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Ein letzter Gruß an die Fans: Andy Murray ist bei den Australien Open in Runde eins ausgeschieden.

Andy Murray

Am Ende

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Alles, was Andy Murray in seiner Karriere erreicht hat, hat er seinem unbändigen Willen zu verdanken. Jetzt neigt sich seine Karriere dem Ende entgegen. Ein Kommentar.

Als Andy Murray neun Jahre alt war, erlebt er etwas, das für den Rest seines Lebens alles relativieren wird. 1996 erschoss ein Mann in Dunblane, Schottland, in der Turnhalle einer Grundschule 16 Kinder und einen Lehrer. Murrays Klasse, gerade auf dem Weg zur Halle für den Sportunterricht, hörte die Schüsse und brachte sich in Sicherheit. Auch Andys älterer Bruder Jamie entkam knapp. Später zogen beide in die große, weite Welt des Tennissports hinaus und wurden zur Nummer eins, Andy, 31, im Einzel, Jamie, 32, im Doppel. 

Andy Murray hat nie gerne über die Ereignisse von 1996 gesprochen, die er für immer dabeihaben wird, die er auch jetzt dabei hat, in diesen für ihn in vielerlei Hinsicht schmerzhaften Tagen. Was bedeutet schon das Ende einer Tenniskarriere, mit 31 und einer schwer beschädigten Hüfte, wenn einer mit neun geradeso mit dem Leben davonkam. Das bedeutet dann natürlich: nichts. 

Und alles.

Wer Murray spielen sah, hatte Zeit seiner Karriere den Eindruck, es ginge um mehr als Tennis. Alles schien sich auf einer existenziellen Ebene abzuspielen, das ewige Motzen zwischen den Ballwechseln, der hängende Kopf und dieser Gang, der schon in jungen Jahren so schwer aussah, obwohl noch kein irreversibler Hüftschaden vorlag. Auf der Tribüne saß Mutter Judy, kerzengerade, sie schaute mit Drachenaugen hinab auf ihren Sohn, den sie von klein auf hingebungsvoll zu dieser Weltkarriere anstachelte. Die auch jetzt, in Melbourne, auf der Tribüne saß, bei der Erstrundenniederlage gegen Roberto Bautista Agut, womöglich das letzte Match in der großen Laufbahn des Andy Murray. Die Drachenaugen hatten entscheidend an Härte verloren.

Sie weiß schon längst, dass ihr Sohn nicht mehr kann. Für die breite Öffentlichkeit wurde das erst am Montag in fünf Sätzen deutlich angesichts des humpelnden Andy, der sich in den Pausen über den Platz schleppte wie der älteste 31-Jährige der Welt. Um dann, in den Ballwechseln, mitunter doch wieder halbwegs beweglich den Bällen hinterherzuhetzen, als wäre ein Notstromaggregat in ihm angesprungen; als wäre er in einen Trancezustand jenseits des Schmerzes abgewandert.

Alles, was Murray erreicht hat in seiner Karriere, hat er diesem unbändigen Willen zu verdanken. Er hat die schwerstmögliche Phase in der Geschichte des Tennissports erwischt, mit den talentierteren Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic als Konkurrenten. Dennoch hat Murray zweimal beim Heimturnier in Wimbledon gewonnen und einmal bei den US Open, außerdem wurde er 2012 in London Olympiasieger.

Der Brite wird sich wohl einer zweiten, gravierenden Hüftoperation unterziehen, um wenigstens im Alltag keine Schmerzen mehr zu haben, beim Schnürsenkel binden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird er danach nicht mehr ins Profitennis zurückkehren, und das ist traurig. Wenn auch nur relativ.

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