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Kristina Vogel auf dem Weg zur Pressekonferenz.

Radsport

Eine starke Frau

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Kristina Vogel wird ihr Leben fortan im Rollstuhl verbringen müssen. Doch statt zu verzweifeln, nutzt sie die sich ihr bietende Bühne, um sich und ihren Leidensgenossinnen Mut zu machen. Das macht sie zum Vorbild für uns alle.

Im proppenvollen Hörsaal des Unfallklinikums Berlin-Marzahn herrschte eine Aufgeregtheit, die selbst einer Kristina Vogel neu gewesen sein muss. Olympiasiegerin ist sie, Weltmeisterin sowieso. Der Umgang mit den Medien ist der außerordentlich erfolgreichen Bahnradfahrerin wohlbekannt. Ihr erster öffentlicher Auftritt nach ihrem verhängnisvollen Unfall war allerdings von einer solch medialen Wucht begleitet, wie wir sie allenfalls vor Länderspielen der Fußball-Nationalmannschaft kennen.

Mehr als 80 Journalisten waren akkreditiert, unzählige Kamerateams drängten sich in der ersten Reihe - um sie zu sehen: Kristina Vogel, Vorzeigeathletin im Rollstuhl. Querschnittsgelähmt seit ihrem tragischen Trainingsunfall vor zweieinhalb Monaten.

Spätestens seit ihrem bemerkenswerten Interview im „Spiegel“ weiß ganz Deutschland um ihren Gesundheitszustand. Wir wissen aber auch, was für eine starke Frau, welch außergewöhnlicher Mensch diese Kristina Vogel ist, an deren Schicksal eine ganze Nation Anteil nimmt.

Eine gehörige Portion Voyeurismus mag dabei sein, das Leid des anderen übt von jeher eine fürchterliche Faszination auf uns aus. Wir werden zu Gaffern, Schaulustigen. Egal ob auf Autobahnen oder eben wie gestern Vormittag im Hörsaal des Unfallkrankenhauses in Berlin-Marzahn.

Kristina Vogel ist sich dessen durchaus bewusst. Sie taxiert die Blicke ihrer Gegenüber, sie weiß um ihre ganz besondere Rolle, die sie zu nutzen versteht. Von Resignation keine Spur. Bedauern? Selbstmitleid? Nein, nichts von alledem.

Die junge Frau nutzt die sich ihr bietende Bühne auch stellvertretend für die vielen namenlosen Patientinnen und Patientin, deren Schicksal im Verborgenen bleibt, die sich nicht im Blitzlichtgewitter einer neugierigen Öffentlichkeit bewegen.

Es ist deutlich herauszulesen und nun auch herauszuhören: Kristina Vogel nutzt die Gelegenheit, um Mut zu machen. Sich selbst, aber auch den vielen Leidensgenossinnen - ohne sich dabei selbst zu verlieren. Sie ist ganz bei sich, authentisch, von einer bedingungslosen Ehrlichkeit, wenn sie Sätze sagt wie: „Ich hätte tot sein können. Ich hatte verdammt viel Glück.“ Diese lebensbejahende Sicht auf ihr ganz persönliches Schicksal bewegt und sollte uns alle demütig machen, die wir uns Tag für Tag wie selbstverständlich auf zwei Beinen fortbewegen. Die Gesundheit ist ein hohes, aber eben auch fragiles Gut, dessen wir uns viel zu selten bewusst werden.

Kristina Vogel wird ihr Leben fortan im Rollstuhl verbringen müssen. Das weiß sie, und sie nimmt diese neue Rolle an. Ohne Wenn und Aber. Sie hadert nicht mit ihrer Verletzung, sondern freue sich auf ihr neues Leben, wie sie es selbst formulierte. Hochachtung, auch davor.

Diese starke Frau ist ein Vorbild – für uns alle.

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