+
Die Fans von Fenerbahce müssen vorläufig mit nationelen Spielen vorlieb nehmen.

Kommentar Sanktionen Istanbul

Eine mutige Entscheidung

Die Uefa macht ernst: Die türkischen Spitzenclubs Fenerbahce und Besiktas werden wegen Spielmaipulationen vom europäischen Wettbewerb ausgeschlossen. Eine Sanktion, die sich der nationale Verband nicht traute auszusprechen.

Von Jan Christian Müller

Hans Kindermann hat es Anfang der 70er-Jahre in Deutschland zu erheblicher bundesweiter Berühmtheit gebracht und sich nebenbei den respektvoll gemeinten Kosenamen „Papa Gnadenlos“ erworben. Kindermann war Chefankläger des Deutschen Fußball-Bundes in den dunkelsten Stunden der Fußball-Bundesliga, den als „Bundesliga-Skandal“ in die Geschichte eingegangenen vielfachen, teils geglückten Manipulationsversuchen Dutzender Profis und Funktionäre in der Saison 1970/71. Kindermann sorgte dafür, dass in einem fast zwei Jahre dauernden Sportgerichtsprozess 53 Profis, sechs Funktionäre und zwei Trainer Sperren und Geldstrafen erhielten, Kickers Offenbach und Arminia Bielefeld wurde die Lizenz entzogen. Später sagte der Fußball-Staatsanwalt, der für sein rigoroses Vorgehen mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse dekoriert wurde, es habe „Gegenden gegeben, da konnte ich mich Tag und Nacht nicht mehr sehen lassen. Da wäre ich auf offener Straße gelyncht worden“.

Das Nichtstun gerade gerückt

Es gehört also einiges an Zivilcourage dazu, Sportrecht zu sprechen, erst Recht im Fußball in der aufgeheizten Atmosphäre, die rund um Spitzenklubs herrscht, noch dazu in der Türkei. Den Mut und die Unabhängigkeit, die beiden Spitzenklubs Fenerbahce und Besiktas Istanbul für deren von Zivilgerichten festgestellten Spielabsprachen zu sanktionieren, die ihnen halfen, sich 2011 den Meistertitel respektive Pokalsieg zu sichern, besaß der türkische Fußballverband nicht. Der Chuzpe der seinerzeit Verantwortlichen beider Klubs zum Trotz, drohte die Schiebung sportrechtlich folgenlos zu bleiben. Der blanke Hohn in Zeiten, in denen Spielmanipulation neben Doping als größte Gefahr für den Spitzensport identifiziert worden ist!
Das Nichtstun des türkischen Fußballverbandes zum Schaden der nationalen Konkurrenz hat der Europäische Fußballverband Uefa nun auf anderer Ebene berichtigt, indem er Besiktas für ein Jahr und Fenerbahce für zumindest zwei Jahre (plus ein weiteres Jahr auf Bewährung) vom europäischen Wettbewerb ausschloss. Die überfällige Entscheidungen geben dem Profifußball ein Stück Glaubwürdigkeit zurück und sollten all denjenigen eine Warnung sein, die Verstöße gegen das Financial Fairplay als Bagatelldelikt deklarieren. Die Uefa macht ernst. Daran muss sie sich auch künftig messen lassen. Der Hans Kindermann der Neuzeit heißt Thomas Partl und ist Vorsitzender der Uefa-Disziplinarkammer. Der mutige Mann kommt aus Österreich. Er sollte besser derzeit keine individuelle Städtetour nach Istanbul planen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion