Nerd mit Coolness-Faktor: Magnus Carlsen.
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Nerd mit Coolness-Faktor: Magnus Carlsen.

Schachspieler Magnus Carlsen

Von einem anderen Planeten

  • Hannes Gamillscheg
    vonHannes Gamillscheg
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Der norwegische Schachspieler Magnus Carlsen erreicht die höchste jemals erreichte ELO-Punktzahl und will nun endlich auch Weltmeister werden

60 Züge lang hatte Magnus Carlsen den Weltmeister unter Druck gesetzt, dann streckte er die Hand vor und bot diesem ein Remis an. Viswanathan Anand schlug sofort ein. Der indische Schachchampion wusste, dass er gegen diesen Widersacher keine Siegeschance hatte. Auch Carlsen war zufrieden. Das Unentschieden sicherte ihm nicht nur den Turniersieg im bestens besetzten London Chess Classics. Sie bringt ihn auch in der Weltrangliste in noch nie erklommene Höhen.

Wenn im Januar die neuen Elo-Zahlen erscheinen, die exakt und unbestechlich die Leistungsstärke der Schachspieler beschreiben, wird der Norweger nicht nur das Ranking anführen. Das tut er mit kurzen Unterbrechungen seit drei Jahren. Diesmal wird seine Punktezahl einen neuen Allzeit-Rekord bedeuten, besser als Bobby Fischers Marke, die in den siebziger Jahren als unschlagbar galt, besser auch als Garri Kasparow, dessen 2?851 Punkte als Maß aller Dinge galten. Künftig heißt dieses 2?857, aufgestellt von Magnus Carlsen, und dabei ist dieser erst 22 Jahre alt.

Er war fünf, als ihm sein Vater das erste Schachspiel schenkte, und seither hat er keinen Tag ohne das geliebte Brett verbracht. Erst wollte er Ellen schlagen, die große Schwester, dann Henrik, den Vater, und als es in der Familie keine Herausforderer mehr gab, meldete er sich im lokalen Schachklub an. Das Talent war atemberaubend. Mit acht Jahren spielte er sein erstes Turnier, mit 13 war er Großmeister, mit 14 trat er erstmals gegen Kasparow an und hielt ein Remis.

Mit seinem aggressiven Stil und dem hohen Tempo begeistert er das Publikum, Blitzschach mit begrenzter Bedenkzeit ist eine seiner besonderen Stärken. Das jüngste Turnier in London gewann er überlegen mit fünf Siegen und drei Remis, und die Gegenspieler huldigen ihm. Nur der Russe Wladimir Kramnik sagt, er selbst sei der beste Schachspieler der Erde: „Denn Carlsen stammt von einem anderen Planeten.“

Schach-Nerd mit Coolness-Faktor

Ein Schach-Nerd also, aber einer mit Coolness-Faktor. Eine Modefirma machte den kleingewachsenen jungen Mann mit dem starken Kinn und den breiten Backenknochen zum Posterboy ihrer Casual-Linie und stellte ihm Filmstar Liv Tyler zur Seite, nach dem Motto die Schöne und das Biest. Die „Firma Carlsen“ ist ein umsatzträchtiges Unternehmen geworden. Carlsen wird als Zugpflaster für Konferenzen in Silicon Valley angeheuert, er zieht mit Rapper Jay-Z und den Red Hot Chili Peppers um die Häuser. Dann fährt er wieder zum Auftanken heim nach Lommedalen. Er ist nicht menschenscheu, aber auf Abstand bedacht. „Konflikte mag ich nicht“, sagt er und brach die Zusammenarbeit mit Garri Kasparow ab, um den es wegen seines politischen Engagements ständig Wirbel gibt.

Für die Norweger soll ein Sportheld zwar am liebsten Ski unter den Füßen tragen, doch auch Carlsens Landsleute entdecken langsam seine Qualitäten. In der Kandidatenliste für den „Sportler des Jahres“ steht er in engster Auswahl. Eigentlich sollte es über seine Wahl keinen Zweifel geben, meint sein Manager Espen Agdestein. „Schach spielen 500 Millionen Menschen, und es werden tausend Jahre vergehen, ehe Norwegen wieder einen Weltranglistenersten hat.“

Ist Magnus Carlsen der beste Schachspieler der Geschichte? „Er spielt das beste Schach aller Zeiten“, erwidert Agdestein, denn die heutigen Hilfsmittel lassen den Vergleich mit den Größen alter Tage schwer zu. Computerschachprogramme und Internetinformationen heben das Niveau ständig, vergrößern aber auch die Konkurrenz.

Kasparow beherrschte die Schachwelt 20 Jahre lang. Carlsen ist erst 22 und schon drei Jahre die Nummer eins. Eines fehlt ihm noch: der Weltmeistertitel. Früher hat er sich geweigert, am Kandidatenturnier teilzunehmen. „Die Weltrangliste ist wichtiger als der Weltmeistertitel“, sagt er, „sie sagt mehr über die Spielstärke aus.“

Doch beim nächsten Mal ist er dabei. Beim Rating hat Carlsen alle Ziele erreicht, und das WM-Preisgeld wurde auf 2,6 Millionen Dollar aufgestockt. Gewinnt er 2013 die Ausscheidung, säße er im Jahr darauf im WM-Duell wieder Anand gegenüber. Zwar ist der Inder einer von nur zwei Spielern, die gegen Carlsen eine positive Bilanz haben (Kramnik ist der andere), aber „das letzte Mal, dass ich gegen ihn verlor, war im Juli 2011“, sagt der Herausforderer, „und seither habe ich ihn stets beherrscht.“

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