöhen, aber das ist relativ öde.“ An der frischen Luft geht selbst beim zähesten Eisenmann so gut wie gar nichts mehr. Gleichwohl weiß er, dass ihn nur „Luxusprobleme“ plagen. Mit seiner Frau Emma, die australischen Weltklasse-Triathletin, die unter ihrem Mädchennamen Snowsill einst wie Frodeno bei den Olympischen Spielen in Peking Gold gewann, lebt er inzwischen in der Peripherie der 100 000-Einwohnerstadt Girona.

Ein großzügiger Fitnessraum mit Rennrad auf der Rolle oder Laufband sind auf dem Anwesen vorhanden. Was ihm ermöglicht, Mitstreiter über die sozialen Netzwerke zusammenzuholen. Über die Plattform Zwift, eine Indoor-Radfahr-App, ist der „FrodissimoFriday“ entstanden. Ausdauer-Enthusiasten können für 90 Minuten mit „Frodo“ fahren, für den die Einheit eher eine „Schlafzimmerrunde“ darstellt. Aber weil dem Herrscher über die Langdistanz aus 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen allein auf Instagram annähernd 400 000 Personen folgen, könnte der „Frodissimo Friday“ für Triathlonfans bald so eine Bedeutung erlangen wie Fridays for Future für Klimaschützer.

Obwohl der Triathlon-Weltverband bislang nur die Aktivitäten bis Ende April eingestellt hat, geht Frodeno nicht davon aus, dass er seinen geliebten Sport in 2020 ausüben kann. Selbst der Saisonhöhepunkt im Oktober, der Ironman Hawaii, dürfte auf der Kippe stehen, denn fraglich, wie dafür die Qualifikationswettkämpfe stattfinden. Erstaunlich, dass mitten in der Krise nun just die komplette Ironman-Sparte vom bisherigen Besitzer, der chinesischen Wanda-Gruppe, an das amerikanische Investmentunternehmen Advance veräußert wurde. Der Kaufpreis dürfte mehr als eine halbe Milliarde Dollar betragen haben, weil auch die Professional Triathlon Organisation (PTO), die vom US-Milliardär Michael Moritz gestützte Profigewerkschaft, schon hohe Übernahmeangebote unterbreitet hatte. Welche Auswirkungen der Verkauf der Marke auf die weltweit 235 Sportevents mit dem M-Dot-Logo hat, ist derzeit nicht abzuschätzen. Wohl aber ist zu vermuten, dass Frodeno noch eine ganze Weile vor dem Flachbildfernseher schwitzen muss, wenn er sich verausgaben will.

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