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Kein Vorbeikommen: Trevor Parkes (r.) vom EHC München gegen Göteborg-Keeper Johan Gustafsson.

Eishockey

Fast wie Cinderella

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Der EHC München verliert das Finale der Eishockey-Champions-League - und findet sich doch ziemlich märchenhaft.

Wie beim FC Bayern: Auch der EHC München hielt ein Champions-League-Bankett, eröffnet wurde es mit einer offiziellen Rede. Der Rummenigge des Münchner Eishockeys ist als Sport-Geschäftsführer des EHC Christian Winkler, er sprach auf Krücken gestützt, weil er sich kurz nach Weihnachten beim Joggen den Knöchel gebrochen hatte. Er hatte eine launige Geschichte parat. Jemand aus dem Verein – namentlich wolle er ihn nicht nennen – habe ihm gerade zum Trost gesagt: „Lieber fliege ich mit Silber heim nach München als dass ich mit Gold in Göteborg bleibe.“

So schön ist die schwedische Stadt nicht, dass sie mit München mithalten könnte. Dafür hat sie das bessere Eishockeyteam, die Frölunda Indians. Sie gewannen das Endspiel der Champion Hockey League gegen den EHC München 3:1 und somit auch den Pokal, der zum fünften Mal ausgespielt wurde. Europas Meister kommt erneut aus Skandinavien, nach den Finnen (Jyp Jyväskylä 2018) waren nun wieder die Schweden dran.

„Wir hatten unsere Chancen, Tore zu machen“, sagte Trainer Don Jackson und verbuchte als erfreulichsten Punkt, dass seine Mannschaft mit Yasin Ehliz‘ Tor zum 1:3 (52. Minute) noch einmal Bewegung in die Sache brachte. Doch in die Nähe einer Wende kam München nicht mehr, man merkte es daran, dass Jackson erst 1:40 Minuten vor Schluss eine Spielsituation erwischte, in der er Torwart Aus den Birken vom Eis und gegen einen Feldspieler ersetzen konnte. Jackson ist berühmt dafür, in Spielen mit finalem Charakter bei deutlichem Rückstand so früh wie möglich zu dieser letzten Maßnahme zu greifen, vor über zehn Jahren in Düsseldorf hat er einmal 13 Minuten ohne Torwart gespielt.

Göteborg aber kontrollierte die Partie auf diskrete Weise – und mit einem beispiellos guten Überzahlspiel. „Die haben aus den ersten drei Powerplays drei Tore gemacht“, sagte Michael Wolf, der Kapitän, nach seinem letzten internationalen Spiel. EHC-Coach Don Jackson mochte als betroffener Gegner das Göteborger Überzahlspiel gar nicht, als Experte pries er es in den höchsten Tönen („Schnell und kreativ“). Sein Team indes findet seit Monaten keine Formel, es zeigt sonst kaum Schwächen, doch dies ist eine. Stürmer Patrick Hager hat wie die anderen gerätselt, warum das so ist, „obwohl wir dann viel Talent auf dem Eis haben“, Michael Wolf hofft, „dass es irgendwann einfach wieder laufen wird“.

Für sein Powerplay und für das Finale insgesamt konnte sich der EHC nicht feiern, er tat es dann halt für andere Werte, die er geschaffen hatte. „Wir haben die deutsche Fahne in der Champions League hochgehalten“, erinnert sich Christian Winkler und erzählt, wie die CHL-Saison an einem heißen August-Tag mit einem Media Day in Berlin begann: „Wir hätten fast den Flieger verpasst.“ Es war nicht abzusehen, dass den EHC die Champions League so lange beschäftigen würde, denn deutsche Teams, auch München zweimal, hatten sich spätestens mit dem Achtelfinale aus dem Wettbewerb verabschiedet, den viele vor allem als Vorbereitung auf den nationalen Ligenbetrieb sehen. Doch der EHC kam nach einer schwierigen Gruppenphase Runde um Runde weiter (Zug, Malmö, Salzburg) und durfte sich als Repräsentant auch derer sehen, die ihm wegen der Red-Bull-Finanzkraft mit kritischem Abstand begegnen. Winkler freute sich über eine Alles-Gute-Anzeige, die die Pinguins Bremerhaven in einem Fachblatt geschaltet hatten, „und Mike Stewart, der Augsburger Trainer, hat mir geschrieben, dass er stolz auf uns ist“, sagte er, das Smartphone bestätigend in der Hand.

In München verspürte Winkler gar „eine Euphorie“, er war erbaut davon, dass Hunderte EHC-Fans da waren im Scandinavium, „obwohl noch ein paar Flüge ausgefallen sind“. Kony Abeltshauser, der kernbayerische Verteidiger, war ebenfalls gerührt: „Die Fans nehmen Urlaub, buchen ein Hotel, das ist ein Riesenaufwand und kostet Geld.“ Die starke Münchner Kurve hatte jedenfalls ihren Anteil an einem stimmungsvollen Abend, wie ihn die CHL noch nicht erlebt hat in ihren fünf Jahren. „Ich bin glücklich, das war das stimmungsvollste Finale, das wir hatten“, sagte Martin Baumann, der Schweizer Vorstand der Liga, „ausverkauftes Haus mit 12.000 Zuschauern. Und vor allem: Die Schweden sind richtig aus sich herausgegangen.“ Sportlich war es für ihn „fast ein Märchen“. Nahe an der Cinderella-Story, mit der er die CHL gerne wirkungsvoller vermarkten würde.

„Im ersten Moment waren wir enttäuscht über die Niederlage“, befand Christian Winkler, „doch mit dem Abstand von zwei, drei Bier können wir sagen: Es wären 30 Klubs gerne hier gewesen. Wir waren da.“ Es ist klar, dass der EHC Lehren ziehen wird aus den entscheidenden Momenten des Finals – jedoch auch, dass ihn das 1:3-Negativerlebnis nicht knicken wird.

Die Münchner Mannschaft sei „so gut“, meinte Michael Wolf, dass sie keinen emotionalen Schaden nehmen wird. „Ich glaube, dass der Hunger und die Gier nach dem nächsten Titel jetzt noch größer werden“, kündigte Manager Winkler an, „die Deutsche Meisterschaft wird nur über uns führen“. Der EHC ist Zweiter in der DEL, an die Adler Mannheim wird er in den verbleibenden sieben Spielen der Hauptrunde bei sieben Punkten Rückstand wohl nicht mehr heranreichen.

Was die Münchner nun brauchen, sind „ein paar Tage, um das alles sacken zu lassen und zu verarbeiten“, sagt Winkler. Nach drei Monaten voller englischer Wochen ist der Terminplan nun gnädig. Beim Bankett in Göteborg musste nicht ans nächste Training gedacht werden. Die DEL macht eine Pause, der EHC auch. Man sieht sich auf dem Eis erst nächsten Dienstag wieder.

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