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Rainman: Joachim Löw.

Nationalmannschaft

Erfolgreicher als Sepp Herberger

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Kein DFB-Trainer ist erfolgreicher als der aktuelle Coach. 95 Siege bei nur 142 Länderspielen sprechen eine deutliche Sprache.

Mal schauen: Das Spiel dauert 90 Minuten? Klare Sache, könnte glatt von Joachim Löw stammen, wenn es nicht schon jemand anders gesagt hätte. Der nächste Gegner ist immer der schwerste? Aber immer! Der Ball ist rund? Eher nicht. Zu abstrakt.

Die Debatte, ob Löw der Sepp Herberger der Neuzeit ist, hat ja neue Dynamik gewonnen, seit der Nichtmehrganzsoneu-Bundestrainer den Alt-Bundestrainer bei der Zahl der gewonnenen Spiele überholt hat. Nummer 95 war der 8:0-Sieg am Freitag in San Marino, und das bei nur 142 Länderspielen. Herberger brauchte für seine 94 Erfolge immerhin 167 Partien. Noch imposanter sieht es bei den Niederlagen aus. Da hat Löw nur 23, Herberger kommt auf stolze 46. Was vor allem daran liegt, dass im Nachkriegsjahrzehnt die Bundesrepublik Deutschland längst nicht die Fußballweltmacht war, als die sie angesichts des WM-Titels 1954 und des vierten Platzes 1958 erscheint. Es setzte damals reichlich Niederlagen gegen alle möglichen Teams, inklusive Ägypten und Holland.

Es sei natürlich schön, so viel gewonnen zu haben, sagte Löw in San Marino, aber ansonsten wären solche Zahlen „nicht so wichtig“. Recht hat er, mehr zählen Titel, und da steht für ihn ja auch nur einer zu Buche, genau wie bei Herberger, der daran allerdings ein bisschen selbst schuld war, weil er sich konsequent weigerte, bei der 1960 eingeführten Europameisterschaft mitzuwirken. Das übernahm 1968 erst Nachfolger Helmut Schön und flog, als hätte es Herberger geahnt, in der Vorrunde gegen Albanien raus. Schön hat übrigens 87 Siege bei 139 Spielen. Aber zwei Titel.

Joachim Löw indes dürfte es gar nicht so unrecht sein, mit dem großen Vorgänger verglichen zu werden, mit dem er einiges gemeinsam hat, nicht nur, was die Länge der Amtszeit und den festen Zugriff auf den Job angeht. Beide waren bzw. sind Fußballlehrer im engsten Sinne des Wortes, was die meist zu vernachlässigenden Amtsinhaber zwischendrin nicht waren. Helmut Schön war der stoische Pragmatiker und geschickte Verwalter einer unfassbar talentierten und leicht widerborstigen Generation, Jupp Derwall wollte seine Ruhe, Franz Beckenbauer, dass die Spieler tun, was er sagt, und sich ansonsten bemühen, wenigstens halb so gut zu spielen wie er vorher. Berti Vogts versuchte getreulich all das anzuwenden, was er auf der Trainerschule gebüffelt hatte, Erich Ribbeck rätselte die ganze Zeit, warum man ausgerechnet ihn geholt hatte, Rudi Völler rätselte, wie er aus der Sache am Schnellsten wieder rauskommt, und Jürgen Klinsmann wollte einen kurzen und intensiven Trip. Herberger und Löw wollten und wollen nicht nur den Fußball der Nationalmannschaft permanent entwickeln, sondern auch jeden einzelnen Spieler immer besser machen. Auch, was das Verhalten abseits des Platzes angeht.

SMS statt Brief

Sepp Herberger pflegte, obwohl auch damals schon das Telefon erfunden war, seinen Nationalmannschaftskandidaten lange Briefe zu schreiben, in denen er sie auf ihre Schwächen hinwies und ihnen ins Gewissen redete, dringend daran zu arbeiten. Er ging zu Recht davon aus, dass Geschriebenes nachhaltiger wirkt als gesprochene Worte, die zum einen Ohr rein, zum anderen rausflutschen. So altmodisch ist Löw nicht mehr, er ruft die Spieler aber immer noch an, weil er davon ausgeht, dass ein Telefonat nachhaltiger wirkt als eine SMS.

Die kürzliche Vertragsverlängerung bis 2020 ließ erkennen, dass der 56-Jährige auch daran arbeitet, in Bezug auf die Dauer der Amtszeit an Sepp Herberger vorbeizuziehen. Der hat abzüglich der Zeit von 1942 bis 1950 gute zwanzig Bundestrainerjahre zu bieten, an deren Ende er nur äußerst widerwillig ging. Das wäre bei Löw bis zur Weltmeisterschaft 2026, vermutlich in den dann wieder trumpfreien USA. Klappt aber nur, wenn bis dahin noch ein paar hübsche Siege mehr rausspringen.

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