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Joachim Löw wurde durch tiefere Jammertäler getrieben, als es der Gipfelsturm vorgesehen hatte: Er hat seine Mannschaft ganz neu kennengelernt - und sich selbst. Von Jan Christian Müller

Von Jan Christian Müller

Joachim Löw hat vor nicht allzu langer Zeit über sich gesagt, sein Puls als verantwortlicher Bundestrainer gehe auch bei aufregenden Fußballspielen nicht über 60. Nun, da die kontinentale Wundertüten-Fußballmeisterschaft schon wieder Vergangenheit ist, dürfte sich diese Vorhersage als um mindestens hundert Prozent untertrieben erwiesen haben. Der Bundestrainer dampfte und stampfte in diesen drei Wochen wie nie zuvor in seinem Trainerleben und wurde durch tiefere emotionale Jammertäler getrieben, als es der Gipfelsturm eigentlich vorgesehen hatte: Er hat seine Mannschaft ganz neu kennengelernt. Und er hat sich selbst neu kennengelernt.

Er ist nun nicht mehr der Puls-60-Trainer und sein Team ist nicht mehr die Sonnenschein-Elf. Sie hat sich dem lange verregneten Tessin angepasst und gelernt, hässlich zu siegen. Flachpassspiel und Bolzball lösten sich in verwirrender Regelmäßigkeit ab. Die in zahllosen Klausurtagungen entworfenen Planvorgaben vom schönen Fußball gingen nur in Ansätzen auf, aber der Plan Finale wurde dennoch erreicht. Das können wahrscheinlich nur die Deutschen.

Im Ausland ernten sie für ihre Willensleistung mehr Respekt als in den heimischen Medien. Die ließen mehrheitlich die Messlatte dort liegen, wo der Bundestrainer sie vor dem Turnier hingehängt hatte. Vor dem Finale stellten Spieler und Verantwortliche dann ihre Einschätzung dagegen. Ihre Wahrnehmung ist eine andere: Sie haben es unter teils widrigen Umständen bis unter die beiden besten Mannschaften Europas geschafft und vermissen den entsprechenden Respekt dafür.

Den werden sie am Montag auf der Fanmeile in Berlin aus allernächster Nähe erleben. Die deutschen Anhänger, vor allem die weiblichen und die jüngeren, die ihre enthemmten Feiern zur neuen deutschen Hochkultur entwickelt haben, gehen mit den Spielern jedenfalls nach dem Spiel pfleglicher um als der kritische Teil der Presse. Aber auch der dürfte anerkennen, dass die EM doch immerhin vom Ergebnis her ein eindrucksvoller Erfolg der deutschen Mannschaft war. Und dass die ohnehin schon sehr beachtliche Popularität des DFB-Eliteteams nach dieser Europameisterschaft noch einmal erheblich gewachsen ist.

Die Bundesliga-Manager können sich derweil die Hände reiben: Die Stadien werden sich in der kommenden Saison noch leichter füllen, als sie es seit der WM ohnehin schon taten. Joachim Löw kann dann wieder ganz entspannt zuschauen: mit Puls 60.

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