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Breitensport trifft Profisport: Die Tour de France ist auch in diesem Jahr ein Zuschauermagnet.

Tour de France

Ergebnisse statt Geburt

Radprofi Nils Politt wird während der Tour Vater - an eine Abreise denkt er aber nicht.

Selten war der Funk für Nils Politt so wichtig wie in diesen Tagen bei der Tour de France. Der Countdown läuft, fast täglich kann der Anruf aus der Heimat kommen. Seine Frau Annike ist hochschwanger, der errechnete Geburtstermin am 16. Juli steht unmittelbar bevor. „Es sind genug Nummern im Team bekannt, ich werde sofort informiert sein“, sagt der werdende Vater.

Als ob die bevorstehende Geburt seiner Tochter und der Tour-Stress nicht genug wären, muss sich Politt trotz Vertrages bis 2020 auch um die Zukunft Sorgen machen. Das Ende des Teams Katusha-Alpecin ist quasi besiegelt. Die Fahrer dürfen sich bereits nach neuen Teams umschauen, wie sie bei der Frankreich-Rundfahrt erfuhren. „Da gehe ich mit der kölschen Mentalität ran. Et hätt noch immer jot jejange“, sagte Politt.

Ein Tour-Verzicht war für den Kölner wegen der Geburt kein Thema, an eine Abreise denkt der 25-Jährige auch nicht – so schwer es ihm fällt. „Ich werde bleiben. Die Tour ist das größte Event im Jahr. Wenn man da nominiert wird, ist das eine Ehre“, sagt der Mann vom Team Katusha-Alpecin. Sein Freund und Teamkollege Rick Zabel hätte vollstes Verständnis, würde er die Koffer packen. „Die Tour de France ist was Spezielles, aber eine Geburt von einem Kind erlebt man nicht alle Tage. So wie Nils momentan fährt, wird es nicht die letzte Tour gewesen sein“, sagte Zabel junior.

In Roubaix durchgestartet

Wohl wahr, denn Politt ist in diesem Jahr so richtig durchgestartet. Beim berüchtigten Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix fuhr er auf den zweiten Platz, nur an Ex-Weltmeister Philippe Gilbert kam er auf der Betonpiste im ehrwürdigen Velodrome nicht vorbei. Zuvor hat er bereits bei der kaum weniger anspruchsvollen Flandern-Rundfahrt mit Platz fünf sein Potenzial unterstrichen. Immer häufiger ist das Zahnpasta-Lächeln von Politt im Vorderfeld des Pelotons zu sehen.

Kein Wunder, dass Sportchef Dirk Demol eigentlich um Politt ein Klassiker-Team aufbauen wollte. Dazu wird es aber wohl zumindest in der Konstellation nicht mehr kommen, Spekuliert wird über eine mögliche Kooperation zwischen Katusha und der aktuell noch zweitklassigen Israel Cycling Academy. Doch ob das auf die Schnelle realisierbar ist, erscheint fraglich. Deshalb will sich Politt bei der Tour zeigen. „Man muss Ergebnisse liefern, sonst ist man arbeitslos“, sagt er.

Sorgen um die Zukunft muss sich Politt nicht machen. Fahrer mit seinem Gardemaß (1,92 Meter) und einem entsprechenden Motor gibt es nicht viele. Dabei gehört Politt zum starken 94er Jahrgang wie auch der deutsche Meister Maximilian Schachmann und Sprintstar Pascal Ackermann. „Allgemein muss man sagen, dass die jungen Deutschen den Durchbruch geschafft haben“, sagt er selbst.

Der ursprüngliche Plan sah bei der Tour vor, dass Politt im Sprintzug von Marcel Kittel eine wichtige Rolle spielt. Doch Kittel ist nicht da, Deutschlands Rekord-Etappensieger hat aus persönlichen Gründen seinen Vertrag aufgelöst. Jammern will Politt darüber nicht: „Wir können freier auftreten, haben keinen richtigen Leader dabei. Das könnte unser Vorteil sein.“ Für Performance- Manager Erik Zabel ist er neben Ilnur Sakarin einer von „zwei Fahrern, die herausstechen“.

So wird Politt bei der Tour auch seine eigene Chance suchen, die achte Etappe am Samstag nach Saint-Etienne könnte für ihn so eine Gelegenheit sein. Und am errechneten Geburtstermin ist bei der Tour übrigens Ruhetag. (dpa)

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