+
Leistungssport in Hessen.

In einem permanenten Spannungsverhältnis

  • schließen

Hessische Topathleten sprechen über die Vor- und Nachteile der Leistungssportreform.

lemma. Die Leichtgewichtsruderin, die für die Frankfurter Rudergesellschaft Germania 1869 startet, hat sich der Forderung des Ruderverbandes verweigert, an den Stützpunkt nach Berlin zu wechseln. Die 27-jährige studiert an der Frankfurter Goethe-Universität Physik und will ihr gutes Trainingsumfeld nicht verlassen. Da auch nur noch drei statt bisher ursprünglich fünf Förderplätze für nichtolympische Disziplinen bezuschusst werden, ist ihr bereits 2016 die nationale Sporthilfe gestrichen worden. Obwohl sie drei Monate zuvor Vizeweltmeisterin geworden ist. „Ich überlege jetzt sogar, mit dem Leistungssport komplett aufzuhören“, sagte sie nun im Klubhaus ihres Heimatvereins.

Das Land Hessen wird ihr bei ihren finanziellen Nöten kaum helfen können, sagte der hessische Sportminister Peter Beuth, da letztlich der Bund für die Spitzensportler und das Land für die Nachwuchssportler zuständig ist. Beuth war es, der mehrere hessische Spitzensportler in das Klubhaus am Schaumainkai eingeladen hatte, um mit ihnen die Spitzensportreform des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu diskutierten und ihnen zu versichern, dass das Land Hessen die individuellen Bedürfnisse – im Gegensatz zum Bund – weiter berücksichtigen wird.

Im Zuge der Reform soll die Zahl der Olympia- und Bundesstützpunkte reduziert, aber die Topathleten weiter gefördert werden. Da fallen dann Sportler wie Katrin Thoma durch das Raster. Carolin Schäfer, Vizeweltmeisterin im Siebenkampf, ist mit ihrer Förderung durch das Land Hessen vollauf zufrieden. Die 25-Jährige gehört der Sportfördergruppe der Polizei an und hat nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung zur Polizeikommissarin existenzielle Sicherheit. „Ich kann meine Leidenschaft als Beruf ausüben“, sagt die Leichtathletin der LG Eintracht Frankfurt. Reinreden lässt sie sich von niemandem – auch nicht vom Bundestrainer. „Der kann mir maximal die Richtwerte vorgeben“, sagt sie.

Das ist bei den Ruderern anders. „Wer nicht mit zum Stützpunkt geht, der darf nicht zur WM hat der Bundestrainer klargemacht“, berichtet Jonathan Koch, der als Mini-Jobber für den neu gegründeten Verein „Athleten Deutschland“ arbeitet. Das Leistungsprinzip außer Kraft zu setzen, zerstöre viel und erinnere stark an Planwirtschaft, findet der Leichtgewichtruderer der Germania. „Ein System, in dem Sportler nur noch Marionetten an der Stange sind, kann nicht funktionieren“, sagte der ehemalige Weltmeister.

Der 31-Jährige hat sich während seiner Karriere „permanent im Spannungsverhältnis“ befunden. An der Universität hat er wenig Verständnis von den Dozenten erfahren. Kurz vor seinem Bachelorabschluss musste der Sportsoldat auf Wunsch des Bundestrainers blockweise in Hamburg trainieren. Da er dem Soldatengesetz unterliegt, konnte der 31-Jährige sich dem nicht verweigern, auch wenn er viel lieber in Frankfurt trainiert hätte.

Wie wichtig das vertraute Umfeld ist, weiß Jürgen Eisinger. Der Leichtathletik-Landestrainer, der unter anderem Hochspringerin Ariane Friederich zur Topathletin formte, findet, dass sich die meisten Bundestrainer erst für die Athleten interessieren, wenn diese gesund ist. „Die sind zwar oft abhängig von den Institutionen, aber es gibt trotzdem mehr negative als positive Beispiele“, findet Eisinger.

Der einzige in der Runde, der viel von der Zentralisierung in seiner Sportart hält, war Judo-Weltmeister Alexander Wieczerzak. Der gebürtige Frankfurter lebt seit sechs Jahren in Köln und trainiert bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr. „Ohne eine Vielzahl von Partnern, können wir nicht besser werden“, sagte der 26-Jährige. Besonders dankbar war er auch dem Landessportbund Hessen, der ihn auch in seinem Seuchenjahr 2016 finanziell unterstützt hat. „Sonst wäre ich nicht Weltmeister geworden“, sagt Wieczerzak.

Das Land unterstützt den Sport in Hessen mit 40 Millionen Euro, wovon 20 Millionen an den Landessportbund gehen. Für den 5. Dezember plant Beuth einen Kongress mit Athleten und Institutionen, „um den partizipatorischen Weg“ des Landes Hessen aufzuzeigen. Ob der jedoch Athleten und Athletinnen wie Katrin Thoma aus ihrem Dilemma befreien kann, ist zu bezweifeln.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion