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Abgeräumt: Der australische Kapitän Michael Hooper (links) tackelt den Neuseeländer T. J. Perenara.

All Blacks

Eine Rugbynation sieht schwarz

Neuseeland führt seit zehn Jahren die Weltrangliste an - am Wochenende wurden die All Blacks ausgerechnet von Australien gedemütigt und stecken sechs Wochen vor der WM tief in der Krise.

Punkt 18 Uhr, Hauptnachrichtenzeit in Neuseeland. Passend zur angespannten Lage der Nation, die um den Gesundheitszustand der schwangeren Moderatorin fürchten lässt, trägt Melissa Chan-Green, die Frontfrau des TV-Senders Newshub, Trauerschwarz. Die All Blacks in der Krise, das ist das Aufmacherthema. Es sind nur noch sechs Wochen bis zum Beginn der Rugby-Weltmeisterschaft in Japan, und anstatt nach einer „ganzen Serie von besorgniserregenden Resultaten“ endlich einen Aufwärtstrend zu verzeichnen, sind Neuseelands Superstars in Perth gegen Australiens Wallabies 26:47 (13:16) untergegangen. Mehr Punkte hat noch nie eine Mannschaft gegen den dreifachen Weltmeister erzielt, es war die höchste Niederlage – auch mit 21 Punkten Differenz – seit der 7:28-Pleite 1999 gegen die Australier, die danach auch prompt Weltmeister wurden. Ein böses Omen? Bei Schwarzsehern hat das große Zittern begonnen.

Aber ist alles so „all black“, wie die Demütigung suggeriert? Nach einem mühevollen 20:16-Sieg in Argentinien, einem Unentschieden (16:16) gegen Südafrika und dem Desaster von Perth ist die Rugby Championship, die Meisterschaft der vier Topteams der südlichen Hemisphäre schon mal futsch. Die sicherten sich die ungeschlagenen Südafrikaner mit einem 46:13-Sieg in Argentinien. Falls die All Blacks jetzt auch noch das Rückspiel um den Bledisloe Cup – das ist das jährliche Duell zwischen Neuseeland und Australien – am kommenden Samstag in Auckland verlieren, könnten die Wallabies die Trophäe zum ersten Mal seit 2002 in die Höhe recken. Nur ein vorzeitiges Scheitern bei der WM, wo die All Blacks im ersten Gruppenspiel am 21. September in Yokohama auf Südafrika treffen, wäre schlimmer.

Es sind Gefühle, an die sich die Leute im Land der Kiwis erst wieder gewöhnen müssen. Seit November 2009 führen die All Blacks die Weltrangliste an und halten die Position auch nach der Schmach von Perth, weil Verfolger Wales in England 19:33 verlor. 2011 und 2015 triumphierte Neuseeland bei der Weltmeisterschaft. Es war eine Dominanz ohnegleichen. Aber nach den Rücktritten der besten All Blacks der Geschichte nach dem Triumph 2015 hat ein kontinuierlicher Abwärtstrend stattgefunden. Und an keinem, der von dieser Truppe noch dabei ist, ist die Zeit spurlos vorübergezogen.

Schon im vergangenen Jahr mussten die Neuseeländer anerkennen, dass die Konkurrenz aufgeschlossen hat, indem sie das Spiel der All Blacks kopiert oder zerstört haben. Es setzte Niederlagen zu Hause gegen Südafrika (34:36) und auf der Europatour gegen Irland (9:16). Gegen England (16:15) retteten sie sich gerade so über die Ziellinie. Nur Australien war Kanonenfutter: Die All Blacks fertigten sie 38:13, 40:12 und 37:20 ab. Und ausgerechnet gegen die Wallabies erlebten sie jetzt dieses Desaster. Die mitreißend auftrumpfenden Australier schlugen den großen Rivalen mit dessen eigenen Waffen: mit bedingungslosem und passgenauem Angriffsrugby. Das vorzeitige Ende für die All Blacks kam, als Zweite-Reihe-Stürmer Scott Barrett, dessen Ellbogen nach dem Tackling eines Teamkollegen am Kopf von Wallabies-Kapitän Michael Hooper landete, in der 39. Minute die Rote Karte sah.

Auch dieser Platzverweis, den Trainer Steve Hansen als dumm („dumb footy“) bezeichnete, war eine Rarität: Es war erst die vierte Rote Karte (nach 1925, 1967 und 2017) gegen einen All Black in 135 Jahren und 583 Spielen. Die Tageszeitung „The Press“ listete den Sünder als neues Mitglied der „Hall of Shame“, die (Un-)Ehrenhalle der Schande. Das Vergehen war symptomatisch für die mangelnde Disziplin, mit der sich die All Blacks – und auch die Vereinsteams – schon das ganze Jahr selbst in die Bredouille gebracht haben, nicht nur mit Fouls, sondern auch technischen Regelverstößen, die jedes Mal einen Strafkick für den Gegner nach sich ziehen. Disziplinlosigkeit und Dummheit zählt Trainer Hansen jedoch zu den „easy fixes“, den einfach zu behebenden Mängeln. Schwieriger sei es jedoch, „die vielen technischen Fehler auszumerzen“, sagte er und meinte damit die unzähligen Knock-ons (Ballverlust in der Vorwärtsbewegung, der mit Ballbesitz für den Gegner geahndet wird), ungenaue Pässe und sage und schreibe 38 erfolglose Tackles.

Obwohl vor dem WM-Auftakt nur noch zwei Begegnungen – am Samstag gegen Australien und am 7. September gegen Tonga – auf dem Programm stehen, hat der Coach seine Idealformation noch nicht gefunden. Aber noch sieht Trainer Hansen, der, wie auch viele Spieler, nach der WM zurücktreten wird, keinen Grund, in Panik auszubrechen. „Die Mannschaft ist mental angeschlagen, aber wir müssen das eintüten und daraus lernen, um besser zu werden“, sagt er mit Blick auf die Revanchemöglichkeit im Eden Park, wo die All Blacks seit 1994 nicht mehr verloren und die Wallabies seit 1986 nicht mehr gewonnen haben.

Und schon gar nicht nach großen Siegen zu Hause. Statistisch belegt ist auch, dass die All Blacks nach den schlimmsten Tiefschlägen umgehend fast immer Großes vollbracht haben, besonders gegen Australien. Falls ihnen das am Samstag nicht gelingt, tragen sie ja schon die passende Farbe, und bei der Nachrichtenfrau hängt das kleine Schwarze bestimmt noch im Schrank.

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