+
Fußballfans feiern während der WM 2006. Ob das "Sommermärchen" legal nach Deutschland kam, muss jetzt geklärt werden.

DFB-Skandal

Wer erzählt hier Sommermärchen?

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft macht sich daran, dem DFB wegen der WM-Vergabe 2006 auf die Finger zu schauen, Ex-Chef Zwanziger kündigt eine umfangreiche Aufklärung an.

Irgendwas hat Otto Schily nicht richtig verstanden. Der ehemalige Bundesinnenminister, inzwischen 83 Jahre alt und noch immer sehr rüstig, gehörte zum zehnköpfigen Aufsichtsrat des deutschen Organisationskomitees für die Weltmeisterschaft 2006. Schilys Nähe zum Deutschen Fußball-Bund ist unbestritten, dieser Tage weilte er vor großem Publikum auf der DFB-Bühne, als der Verband in Leipzig mutige Menschen auszeichnete, die sich besonders für Integration und Antirassismus eingesetzt hatten.

Schilys kühne Argumentation

Gestern nun äußerte sich der Jurist zu einer ominösen Überweisung von 6,7 Millionen Euro aus dem Jahr 2005 aus dem Hause DFB an die Fifa, deren offizielle Sinnhaftigkeit sich niemandem erschließt. Denn offiziell war der Betrag für das Fifa-Kulturprogramm angewiesen worden. Nur war dieses Kulturprogramm dann im Frühjahr 2006 abgesagt worden. Aber vom DFB hatte niemand das Geld zurückverlangt. Sehr komisch. Der „Spiegel“ argwöhnt deshalb, der Betrag sei nur deshalb durch die Geldwaschanlage Fifa geschleust worden, um ein heimliches Darlehen vom inzwischen verstorbenen Unternehmer Robert-Louis Dreyfus aus dem Jahr 2000 sauber zurückgezahlt zu bekommen, mit dem Deutschland sich die Stimmen von vier asiatischen Wahlmännern eingekauft habe. Es gibt Indizien, aber einen konkreten Beweis für diese These blieb das Magazin bislang schuldig.

An der Überweisung gibt es aber selbst laut DFB keinen Zweifel. Otto Schilys Argumentation ist nun, gelinde gesagt, kühn: Wo das Geld versickert sei, diese Frage beträfe „eigentlich die Fifa“, findet der pensionierte Politiker. Denn: „Wenn ich einem Verein etwas zahle, dann gehe ich davon aus, dass das auch bestimmungsgemäß verwendet wird. Es gab einen Schatzmeister und dann auch Vizepräsidenten des Organisationskomitees, Herrn Dr. Zwanziger, der hat alle Zahlungen höchst penibel geprüft. Das musste ja auch so sein, denn der DFB ist eine gemeinnützige Organisation. Da wird alles rauf und runter geprüft.“

Zwanziger: „Abenteuerliche Vorwürfe“

Offenbar war dem nicht so, andernfalls sähe der unter Druck geratene der DFB sich jetzt nicht gezwungen, die renommierte Wirtschaftskanzlei Freshfields-Bruckhaus-Deringer einzusetzen, um dem Geldfluss zu folgen. Druck entsteht auch auf Ex-Präsident Theo Zwanziger, den viele ob seiner persönlichen Fehde mit seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach als Kronzeugen des „Spiegel“ identifiziert zu haben glauben, was Zwanziger vehement bestreitet: „Abenteuerliche Vorwürfe ..., weder in irgendeiner Weise begründet noch in irgendeiner Weise geeignet, der Wahrheitsfindung zu dienen.“ Zwanziger ließ dies durch seinen Rechtsanwalt ausrichten.

DFB will eine Gegendarstellung einfordern

Auch der DFB hat längst einen Rechtsanwalt eingeschaltet, denn der ungeheuerliche Vorwurf der „schwarzen Kasse“, um sich die WM 2006 gegen den hartnäckigsten Konkurrenten Südafrika zu sichern, wurde vom „Spiegel“ hergeleitet. Der Berliner Advokat Christian Schertz, eine Medienexperte, der den DFB schon beim Schiedsrichterskandal um den inzwischen verstorbenen Manfred Amerell und dessen Günstling Michael Kempter vertreten hatte, kündigte am Sonntagabend in der Diskussionsrunde Sky 90 an: „Wir werden Unterlassung fordern, wir werden Gegendarstellung fordern, und sollte dem DFB durch diese Berichterstattung ein wirtschaftlicher Schaden entstehen, werden wir den Spiegel-Verlag haftbar machen.“

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Wenig souverän reagierte der Co-Autor der „Spiegel“-Recherchen, der freie Journalist Jens Weinreich, als nach Schertz in die Sendung zugeschalteter Anwalt in eigener Sache. „Beckenbauer-Sender“ Sky habe ihn nicht vorab informiert, dass zuvor Schertz „Nebelkerzen“ zünden dürfe, monierte Weinreich und musste sodann einräumen, dass das Nachrichtenmagazin nicht überprüft habe, ob es sich bei einem handschriftlichen Vermerk Niersbachs an einem für die Rückzahlung an Dreyfus bedeutenden Dokument aus dem November 2004 tatsächlich um die Handschrift des ehemaligen OK-Vizes handele. Souveränität sieht anders aus.

Souverän wirkt aber auch der DFB nicht. Nach wie vor gibt es keine schlüssige Erklärung für interne Ermittlungen auf der Suche nach dem Verbleib der vielen Millionen, und auch um ein von niemandem dementiertes Treffen im Jahr 2013 in einem Besprechungsraum des Frankfurter Airportcenters ranken sich Mythen. Dort sollen Zwanziger, Niersbach, sowie die weiteren ehemaligen OK-Präsidiumsmitglieder Franz Beckenbauer, Horst R. Schmidt und Fedor Radmann laut „Spiegel“ darüber sinniert haben, wie sie die unangenehme 6,7-Millionen-Euro-Geschichte vom Tisch bekommen. „Klärt das auf, sonst sind wir die Gejagten“, soll Zwanziger, damals Mitglied der Fifa-Exekutive und also eingeweiht in die Unannehmlichkeiten, die dem Weltverband seinerzeit schon drohten, gewarnt haben. Diese Darstellung hat der 70-Jährige im Nachgang der „Spiegel“-Story nicht dementieren lassen, DFB-Insider bestreiten jedoch laut „SZ“, dass es dabei überhaupt um die Dreyfus-Millionen gegangen ist.

Zwanziger erklärte am Montag, wiederum über seinen Anwalt: „Seit drei Jahren bittet Dr. Zwanziger den DFB-Präsidenten Niersbach, seiner Pflicht zur Aufklärung nachzukommen.“ Zwanziger ließ außerdem für die kommenden Tage persönliche Äußerungen mit einer zusammenfassenden Darstellung „aller ihm vorliegenden Erkenntnisse“ und eine dementsprechende eidesstattliche Versicherung ankündigen. Er folgt damit auch einer Aufforderung der Frankfurter Anwältin Sylvia Schenk. „Was hat Zwanziger damals gewusst, warum hat er nichts gesagt, oder hat er wirklich nicht nachgefragt? Das wäre aber völlig unüblich für ihn“, sagte die Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency am Montag bei HR-Info.

Insgesamt eine unübersichtliche Gemengelage, die am besten die Staatsanwaltschaft aufklären kann. Tatsächlich prüft die Staatsanwaltschaft Frankfurt einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nannte Sprecherin Nadja Niesen am Montag Betrug, Untreue oder Korruption. Sie sprach von einem „Beobachtungsvorgang“.

Den gilt es nun zu vertiefen: Die ominöse Zahlung des bestens vernetzten ehemaligen Adidas-Chefs Dreyfus ist angeblich erst zwei Jahre nach der Entscheidung der Weltmeisterschaft 2006 für Deutschland geflossen. Den Termin 2002 (also zwei Jahre nach der Vergabe mit 12:11 Stimmen durch die Fifa-Exekutive im Sommer 2000) nannte die „Bild“-Zeitung am Montag und berichtete zudem, das Geld solle ihren Informationen zufolge „nichts mit der WM-Vergabe zu tun gehabt haben“. Damit widerspricht die Zeitung in einem entscheidenden Punkt der Recherche des „Spiegel“. Hochgradig fragwürdig bleibt die Zahlung dabei aber dennoch. (jcm/dpa/sid)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion