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Löste Begeisterung aus: die Para-Leichtathletik-WM in London 2017 - hier Regas Woods (USA).

Paralympische Leichtathletik

Eine Sportart, aber getrennte Welten

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Die EM der paralympischen Leichtathleten startet Montag. Zusammenwachsen mit Nichtbehindertensport verläuft mühsam.

Es ist erst ein Jahr her, Ralf Otto hat die Straßen von London noch gut vor Augen. Er lief an Cafés und Pubs vorbei. Auf den Fernsehschirmen liefen nicht mehr Cricket oder Rugby, sondern Behindertensport. Die Weltmeisterschaften der Para-Leichtathleten lösten Begeisterung aus, sagt der Trainer des Behindertensportverbandes Berlin. Insbesondere im Londoner Olympiastadion mit mehr 30 000 Zuschauern, wo zwei Wochen danach auch die WM der nichtbehinderten Leichtathleten stattfinden sollte.

Beide Weltmeisterschaften waren Jahre lang zusammen erdacht und geplant worden: In Sportförderung und Vermarktung, in Unterbringung und Transport. Und diese Partnerschaft folgte einer gewissen Logik: Seit 1988 in Seoul finden Olympische und Paralympische Spiele zeitversetzt in denselben Städten statt. Seit den Spielen 2012 in London werden sie verpflichtend von demselben Organisationskomitees geplant. Warum sollte das nicht auch bei einer WM funktionieren?

Keine Zusammenarbeit mit der olympischen Leichtathletik 

Oder bei Europameisterschaften: Die olympischen Leichtathleten haben bis Sonntag ihre Kontinentalmeister in Berlin ermittelt, vor allem im Olympiastadion. Ihre paralympischen Kollegen werden ab Montag nachziehen, im kleineren Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Das Interesse ist geringer, daher findet Ralf Otto die Ortswahl sinnvoll. In einem anderen Punkt ist der Wettkampfdirektor unzufrieden. „Es gab im Prinzip keine Zusammenarbeit mit der olympischen Leichtathletik..“ Eine Sportart, eine Stadt. Und doch getrennte Welten.

Für die EM der Nichtbehinderten war der Europäische Leichtathletik-Verband (EAA) zuständig. Für die Para-EM ist das Internationale Paralympische Komitee (IPC) verantwortlich. Der Deutsche Behindertensportverband brachte Ideen ins Spiel: für wechselseitige Werbeaktionen oder eine gemeinsame Marathonveranstaltung. Doch die EAA zeigte wenig Interesse.

Auch nicht an paralympischen Demonstrationswettbewerben während der EM im Olympiastadion. Dabei sind solche Einlagen außerhalb der Wertung schon lange keine Seltenheit mehr. Niko Kappel, Paralympics-Sieger 2016 im Kugelstoßen, nahm im Juli an einem Einlagenwettkampf im Nürnberger Stadtzentrum teil, im Rahmen der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften der Nichtbebinderten. Darüber hinaus verläuft das Zusammenwachsen jedoch schleppend. Die Paralympier wünschen sich keine Europameisterschaften zur selben Zeit am selben Ort, die wären zu groß und würden sie an den medialen Rand drängen. Bei den Nichtbehinderten waren rund 1600 Leichtathleten in 48 Wettbewerben aktiv. Bei den Behinderten sind es nun 600 in 182 Wettbewerben. Davon sind 40 Sportler aus Deutschland. „Wegen der unterschiedlichen Behinderungen gibt es bei uns sehr viele Startklassen“, sagt Karl Quade, Vizepräsident für Leistungssport beim DBS. „Man müsste also über andere Formen nachdenken.“

Seit einigen Jahren kreisen Sonntagsreden im Sport auch um den Begriff Inklusion. Aber: „Es gibt eigentlich keine Kommunikation zum Deutschen Leichtathletik-Verband“, sagt der Berliner Landestrainer Ralf Otto. „Es gibt dort auch kein Interesse an uns.“

Kein Inklusionsbeauftragter beim DLV

In Kanada und Großbritannien sind olympische und paralympische Leichtathleten in denselben Verbandsstrukturen aufgegangen. Ralf Otto findet, dass auch der Behindertensportverband langfristig näher an den DLV heranrücken müsse, für Trainingslager, oder Fortbildungen: „Nur dann kommen wir vorwärts. Aber damit wären natürlich auch einige Funktionäre beim DBS überflüssig.“

Der Deutsche Leichtathletikverband hat einen Inklusionsbeauftragten, doch Innovationen zum Thema sind noch nicht überliefert worden. Oder wie es DLV-Präsident Jürgen Kessing formuliert: „Natürlich werden immer Gespräche geführt, aber das muss dann alles wachsen und reifen. Und irgendwann ist dann der richtige Zeitpunkt da. Und vielleicht erleben wir irgendwann in der Zukunft, dass man beide Wettbewerbe gemeinsam durchführen kann.“

Es gibt Beispiele, die in die Zukunft weisen: Niko Kappel trainiert in Stuttgart in einer olympischen Trainingsgruppe, finanziert durch den Württembergischen Leichtathletikverband. „Da werden keine Unterschiede gemacht“, sagt er. „Da sind wir längst zusammengewachsen.“

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