Die gewandelte Rolle der FR spiegelt sich im Essverhalten der Kinder wieder.
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Die gewandelte Rolle der FR spiegelt sich im Essverhalten der Kinder wieder.

Essgewohnheiten unter der Lupe

Neuer Lehrstuhl an der Universität Hohenheim für Gender und Ernährung

Von AP-MITARBEITERIN ALEXIA ANGELOPOULOU

Stuttgart (ap). Übergewicht, Magersucht, zu hohes Cholesterin, Zucker schlechte oder auch falsche Ernährung macht im 21. Jahrhundert viele Menschen krank. Wieso das so ist, und welche Rolle die Veränderung der gesellschaftlichen Position der Frau dabei spielt, wird künftig an der Universität Hohenheim erforscht.

Dort gibt es die neue Professur "Gender (Geschlecht) und Ernährung" samt einem gleichnamigen Kompetenzzentrum."Schlechte Ernährung ist einer der größten Kostenverursacher in unserem Gesundheitssystem", sagt Eva Barlösius. Die Inhaberin der neu geschaffenen Professur geht davon aus, dass sich durch veränderte Essensgewohnheiten immense Kosten sparen ließen: "Und nicht nur das auch das Wohlbefinden der Menschen würde sich erhöhen."

Das ist allerdings nur eine Facette ihres Lehrauftrags. Das Thema Gender und Ernährung ist gedacht als Bindegliedzwischen den Ernährungswissenschaften und der Soziologie, soziale und kulturelle Aspekte im Haushalt und der Agrarwissenschaft sollen hier erforscht und verbunden werden.

"Die Ernährungswissenschaften fangen beim Mund an - also in dem Moment, wo die Nahrung aufgenommen wird", erklärt Barlösius und ergänzt: "Wir dagegen wollen uns nicht nur mit den rein physiologischen Aspekten beschäftigen, etwa damit, dass Frauen Nahrungsmittel physiologisch gesehen anders verwerten als Männer, sondern mit allem, was davor passiert." Unweigerlich rückt bei dieser Aufgabe die veränderte Position der Frau in der Gesellschaft in den Mittelpunkt.

"Wenn man sich überlegt, was sich hier zu Lande in den vergangenen 50 Jahren am meisten verändert hat, dann ist das wohl neben der deutschen Wiedervereinigung die Rolle der Frau", sagt die Professorin. Veränderung des Essens als Indikator für die gesellschaftliche Entwicklung: Während Frauen vor 50 Jahren in der Familie noch ganz klar für das Essen zuständig waren und damit die Verantwortung für die Nahrungsbeschaffung, das Kochen und die´Gesundheit der Familie übernahmen, scheint heute jeder selbst für sein Glück in Sachen Essen zuständig zu sein.

Kein erhobener Zeigefinger

"Die traditionelle Einverdienerfamilie, wie es sie früher gab, will man heute nicht mehr", sagt die Expertin. Die Wissenschaftler bewerten diese Entwicklung nicht positiv oder negativ mit erhobenem Zeigefinger sie wollen nach den Konsequenzen und möglichen Alternativen forschen. Schließlich ist Essen nicht gleich Nahrungsaufnahme. "Essen ist wesentlich mehr: Sich gemeinsam hinsetzen, sich austauschen, sich geborgen fühlen auch in dieser Hinsicht ist Essen überlebensnotwendig", fasst Barlösius zusammen.

Das zeige sich bereits am Sprachgebrauch: Wer redet schon davon, sich gemeinsam ernähren zu gehen? Man geht gemeinsam essen, und damit verbunden ist eine ganze Reihe von wichtigen sozialen Faktoren, die übrigens für alle Kulturen gelten, ganz gleich ob die Menschen Sushi, Hamburger, Sauerkraut oder Spaghetti zu sich nehmen.

Wer sich also einen Reim darauf machen kann, wie der Haushalt der Zukunft aussieht, wird auch einiges über das Essen sagen können und genau auf diesen Weg wollen sich die Forscher begeben. Schließlich hat dieses Thema auch einen politischen Aspekt: "Alle Reformen in Deutschland nehmen für Notlagen zunehmend wieder die Haushalte und die Familien in Anspruch", sagt Barlösius. Vorsorge und Fürsorge, Absicherung für das Alter, all dass rückt mehr und mehr vom Staat auf den Einzelnen und seine Familie über.

Aber die alte familiäre Arbeitsteilung und geschlechtsspezifische Verantwortlichkeit scheinen ausgedient zu haben. Das heißt jedoch nicht, dass sie ersatzlos gestrichen wurden: "Wir nehmen andere sehr wohl in unsere Lebensperspektiven auf und kümmern uns um sie, wir wohnen nur nicht mehr zwangsläufig unter einem Dach." Neben der Art und Weise der Essensaufnahme wollen die Hohenheimer Wissenschaftler künftig auch diese Entwicklunggenauer unter die Lupe nehmen.

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