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Fanchoreographie für den verletzten Stefan Ustorf.
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Fanchoreographie für den verletzten Stefan Ustorf.

Eishockey

Der Ernst des Spiels

Stefan Ustorf war immer ein Anführer. Heute kämpft der Eishockeyprofi gegen unsichtbare Gegner: die Folgen einer Gehirnerschütterung.

Von Tino Scholz

Seit mehr als neun Monaten geht das nun schon. Jeden Tag hat Stefan Ustorf Kopfschmerzen, mal stärker, mal schwächer, mal früher, mal später. Je mehr er sich anstrengt, desto zeitiger und heftiger überfallen sie ihn. Es ist ein Tag im September, Ustorf sitzt in einer Sportsbar am Rand von Waynesville im US-Bundesstaat Ohio. Das Lokal ist gut gefüllt. Die Menschen strömen zum Essen hinein, um ihn herum wird es lauter, über die Flachbildschirme an der Wand flackert US-Sport. Die Situation ist für sein Wohlbefinden eigentlich Gift. „Aber ich habe keine Lust, nur zu Hause auf der Couch zu liegen“, sagt Ustorf. Er bestellt sich ein mit Fleisch gefülltes Fladenbrot und eine Cola. Der Aufenthalt wird nur 20 Minuten dauern, denn: „Zehn Minuten länger, und es wäre wieder nahezu unerträglich geworden.“ Seit einer schweren Gehirnerschütterung haben seine grauen Zellen Probleme, viele Informationen auf einmal zu bewältigen. Sein Hirn muss dafür härter arbeiten – und das tut weh.

Second Impact Syndrom

Schuld ist der Sport, den Ustorf, 38, so liebt. Er ist Eishockeyprofi bei den Eisbären Berlin, einer der besten. 128-mal Nationalspieler, sechsmal Deutscher Meister. Die beeindruckende Karriere wurde am 6. Dezember 2011 jäh gestoppt. In einem Spiel der Deutschen Eishockey Liga (DEL) rammte der Hannoveraner Gerrit Fauser Ustorf verbotenerweise mit der linken Schulter von unten, Ustorf schlug mit Helm und Körper seitlich aufs Eis. Er hat es seitdem nicht mehr betreten. Am Morgen nach dem Spiel konnte er sich kaum bewegen, unter größter Mühe schaffte er es ins Krankenhaus. In der Unfallklinik Berlin-Marzahn diagnostizierten die Ärzte später ein Second Impact Syndrom. Ustorf hatte schon vor dem Spiel gegen Hannover eine Gehirnerschütterung erlitten, die nicht ausgeheilt war. Die doppelte Einwirkung und sein vergleichsweise hohes Alter machen die Verletzung so schwer.

Bei einer Gehirnerschütterung ist meist eine Funktion des Hirns beeinträchtigt: Gedächtnis, Sehvermögen, Balancegefühl oder Reaktionsvermögen. Bei Ustorf sind alle in Mitleidenschaft gezogen. Er leidet an Schlafstörungen, ist oft erschöpft. Was nahe vor seinem Gesicht passiert, kann er nicht fokussieren. Um das gestörte Zusammenspiel der Augen zu trainieren, trägt er Kontaktlinsen oder eine Brille mit dünnem schwarzen Rand.

Nicht bereit, die Karriere zu beenden

Vor einigen Monaten schickten ihn die Berliner Ärzte in die USA. Ustorf soll sich bei seiner Familie erholen. Mit Frau Jodi und den Kindern Jake, 14, und Kylie, 10, lebt er in einem grünen Außenbezirk von Waynesville. Sie bewohnen eines der hellgrauen, modernen Häuser, die dort aus dem Boden schießen. An vielen Garagen hängen Basketballkörbe, bei Ustorfs steht in der Auffahrt ein Hockeytor. An der Haustür empfängt Jodi ihren Mann, sie lacht. „Wir schaffen das auch noch“, sagt sie.

Vor einigen Jahren hat Jodi Ustorf den Brustkrebs besiegt. Die schwere Verletzung ihres Mannes ist eine neue Herausforderung. Sie erzählt von einem Klassentreffen, „das Stefan und ich aber nach einer Stunde wieder verlassen haben“. Es sei ihm zu viel geworden. „Für mich ist das okay.“ Jodi Ustorf ist fast den gesamten Tag über für ihren Mann da. Wenn er sich mal wieder zu viel zumutet, muss sie ihn stoppen. Nach der Meisterschaft der Eisbären 2011 hatte Stefan Ustorf sie gefragt, ob er weitermachen solle. Sie bejahte, „denn ich wusste, dass er von mir hören wollte, dass er weitermachen soll. Er war noch nicht bereit, seine Karriere zu beenden. Er ist es auch jetzt noch nicht.“

Ihr Mann sucht die letzten Sachen für die vierstündige Autofahrt nach Pittsburgh zusammen. Ustorf hat einen Termin bei einem berühmten Neurologen. Er erwartet Antworten: Wie lässt sich sein Zustand verbessern? Was hilft gegen die Kopfschmerzen? „Bring’ gute Nachrichten mit!“, ruft Jodi zum Abschied.

Ustorfs Offenheit ist erstaunlich. Eishockeyspieler leben vom Ruf, die härtesten Sportler überhaupt zu sein. Schwäche ist tabu, selbst unter Kollegen gibt man Probleme nicht gerne zu. So bekam es Ustorf einst bei seinem Heimatverein ESV Kaufbeuren mit auf den Weg. Bis heute hat sich die Sozialisation im Eishockey nichts geändert. Er ist nachdenklich geworden, kritischer – auch sich selbst gegenüber. Ustorf weiß jetzt, dass er zu sorglos war, zu oft gespielt hat, wenn der Schädel brummte. Die Einsicht kommt zu spät. „Ich bezahle jetzt für meine Gleichgültigkeit“, sagt er.

Schwere Hirntraumata schon beim Nachwuchs

„Sports Concussion Program“ – Programm für Gehirnerschütterungen im Sport – so steht es an der Tür der Praxis von Doktor Michael Collins im Sportmedizinischen Zentrum der Universität von Pittsburgh. Über die Flure schleichen Jugendliche mit Augenringen und hängenden Mundwinkeln. Gehirnerschütterungen nehmen im Sport immer mehr zu, vor allem im Eishockey. Das Spiel ist athletischer und schneller geworden. Schon beim Nachwuchs kommt es zu schweren Hirntraumata. Der Kampf um Stipendien an den besten Unis und ums große Geld wird notfalls zulasten der Gesundheit ausgetragen.

Einmal in der Profiliga NHL angekommen, wird es nicht besser. Der Kanadier Derek Boogaard beging im vorigen Jahr mit 28 Selbstmord. Er schluckte eine tödliche Mixtur aus dem Schmerzmittel Oxycodon und Alkohol. Bei der Obduktion seines Gehirns stellten die Ärzte eine chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) fest. Schläge auf den Kopf begünstigen den neuronalen Defekt. Koordinationsfähigkeit und Sprachvermögen werden gemindert. CTE führt zu Depressionen und Demenz, weshalb ein Zusammenhang zwischen dem Trauma und dem Suizid von Boogaard vermutet wird. Einen eindeutigen Nachweis gibt es nicht. Aber es sind ähnliche Fälle von Eishockey- und Football-Profis bekannt.

Narbe im Hirn

Bei Stefan Ustorf wurde in diesem Frühjahr bei einer Untersuchung in Berlin eine Narbe in der linken Hirnhälfte diagnostiziert. Sie bedingt Aufmerksamkeitsdefizite und Wortfindungsstörungen, die sich im Alter verstärken können. Im Moment ist davon nichts zu bemerken, auch depressiv wirkt Ustorf keineswegs. Im Gegenteil. Der Neurologe, ein leicht angegrauter Mittvierziger mit festem Händedruck, sagt, er habe noch nie einen Patienten mit einer so schweren Verletzung erlebt, der so positiv damit umgehe. Auch deshalb ist Michael Collins guter Dinge, Ustorf die Beschwerden nehmen zu können. Er hat es auch beim von Gehirnerschütterungen geplagten Sidney Crosby geschafft, den viele für den besten Eishockeyspieler der Welt halten.

Collins sitzt mit Ustorf in einem kleinen Raum – vier PCs, drei Drehstühle, ein Waschbecken, ein Spiegel. Ustorf hat gerade an einem der Computer seinen Impact-Test absolviert. Der soll klären, wie stark das Gehirn noch immer beschädigt ist. „Well, Stef“, hebt Collins an, „Du weißt, wie schwierig es ist?“ Stefan Ustorf nickt. Der Doktor hat auch gute Nachrichten. Sein Patient hat seit dem letzten Treffen vier Wochen zuvor Fortschritte gemacht. Ustorf musste sich bei seinem Test an Wörter erinnern, die 15 Minuten zuvor eingeblendet worden waren. Seine Erfolgsquote lag bei 33 Prozent, vor Monatsfrist waren es nur sechs Prozent gewesen.

Collins führt ein Lineal zu Ustorfs Gesicht. Gesunde sehen den Gegenstand doppelt, sobald er von der Pupille sechs Zentimeter oder weniger entfernt ist, bei Ustorf sind es 18 Zentimeter. Vier Wochen zuvor hatte der Arzt 26 Zentimeter notiert. Ustorf macht Fortschritte, wenn auch kleine. Collins fragt: „Stef, es wird ein langer Weg, verstehst du?“ Ustorf sagt: „Ich tue alles, was nötig ist.“

Ustorf durchläuft an diesem Tag noch weitere Stationen in der Klinik. In einem entlegenen Flur macht er Balanceübungen mit einer Physiotherapeutin. Er muss einen Hindernisparcours umkurven, über eine Kiste steigen, mal schnell, mal langsam laufen, die Hände vor der Brust kreuzen und mit geschlossenen Augen gehen. Jahrelang hat Ustorf auf der Eisfläche überragt. Er war ein Anführer, und einer, der keiner Schlägerei aus dem Weg ging. Die Physiotherapeutin in Pittsburgh fragt nach jeder Übung, wie es ihm gehe. Manchmal sei ihm schwindlig, sagt Ustorf.

Aus Liebe zum Sport

Anderen soll es nicht so ergehen. Ustorf will aufklären über diese Verletzung. In den USA tobt längst eine Debatte über die Sicherheit der Spieler. „In Deutschland wissen viele gar nicht, wie schlimm eine Gehirnerschütterung sein kann, was die Folgen sind“, sagt er und fordert, Checks gegen den Kopf von Jugend an zu verbieten. Sein Sohn Jake spielt Eishockey. Der 14-Jährige ist Mittelstürmer, wie der Papa.

Auf der Rückfahrt wirkt Ustorf gelöst. Im Autoradio läuft The Offspring. Der Song heißt „Self Esteem“ – Selbstachtung. Er klopft aufs Lenkrad, wippt mit dem Bein. Es war ein guter Tag. „Ich habe positive Nachrichten bekommen, das hilft mir sehr“, sagt er. Ustorf soll eine Augentherapeutin aufsuchen; er hat neue Reha-Aufgaben mitbekommen. Erst mal gehe es nur darum, gesund zu werden, sagt er. Erst mal? „Ja, ich würde auch gern wieder spielen“, antwortet Ustorf. „Bis jetzt sehe ich mich voll als Eishockeyprofi. Ich weiß, dass sich die Tür jeden Tag ein bisschen mehr schließt, aber ich glaube, den Anschluss schaffen zu können.“

Es ist ein langer Weg. Nach 20 Minuten Fahrradfahren macht er schlapp, mehr als 15 Kniebeugen sind noch nicht drin. Doch Ustorf glaubt „auf dem Eis noch etwas erledigen zu müssen“. Regelmäßig hängt er am Liveticker, wenn die Eisbären spielen, liest im Internet die Artikel über sein Team, telefoniert viel mit aktuellen und ehemaligen Kollegen. Er kann nicht loslassen. Aber er will das Wagnis nur eingehen, wenn ihm die Ärzte versichern, „dass ich wie jeder andere Spieler bin und nicht nach dem nächsten Kopftreffer 24 Stunden gefüttert werden muss“. Er denkt an seine Kinder. Und an das, woran Jodi ihn jüngst erinnert hat: „Es gibt eine Welt neben dem Hockey, die auf dich wartet.“

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