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Einmal Campo Bahia und zurück

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Der große Moment: Mario Götze und Thomas Müller bejubeln den finalen Treffer für Deutschland gegen Argentinien.
Der große Moment: Mario Götze und Thomas Müller bejubeln den finalen Treffer für Deutschland gegen Argentinien. © REUTERS

Die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2014: Erinnerungen an ein großartiges Gruppenerlebnis, an besondere Gastfreundschaft und an ein Spiel, das sich für immer ins kollektive Gedächtnis von Deutschen und Brasilianern eingebrannt hat.

Von Jan Christian Müller

Es ist einiges geblieben, dort in Santo André, dem winzigen Dorf an der brasilianischen Atlantikküste, in dem die deutsche Nationalmannschaft und mit ihr eine ganze Hundertschaft von Reportern im Juni und Juli mehr als fünf Wochen lang ein Zuhause gefunden hatte. Über Weihnachten und Neujahr ist traditionell Hochsaison drüben in der Touristenhochburg Porto Seguro, aber auch jenseits der Fähre im viel ruhigeren Santo André.

In der mondänen Anlage Campo Bahia, wo der DFB-Tross zwischen den Spielen logierte, konnte über die Feiertage keine Villa mehr gebucht werden, erst im Januar stehen wieder Doppelzimmer für 3200 Euro oder gar ganze Häuser für etwas mehr als 16.000 Euro pro Woche zur Verfügung. Auf der Homepage campobahia.com heißt es: „Urlaub wie im entlegenen Paradies ... an einem Ort voller Energie und Magie: Traumstrände, Mangrovenwälder und der Atlantik, der wie ein Kristallteppich in der Sonne funkelt.“ Das ist nicht großartig übertrieben formuliert.

Die an der Flussmündung des João de Tiba gelegene Pousada Terra Morena am Ortseingang, wo eine achtköpfigen deutsche Journalistengruppe fast in Nachbarschaft zur Nationalmannschaft wohnte und arbeitete, ist gar bis Mitte Februar ausgebucht. Dass die späteren Weltmeister hier zu Hause waren, hat dem liebenswerten, knapp zwei Kilometer langen und 200 Meter breiten 800-Seelen-Ort, der nur von einer Sandstraße durchzogen wird, internationale Aufmerksamkeit gebracht. „Wegen der Publicity durch die WM sind unsere Erwartungen groß“, berichtet Yasmin Ferro, die Juniorchefin des Terra Morena, die sich um ihre Gäste liebevoll kümmert, „jede Pension, jedes Hotel, die Kneipen und Restaurants sind voll.“

Die Deutschen haben Spuren hinterlassen. Nicht nur, weil ein Zwergpinscher in Santo André nun auf den Namen Lukas Podolski hört. Der neue Fußballplatz in der Dorfmitte wird bald bespielbar sein, berichtet Wally Busch, eine Deutsche, die in Santo André eine Heimat gefunden hat. „Die Dorffußballer haben die Fertigstellung selbst in die Hand genommen und sogar einen Verein zur Unterhaltung des Platzes gegründet.“ Wally Busch ist eine Frau, die im Kleinen auch das große Ganze sieht. Also sagt sie: „Ich freue mich über diese Fortschritte im demokratischen Verhalten unserer Leute.“

Die Stadtverwaltung in Calibra, auf der anderen Seite der berühmt gewordenen Fährverbindung, habe Santo André ansonsten schon wieder vergessen, ärgert sich Wally Busch, die Schlaglöcher auf der Sandpiste würden nicht mehr verfüllt und „in der Schule gab es noch nicht einmal mehr Klopapier“. Auch fehlten einige der jungen einheimischen Frauen, berichtet Busch augenzwinkernd. Sie hatten sich während der WM in deutsche Künstler oder Ingenieure verliebt und leben nun in Deutschland. Dafür blieben 25 Mountainbikes zurück, welche die Nationalspieler kaum benutzt hatten. Noch sind nicht alle Räder verkauft. Der Erlös wird dem Projekt Ganztagesschule in Santo André zukommen. Insgesamt hat der DFB 15 Projekte in Brasilien mit einer halben Million Euro gefördert.

Hinzu kommen private Initiativen: Die Offenbacher Studentin Theresa Ernst, Tochter des Frankfurters Rainer Ernst, des Greenkeepers des DFB-Teams, versteigert von den Spielern bei der Filmpremiere von „Die Mannschaft“ in Berlin signierte Teile der von ihr mit Kindern am Trainingsplatz am Ortsrand von Santo André bemalten Sichtschutzwand. Die 21-Jährige hat die Elemente nach Deutschland verschiffen lassen, eines hat bereits Sami Khedira über seine Stiftung erworben. „Zwei Exponate werden bei United Charity versteigert“, erklärt Theresa Ernst, „wir haben auch noch kleinere Elemente, die man gegen eine Spende bekommen kann.“ Sie und ihr Vater werden die Erlebnisse von Santo André für immer in ihren Herzen tragen.

Das geht vielen der langjährigen WM-Berichterstatter nicht anders. Fast alle, auch die besonders erfahrenen sogenannten alten Schlachtrosse, die schon in Mexiko 1970 dabei waren, sind sich einig: Sie haben in Brasilien die aufregendste, aber auch die aufreibendste Weltmeisterschaft ihrer bewegten Karriere erlebt. Durch den Unterschied von fünf Stunden Vorsprung gegenüber Deutschland war der Zeitdruck enorm, hinterher waren sich viele Reporter einig: Dieses Pensum hatten sie nur geschafft, weil der Zusammenhalt untereinander so groß war, weil die gegenseitige Unterstützung über dem Konkurrenzgedanken stand, weil einer, der den einen Tag mal durchhing, von den anderen gestützt wurde und am nächsten Tag selbst einem anderen half. So war diese WM nicht nur für die deutsche Mannschaft ein großartiges Gruppenerlebnis. Presseleute und Fußballspieler erlebten das offenbar ganz ähnlich.

Das Verhältnis zum Deutschen Fußball-Bund entwickelte sich indes ambivalent. Dass Nationalmannschafts-Pressesprecher Jens Grittner nach der WM in einem Interview mit der Zeitschrift „Sportjournalist“ davon sprach, sie hätten sich im Campo Bahia wie im „Big Brother Container“ gefühlt, verwunderte angesichts der Tatsache, dass die Herberge hermetisch abgeriegelt war und kein seriöser Reporter Zugang erhielt. Im Nachhinein erklärt sich die Aussage eventuell durch die Tatsache, dass das bordeigene DFB-TV tagtäglich mit der Kamera unterwegs war, um die Bilder für den WM-Film zu drehen.

Im DFB fühlte man sich durch deutsche Medien nicht fair dargestellt. Es herrsche Unverständnis über so manche mediale Einlassung, offenbarte Grittner nach dem Halbfinalsieg über Brasilien, der Bundestrainer sei nicht seriös und differenziert bewertet, nach dem Achtelfinale gegen Algerien sei die Kritik zu vehement und zu wenig ausgewogen geübt worden. Gerade die „Lahm-Debatte“, die auch in der Heimat mit Vehemenz geführt wurde und in Wahrheit vor allem eine Debatte um den davon unbeeindruckten und in sich ruhenden Joachim Löw war, hatte drinnen innerhalb des Palisadenzauns im Campo Bahia niemand verstanden.

Die Irritationen waren gegenseitig besonders offenkundig geworden, als das Trainingslager in Südtirol völlig unterschiedlich beurteilt wurde: Medial als „Chaos-Camp“ aufgrund des schweren Unfalls bei einer Autofahrt mit Nationalspielern in hochgetunten Karossen auf einer engen Bergstraße am selben Tag, als der Führerscheinentzug für Löw bekannt geworden war; zudem wegen der kurz zuvor ruchbar gewordenen „Pinkel-Affäre“ von Kevin Großkreutz, dem WM-Aus von Lars Bender, dazu die arg angeschlagenen Führungsspieler Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer. Intern als von außen zum Teil böswillig gestörte, in Wahrheit aber optimale Vorbereitung auf Brasilien. Es seien „zwei völlig verschiedene Welten entstanden“, beschrieb Nationalmannschafts-Psychologe Hans-Dieter Hermann die unterschiedlichen Wahrnehmungen.

In der Nacht nach dem Finale saßen sechs Reporter auf vier Zimmer verteilt in einem gemeinsam gemieteten Apartment in der Nähe der Copacabana. Sie hatten ihre aktuelle Arbeit im Maracanã-Stadion unter Hochdruck in der Verlängerung geschafft, die Siegesfeierlichkeiten vor Ort mit einer seltsamen Distanz fast wie durch einen Schleier verfolgt, in der Mixed-Zone ihre Fragen gestellt und sich in zwei Taxis noch auf ein letztes gemeinsames Bier an den berühmten Strand bringen lassen. Der DFB hatte ihnen bedeutet, dass sie – anders als noch nach dem Finale 2002 in Yokohama – auf der Feier im Teamhotel keinen Einlass erhalten würden. Ohnehin waren sie nach 37 Tagen vor Ort extrem erschöpft, zumal es in 14 Nächten vor und nach den Spielen nur jeweils zwei, drei, vier Stunden Schlaf gegeben und der Regentrip zum Spiel gegen die USA nach Recife insgesamt 60 Stunden gedauert hatte.

Fast ohne Ausnahme nickten sie nach dem Endspiel in Rio vor ihren Rechnern beim Schreiben immer wieder ein, schreckten hoch, schrieben weiter, schliefen wieder ein, schreckten hoch, schrieben weiter. Denn sie mussten funktionieren. In dieser Nacht mehr denn je. Es ging ihnen wie im Endspiel den Spielern: noch einmal alles aus sich herausholen. Noch einmal alles geben.

Der Rückflug im Siegerflieger, so war es geplant, sollte dann umso mehr eine ähnlich riesige Party erleben wie dereinst im Juli 2002 nach der Vize-Weltmeisterschaft in Japan, als die Flugbegleiter die Passagiere mehrfach zur Ordnung rufen mussten, damit der Jumbo stabil weiterfliegen konnte. Aber diesmal kam es anders: Die meisten verfielen in einen komatösen Schlaf. Sie hatten das allerletzte aus ihren Köpfen und Körpern herausgeholt.

Eine knappe Woche zuvor, am 8. Juli, waren sie alle miteinander Zeugen eines der am unwirklichsten erscheinenden Fußballspiele geworden, die sie jemals erlebt hatten. Wieder waren sie nachts um 1.20 Uhr aufgestanden, um die Zwei-Uhr-Fähre von Santo André und somit den Flieger von Porto Seguro nach Belo Horizonte nicht zu verpassen, morgens vor sieben schon waren sie gelandet, weil andere Flüge nicht zu bekommen waren, sie hatten sich ein paar Stunden in Cafés der Stadt herumgelümmelt und glaubten nun, als zwischen dem deutschen 2:0 durch Miroslav Klose und dem 5:0 durch Sami Khedira im Halbfinale gegen Brasilien nur sechs Minuten vergingen, sie würden halluzinieren. War das Wirklichkeit oder waren das Wiederholungen in Echtzeit?

Es gibt für einen Journalisten bei jeder Weltmeisterschaft ein einprägendes Erlebnis: 1998 die hinterhältige Attacke von deutschen Hooligans in einer Seitengasse von Lens auf den Gendarmen Daniel Nivel, der dabei fast totgetreten wurde; 2002 der völlig niedergeschlagene Titan Oliver Kahn nach dem verlorenen Finale im Vorraum eines Stadthotels von Yokohama, ohne Blick für seine damalige Ehefrau, mit Bandage um den verletzten Ringfinger, weshalb er, einer der Superstars dieser WM, einen Schuss von Rivaldo hatte abprallen lassen und so die 0:2-Niederlage gegen Brasilien einleitete; 2006 der unfassbar infernalische Jubel, als Oliver Neuville in Dortmund gegen Polen das 1:0 in der Nachspielzeit erzielte; 2010 der Schuss von Frank Lampard an die Unterkante der Latte, von wo der Ball nicht nur hinter Manuel Neuer, sondern auch deutlich hinter der Linie ins Tor fiel, was im Stadion von Bloemfontein und auf der ganzen Welt alle Menschen sahen, nur die Schiedsrichter nicht; und nun das Halbfinale 2014, als André Schürrle mit seinem krachenden Schuss zum 7:0 traf: Da standen sie alle miteinander auf, alle Brasilianer, und sie pfiffen ihre Mannschaft nicht etwa aus, sondern sie beklatschten den Gegner.

Minutenlang. Es war die größte Geste der Gastfreundschaft und Sportsgeistes bei dieser Weltmeisterschaft.

Und es war ein derart epochales Ereignis, dass dieses eine Spiel jetzt in einer Sonderausgabe des Magazins „54, 74, 90, 14“ (www.547490.de) noch einmal auf 98 Seiten thematisiert wurde. Es sind Bilder, die sich ins nationale Gedächtnis eines jeden Landes eingebrannt haben: Der brasilianische Verteidiger David Luiz stammelte danach, von Weinkrämpfen geschüttelt: „Ich wollte meinem Volk Freude bereiten, allen Menschen, die so viel leiden in diesem Land. Ich möchte mich bei allen Brasilianern entschuldigen.“ Teamkollege Dani Alves sagte: „Wir waren ein Ausfall für unser Volk.“ Stürmer Fred ergänzte: „Das Spiel wird eine lebenslange Narbe bei uns hinterlassen.“ Und eine lebenslange Erinnerung bei all jenen, die diese wundersamste Vorführung einer deutschen Fußballmannschaft im Estádio Mineirão von Belo Horizonte vor Ort miterlebten.

Sammeln für Zodwa und Themba

Seit der WM 2010 sammelt dieselbe deutsche Journalistengruppe, die auch in Brasilien zusammenarbeitete, für Zodwa Ndlovu und Themba Archie Zwane. Beide waren aus Simbabwe geflüchtet und hatten die Reporter in deren im Hochland zwischen Johannesburg und Pretoria gelegenen Quartier betreut. Die FR hatte über die Schicksale der beiden unter der Überschrift "Zodwas Traum" berichtet.

Die Reportergruppe richtete nach der WM ein Spendenkonto ein, an dem sich später auch die Bundesliga-Stiftung großzügig beteiligte. Auch kurz vor Weihnachten 2014 meldeten sich Zodwa und Themba über Facebook. „Vielen Dank für das Geld. Gott möge Euch und dem deutsche Team die glücklichsten Stunden Eures Lebens schenken“, schrieb Zodwa. Themba schrieb: „Es ist gut, von Euch zu hören. Meine Familie und ich freuen uns über Eure Unterstützung von ganzem Herzen.“

Das Spendenkonto existiert nach wie vor:

Spendenkonto „Zodwas Traum“ Sparkasse Mainfranken Würzburg DE11 7905 0000 0046 6655 76 SWIFT-BIC: BYLADEM1SWU

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