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Hat nicht nur die Haare schön: Serge Gnabry (r.) lässt San Marinos Spieler alt und langsam aussehen.

Serge Gnabry

Enorm umtriebig

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Serge Gnabry beeindruckt bei seinem Einstand in der Nationalmannschaft gegen San Marino mit drei Toren. Gegen Italien wird der treffsichere Neuling wohl eine weitere Gelegenheit bekommen, sich zu bewähren.

Es ist natürlich von Vorteil, wenn man sein erstes Länderspiel gegen San Marino bestreiten darf und nicht wie einst etwa Uwe Seeler gegen Frankreich (1:3, 0 Tore), Gerd Müller gegen die Türkei (2:0, 0 Tore), der erst in der 72. Minute eingewechselte Miroslav Klose in einem kniffligen Match gegen Albanien (Siegtor zum 2:1, 87.) oder DDR-Torschützenkönig Joachim Streich in Bagdad gegen den Irak (1:1, 0 Tore). Trotzdem muss man die Gunst der Stunde erstmal nutzen, und das tat Serge Gnabry am Freitag mit einer Entschlossenheit und Spielfreude, die an diesem grausig unwirtlichen Abend im kleinen Stadion von Serravalle keineswegs selbstverständlich war. Drei Treffer beim 8:0 erzielte der 21-jährige Bremer in einer Partie, in der gestandene Torjäger wie Mario Gomez oder Thomas Müller komplett leer ausgingen.

Das sei mehr oder weniger so geplant gewesen, nahm Bundestrainer Joachim Löw später sein torloses Stammpersonal in Schutz, dem auch noch der Dortmunder Mario Götze angehörte. Da San Marino wie erwartet seinen Strafraum mit neun bis zehn Feldspielern füllte, „gab es vorne keine Räume, sich zu bewegen“, sagte der Bundestrainer, „deshalb sollten die Spieler aus der zweiten Reihe immer wieder in die Spitze stoßen.“ Das funktionierte tatsächlich gut, war aber nur die halbe Wahrheit, denn so kontrolliert und abgeklärt wie Sami Khedira, Gnabry und auch Jonas Hector ihre Chance zu den ersten sechs Toren nutzten, bevor Mattia Stefanelli ins eigene Netz traf und Kevin Volland schließlich das erste echte Stürmertor draufsetzte, hatte man die eigentlich zum Torabschluss berufenen Kräfte, die ja auch in der Bundesliga gewisse Probleme haben, an diesem Abend nicht gesehen.

Besonders Gnabry bewies mit dem überlegten Schlenzer ins lange Eck zum 2:0 und seinen beiden Volleyabnahmen nach langen Pässen von Joshua Kimmich und Mario Götze nicht nur Standfestigkeit auf dem rutschigen, aufgeweichten Boden, sondern auch beachtliche Coolness. „Er ist sehr schnell, hat einen guten Rhythmus, einen guten Abschluss“ lobte Löw, „drei Tore beim Debüt, das ist natürlich Klasse für ihn und eine außergewöhnliche Geschichte, egal gegen welchen Gegner.“ Zuvor hatten das nur Fritz Walter 1940 beim 9:0 gegen Rumänien geschafft und natürlich 1976 der Kölner Dieter Müller, dieser allerdings auf besonders spektakuläre Art im EM-Halbfinale gegen Jugoslawien in Belgrad, das er, in der 79. Minute eingewechselt, eine Minute später zum 2:2 ausglich. Mit zwei weiteren Treffern in der Verlängerung zum 4:2 sorgte er dann für den Einzug ins Endspiel gegen die Tschechoslowakei, wo nach einem weiteren Treffer im Spiel unglücklicherweise nicht er beim Elfmeterschießen antrat, sondern ein gewisser Uli Hoeneß.

Eine wertvolle Entdeckung

Mit den beiden Vorläufern wollte sich Serge Gnabry dann doch nicht vergleichen, er wusste seinen Beitrag durchaus korrekt einzuordnen. „Die Vorlagen waren einfach super“, richtete er zunächst pflichtgemäß einen Dank an die Kollegen und meinte dann, man solle die Sache nicht zu hoch bewerten, schließlich sei das ein Gegner gewesen, der „sagen wir mal, nicht Italien ist.“

Die Squadra Azzurra ist erst morgen in Mailand an der Reihe, und es wäre verwunderlich, wenn der treffsichere Neuling nicht eine weitere Gelegenheit bekäme, sich zu bewähren. „Ein Sieg gegen Italien zum Abschluss des Jahres wäre natürlich wünschenswert“, sagte Löw, „aber in allererster Linie geht es darum, Spieler zu sehen in so einer Partie, wo man richtig gefordert ist.“

Dennoch dürfte der Bundestrainer angesichts der Malaise vor dem gegnerischen Tor, die sein Team durch die EM-Qualifikation und das Turnier selbst begleitet hatte, insgeheim einen Stoßseufzer der Erleichterung ausgestoßen haben. Für ihn ist Gnabry ohne Zweifel eine wertvolle neue Entdeckung. Dass er wie einst David Odonkor oder jetzt Leroy Sané dank seiner Schnelligkeit auch bei einer Einwechslung das Spiel komplett verändern kann und sehr stark im Konterspiel ist, war schon vorher bekannt. In San Marino bewies er, dass er mit seiner Umtriebigkeit, seinem Gespür für die Situation und vor allem seinem direkten Torabschluss, den er auch schon in der Bundesliga mit dem Tor des Monats gegen Borussia Mönchengladbach demonstrierte, in einem völlig anders gearteten Match eine entscheidende Rolle einnehmen kann und eine echte Alternative auch zu vermeintlich gesetzten Stammkräften darstellt.

Gut möglich, dass Joachim Löw noch ein Dankschreiben an Horst Hrubesch absendet. Der ehemalige U21-Trainer hatte Gnabry für das Olympiaturnier zur Überraschung aller aus der Versenkung geholt, in welche dieser beim FC Arsenal geraten war. Erst die beeindruckenden Auftritte in Rio hatten ihm die Aschenputtel-Geschichte und den Weg in die Bundesliga ermöglicht, wo er zunächst bei Werder Bremen landete, dort aber sicher nicht allzu lange hängenbleiben wird.

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