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Schlaks mit unbändigem Willen: Emre Can (re.).

Bayer Leverkusen - Eintracht Frankfurt

Emre Can, die Lichtgestalt

Frankfurt ist stolz auf die Entwicklung des einst bei Blau-Gelb und der Eintracht ausgebildeten und inzwischen bei Bayer Leverkusen aktiven Jugendnationalspielers Emre Can

Von Jan Christian Müller

Frankfurt ist stolz auf die Entwicklung des einst bei Blau-Gelb und der Eintracht ausgebildeten und inzwischen bei Bayer Leverkusen aktiven Jugendnationalspielers Emre Can

Armin Kraaz erinnert sich noch gut an den Tag vor viereinhalb Jahren, als er mit Emre Can und dessen Vater am Riederwald zusammensaß. Vater Can hätte die Zukunft von Emre trotz einer verlockenden Offerte von Bayern München gern bei der Eintracht und nah am Zuhause gesehen, aber der ehrgeizige Sohn hatte andere Vorstellungen.

Die Hoffnungen von Kraaz, dem Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, der damalige C-Jugendspieler der Frankfurter Eintracht könnte dem Verein erhalten bleiben, waren somit schnell dahin. „Wenn Uli Hoeneß ruft, können wenige widerstehen“, sagt Kraaz rückblickend und ohne Groll. „Wir sind stolz, dass Emre eine solch tolle Entwicklung genommen hat.“ Am Sonntag spielt Bayer Leverkusen in der Bundesliga gegen die Eintracht – und zwar mit dem in Frankfurt geborenen und bei Blau-Gelb und der Eintracht ausgebildeten Emre Can.

"Wie Mario Götze"

Stolze sechs Millionen Euro haben die Leverkusener sich den körperlich und technisch starken, in seinem Bewegungsablauf an Michael Ballack erinnernden Deutsch-Türken vor der Saison kosten lassen. Die Bayern, wo Can in der B- und A-Jugend oft herausragende Leistungen zeigte, sich aber im Profikader nicht direkt durchsetzen konnte, ließen sich eigens ein Rückkaufrecht in den Vierjahresvertrag schreiben. Der 19-Jährige, überragender Spieler der U17-Weltmeisterschaft beim deutschen Bronzemedaillengewinn 2011, schickt sich an, die Erwartungen zu erfüllen.

Laut Kraaz war das „herausragende Talent“ früh zu erkennen, nachdem der Junge aus der Nordweststadt 2006 zur Eintracht gewechselt war. „Emre war eine Lichtgestalt, ähnlich wie Mario Götze, es war zu erwarten, dass er es bis weit nach oben packen müsste.“ Damals, beim Gespräch in einem zugigen Container am Riederwald, hatte Can ihnen eröffnet, dass er die Bayern nur als Sprungbrett ansieht. Kraaz: „An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht, sein Ziel war die Premier League.“

Vielseitig verwendbar

Ganz so weit hat es Can, vor zwei Jahren gemeinsam mit Julian Draxler mit der goldenen Fritz-Walter-Medaille als bester Nachwuchsspieler seines Jahrgangs ausgezeichnet, noch nicht gebracht. Aber er erweckt nach wie vor nicht den Eindruck, sich das nicht zuzutrauen. Im Gegensatz zu den vielen eher leisen Deutsch-Türken in der Bundesliga, den Altintop-Brüdern, Ilkay Gündogan, Nuri Sahin, Ömer Toprak oder auch Mesut Özil hat der 1,84 Meter große Kerl etwas Aggressives, manchmal vielleicht sogar Provokantes. Und genau das macht ihn so wertvoll für die Leverkusener.

Zu Beginn wirkten Cans Auftritte im Bayer-Trikot wie ein gefährlicher Balanceakt, und in den ersten Partien geriet er unter den Verdacht, nicht die notwendige Demut mitzubringen. In einem Interview mit sport.de erwiderte er auf die Frage, ob es ihm schwerfalle, ständig auf anderen Positionen zum Einsatz zu kommen: „Nein, nicht wenn man es kann.“ Außerdem sagt er Sätze wie: „Ich fühle mich nicht als Youngster.“ Oder: „Natürlich will man als Fußballer auch mal etwas in den Händen halten.“

Solch offensive Aussagen sind ungewöhnlich für einen Spieler, der im Sommer mit der Erfahrung von gerade einmal vier Bundesligaspielen in Leverkusen anheuerte. Die hohe Ablösesumme erschien Kritikern als schwer kalkulierbares Risiko. Aber Can hat die Zweifel beseitigt.

Kompletter Spieler

Im Mittelfeld hat er schon überall gespielt, im Moment wird er als Linksverteidiger gebraucht. „Er hat gezeigt, dass er alles hat, was du auf vielen Positionen brauchst“, sagt Trainer Sami Hyypiä. „Mit dem Ball ist er unglaublich, seine Technik, alles ist da. und er ist klug genug, das zu lernen.“ Sein ehemaliger DFB-Trainer Steffen Freund hat sogar einmal gesagt: „Emre ist der kompletteste Spieler, den ich in meiner Karriere je gesehen habe.“

Armin Kraaz erinnert sich vor allem an den „unbändigen Willen“ des Schlakses und sieht ein: „Wir sind als Eintracht Frankfurt nicht groß genug, um alle unseren besten Talente in den eigenen Reihen zu halten.“ Erst recht nicht, wenn die Bayern rufen. Zweieinhalbtausend Euro haben die der Eintracht seinerzeit überwiesen. Mehr gaben die Richtlinien für Transfers eines 15-Jährigen nicht her.

Can selbst spielt am liebsten in der Mittelfeldzentrale, aber seine Vielseitigkeit ist natürlich eine enorme Stärke, die ihn auch für das türkische Nationalteam interessant macht. Zwar hat Can seit der U15 in allen DFB-Nachwuchsteams gespielt, und im Moment ist er eine Säule der U21, aber noch wäre es möglich, türkischer Nationalspieler zu werden.

Ein Hintertürchen bleibt offen

„Ich spiele sehr gerne für Deutschland und möchte meinen Weg beim DFB gehen“, sagt er. Aber ein Hintertürchen bleibt offen, solange er kein Pflichtspiel für die deutsche A-Nationalmannschaft gemacht hat.

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