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Kopfschmerzen können ein Anzeichen für zu viel Stress im Job sein. Viele Betroffene fühlen sich auch ständig müde oder schliddern von einer Erkältung in die nächste.

"Am Ende des Teufelskreises steht die völlig Erschöpfung"

Carola Kleinschmidt über Dauerstress im Beruf, die Folgen für die Beschäftigten und die Kosten für die Unternehmen

Frankfurter Rundschau:Stress im Job ist in gewisser Weise normal. Wann wird die Arbeitsbelastung gefährlich?

Carola Kleinschmidt: Ungesunder Stress entsteht, wenn Arbeitnehmer Aufgaben gegenüberstehen, die sie nicht lösen können. Das können unklare Arbeitsanweisungen sein oder kann ein Arbeitspensum sein, das einfach nicht zu schaffen ist.

Wächst die Zahl der Fälle?

Die Umfrage der "Initiative Neue Qualität der Arbeit" unter 5000 Beschäftigten im Jahr 2005 zeigte, dass 24 Prozent der Befragte vom ständigen Zeitdruck und den Anforderungen im Job so überfordert sind, dass sie nicht damit rechnen, bis zum Rentenalter durchzuhalten. 59 Prozent fürchten um ihren Arbeitsplatz. Überforderung und Angst um den Job - das ist Stress pur. Die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen haben seit 1997 um fast 80 Prozent zugenommen. Inzwischen sind psychische Probleme der vierthäufigste Grund für Krankschreibungen. Als Hauptgrund vermuten Experten den Dauerstress.

Was kostet das die Wirtschaft?

Allein der Arbeitsausfall durch psychische Erkrankungen kostet die Unternehmen etwa 24,5 Milliarden Euro pro Jahr, schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz. Wer wegen psychischer Probleme ausfällt, ist mit durchschnittlich 28,5 Tagen außerdem extrem lange krank. Dazu kommt, dass Menschen, die psychisch erschöpft sind, schon lange vor der Krankschreibung 20 bis 40 Prozent weniger leisten können, wie Winfried Panse, Angstforscher an der FH Köln, ausgerechnet hat.

Wie erkennt man, dass einen der Stress im Job krank macht?

Ein typisches Anzeichen ist, dass man nachts aufwacht und über Projekte grübelt. Viele fühlen sich auch ständig müde oder schliddern von einer Erkältung in die nächste. Andere haben Rücken- und Kopfschmerzen. Hält der Dauerstress an, gerät man in eine Art Teufelskreis der Erschöpfung: Man denkt, man sei selbst Schuld, dass man das Arbeitspensum nicht schafft - und arbeitet deshalb noch mehr. Man wird extrem gereizt, vernachlässigt Familie und Freunde. Alles dreht sich nur noch um den Job.

Was ist die Konsequenz?

Am Ende dieses Teufelskreises steht die völlige Erschöpfung. Die Gefühle wechseln von Aktionismus zu Resignation. Viele haben Suizidfantasien. Manche nennen diesen Zustand Burnout. Andere Depression. Das kann sich über Monate und Jahre hinziehen.

Wie bekommt man das in den Griff?

Man sollte Zeichen von Erschöpfung wie Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen ernst nehmen und sich fragen: Was stresst mich? Habe ich genug Erholungszeiten? Wo kann ich etwas verändern? Oft helfen ja schon kleine Dinge wie regelmäßige Pausen oder weniger Perfektionismus. Das Problem ist allerdings, dass sich viele Arbeitnehmer dem Job und seinem Rhythmus ausgeliefert fühlen - oder sie sind so begeistert, dass sie sich gar keine Grenzen setzen möchten. Wenn man schon sehr erschöpft ist, sollte man sich Hilfe vom Hausarzt oder von einem Psychiater holen, eine Erschöpfungs-Depression eine ernsthafte Krankheit.

Wie sehen die Firmen das Problem ?

Die Unternehmen könnten sehr viel mehr tun, um den Stresspegel im Betrieb möglichst gering zu halten - und müssten das laut Arbeitsschutzgesetz eigentlich auch. Oft hilft eine klare Aufgabenverteilung, auch eine Kultur der Anerkennung. Manche Unternehmen bieten im Intranet anonyme Hilfe für gestresste Mitarbeiter. Was am besten hilft, ist bei jeder Firma anders. Allerdings wissen fast 80 Prozent der Firmen noch nicht einmal, wo die Stressquellen im Betrieb sitzen.

Der Nachholbedarf ist also hoch?

Unternehmen wie der Chemiekonzern BASF, die das Thema Stress als Punkt in die Gesundheitsförderung aufgenommen haben, sind in Deutschland noch absolute Pioniere. Dabei rechnet sich die Investition in eine moderne Gesundheitsförderung, die Körper und Psyche der Arbeitnehmer schützt für die Unternehmen. Michael Kastner, Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke, hat gezeigt, dass sich ein Euro Investition in die Gesundheitsförderung innerhalb von drei Jahren mit mindestens 1,80 Euro auszahlt.

Interview: Mechthild Klein

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