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Eisenbichler schaut nach vorne

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Von: Jürgen Ahäuser

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Markus Eisenbichler: „Wenn die Bude tobt, dann spornt mich das an.“
Markus Eisenbichler: „Wenn die Bude tobt, dann spornt mich das an.“ © dpa

Markus Eisenbichler hat einige Rückschläge wegstecken müssen. Aus dem Schatten anderer Springer hat er sich jetzt nach vorne gearbeitet.

Skispringer fliegen hoch, und entsprechend tief können sie auch fallen. Andreas Wank und Marinus Kraus haben vor knapp drei Jahren noch den Olymp erklommen. Sie waren Teil des deutschen Goldmedaillenteams von Sotschi. Zum Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf durften die beiden Olympiasieger in der Qualifikation nur mitmachen, weil der gastgebende Skiverband sechs zusätzliche Athleten über den Bakken am Schattenberg schicken durfte. „Ein Gnadenbrot“, wie der Sportinformationsdienst ziemlich gnadenlos urteilte. Für Marinus Kraus endete der Auftritt auf großer Bühne mit einem ernüchternden 65. Rang. Andreas Wank qualifizierte sich als 24. immerhin recht sicher.

Zwei Jahre nach dem Coup im Kaukasus beherrscht ein anderer Deutscher bei der Tournee die Schlagzeilen, dessen Skisportgeschichte einen gänzlich anderen Verlauf genommen hat. Selbst eingefleischte Fans des Skispringens werden sich an den Namen Markus Eisenbichler wohl nur deshalb erinnern, weil der Bayer 2011 beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee den damals nicht mehr ganz so großen Martin Schmitt im K.-o.-Duell ins sportliche Abseits stieß. Eisenbichler, damals 21 Jahre alt, wurde 30. und holte seinen allerersten Weltcuppunkt. Bis zum Start in diesen Winter kamen nicht mehr allzu viele hinzu.

Doch plötzlich ist der Bundespolizist aus Siegsdorf nicht nur der konstanteste, sondern auch der beste Springer im ganz sicher nicht namenlosen Team des Deutschen Skiverbandes (DSV). Im Weltcup war der Schattenmann fünfmal in Folge bester Deutscher. Beim Springen in Obersdorf unterstrich der Wiederauferstandene seine beständig gute Form. Nach Sprüngen über 135 und 133,5 Metern landete der 25-Jährige auf Platz sechs und war bester DSV-Adler. „Der Markus hat noch nie eine ordentliche Tournee gesprungen“, hat Bundestrainer Werner Schuster im Interview mit der FR gesagt, aber schnell angefügt: „In diesem Jahr kann sich das ändern, wenn es ihm wie im bisherigen Saisonverlauf gelingt, zwei gute Sprünge zu zeigen.“ Zweimal weit und schön zu springen, daran hat es in der Vergangenheit bei dem Chiemgauer gehapert. „Markus weiß noch gar nicht, wie gut er ist. Das ist eine tolle Geschichte, wie er sich zurückgekämpft hat.“

Oberstdorf, Schattenbergschanze. Der Schicksalsort für den Bayern. Zunächst der unfreundliche Akt gegen den Liebling der deutschen Skisprungfans und dann der Tag im September 2012. Beim Training im Allgäu stürzte Eisenbichler kopfüber in den Boden. Der dritte Brustwirbel war gebrochen, vier weitere angebrochen. „Als ich da unten lag und nichts mehr gespürt habe, habe ich schon mal gedacht, dass es das jetzt mit dem Skispringen war“, erinnert sich Eisenbichler an die dramatischen Momente und die Zeit danach: „Als ich dann im Krankenhaus lag, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe mir gesagt: Falls ich wieder fit werde, dann probiere ich es noch mal. Dann nicht mehr mit 80 Prozent. Sondern unter dem Motto ‚Alles oder nichts‘. Ich bin dann später mit einem mulmigen Gefühl wieder das erste Mal auf die Schanze in Oberstdorf gestiegen und habe meine Angst überwunden.“

Das Selbstvertrauen ist da

Markus Eisenbichler, früher manchmal ein Schluri im Training, kann seine Athletik jetzt in Technik umsetzen, sein enormes Fluggefühl habe er eigentlich nie verloren, attestiert Schuster. Nachdem er in Lillehammer in dieser Saison als Dritter zum ersten Mal auf das Podium sprang, ist auch das Selbstvertrauen da, um sich mit den Brüdern Peter und Domen Prevc, dem polnischen Doppelolympiasieger Kamil Stoch und dem Norweger Daniel-Andre Tande zu messen.

Weil der deutsche Vorflieger Severin Freund nach einer Hüftoperation noch um Auftrieb und die optimale Flugposition ringt, ist Eisenbichler unversehens in die Rolle des Frontmanns in der DSV-Flugformation gerückt. „Mit zwei richtig guten Sprüngen kann er alle schlagen“, sagt Schuster und legt die Latte für seinen Spätzünder ziemlich hoch. Eisenbichler begegnet der deutlich gestiegenen Aufmerksamkeit der Medien und den hohen Erwartungen mit einer gewissen bayerischen Bierruhe: „Wenn die Bude tobt, dann spornt mich das an. Man darf aus der Tournee nicht etwas Besonderes machen. Daran sind schon viele gescheitert. Ich gehe das eher relaxed an.“ Eine gewisse Lockerheit hat auch in großen Höhen noch nie geschadet.

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