+
Der schnellste Mann in Deutschland: Michael Pohl (links) jubelt neben Julian Reus (rechts, 3. Platz) und Julian Wagner.

100-Meter-Sprint

„Das ist eine absolute Genugtuung“

  • schließen

Michael Pohl vom Sprintteam Wetzlar holt sich vor Teamkollege Kevin Kranz den Deutschen Meistertitel über 100 Meter.

Michael Pohl hatte schlicht und einfach keinen Bock mehr. Nein, sagte er zu Ewald Heckmann immer wieder, er werde nicht ins Training kommen. Sein ehemaliger Leichtathletik-Coach im hessischen Schlüchtern ließ aber nicht locker. Er kam trotz einer Abfuhr nach der anderen in den Lebensmitteldiscounter, wo Pohl eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann machte. „Er war echt penetrant“, erinnert sich Pohl, der sich letztlich doch die Spikes wieder anzog. „Er hat eben gemerkt, dass ich sehr talentiert war.“

Wie talentiert der 29-Jährige ist, hat er am Samstag in Berlin bewiesen. Zum ersten Mal sicherte sich das Kraftpaket vom Sprintteam Wetzlar über die 100 Meter in 10,27 Sekunden den Titel des Deutschen Meisters vor Teamkollege und Titelverteidiger Kevin Kranz (10,29) und dem deutschen Rekordhalter Julian Reus (10,30). „Das ist eine absolute Genugtuung“, sagte Pohl, der in Frankfurt lebt und trainiert. Er habe den Jüngeren, die mit besseren Zeiten ins Olympiastadion gekommen waren, gezeigt, dass die Älteren noch da sind.

Trainiert in Frankfurt

Tags darauf wurde er mit seinen Kollegen vom Sprintteam Wetzlar, Kranz, Yanic Berthes und Elias Goer, Zweiter mit der 4 x 100-Meter-Staffel. Als Schlussläufer musste Pohl nur Marvin Schulte vom SC DHfK Leipzig den Vortritt lassen, die in 39,02 Sekunden siegten. „Ich war schon etwas erschöpft“, gab Pohl zu, Immerhin: Das Wetzlarer Quartett unterbot den alten Hessenrekord (39,79 Sekunden) deutlich mit 39,17 Sekunden.

Dabei hatte Pohl nach einer Verletzung im vergangenen Jahr um seine Karriere gebangt. Bei einer Kraftübung verletzte er sich an der Leiste und verpasste die Heim-Europameisterschaft in Berlin. Beim operativen Eingriff an der entzündeten Leiste wurde zudem ein zehn Zentimeter langer Riss der Bauchfaszie festgestellt und genäht. Der Weg zurück „hat sich gelohnt“, findet Pohl. Im Februar wurde er Vizemeister in der Halle (6,67 Sekunden) hinter Kevin Kranz, mit dem er auf der Sportanlage Hahnstraße in Frankfurt vom Sprinttrainer des Hessischen Leichtathletikverbandes (HLV) David Corell trainiert wird.

„Wir gönnen uns im Training nichts“, sagt Pohl, der an der Hochschule Darmstadt BWL studiert und vier Tage die Woche für eine Unternehmensberatung in Eschborn arbeitet. Weil er nur vier Tage die Woche trainiert, hat er sich mal als „schnellsten Hobbyläufer“ Deutschlands bezeichnet. Dabei wurde ihm die Leichathletik in die Wiege gelegt. Vater Robert war polnischer Meister über die 200 Meter, Mutter Renate holte den Landestitel über die 400 Meter Hürden.

Für Coach Corell war abzusehen, dass entweder Kranz oder Pohl den Titel holen werden. Pohl sei zwar mit einer 10,40 in die Saison gestartet, wurde aber dann peu à peu schneller. „Michael braucht den Wettkampf“, sagt Corell. „Und am Samstag hat der alte Mann abgeliefert und gezeigt, dass er vom Kopf her eine richtige Maschine ist.“

„Ich wusste schon in Yokohama, dass ich Deutscher Meister werde“, erzählt Pohl, der ein gesundes Selbstbewusstsein ausstrahlt. Bei der Staffel-Weltmeisterschaft in Japan im Mai hatte er sich für die nationalen Titelkämpfe stark geredet. Im Halbfinale lief er in 10,24 Sekunden bereits nahe an seine persönliche Bestzeit (10,22) heran, die gleichzeitig Hessenrekord ist. Im Finale war es dann vor allem Pohls mentale Stärke, die ihn trotz eines etwas schwächeren Starts nach vorne trieb. „Da ging es nur um eins: rennen, rennen, rennen.“

Für Pohl geht die Saison dieses Wochenende (9. bis 11. August) bei der Leichathletik-Team-Europameisterschaft im polnischen Bydgoszcz weiter. Dort wird er in der 4 x 100-Meter-Staffel laufen. Dann folgt das Istaf in Berlin (1. September) und zum Abschluss die WM in Doha (28. September bis 6. Oktober), wo er „sehr wahrscheinlich“ in der Staffel laufen wird. Die Norm von 10,10 Sekunden für einen WM-Einzelstart hat in diesem Jahr noch kein einziger deutscher Sprinter erreicht.

Mit dem deutschen Meistertitel jedenfalls, so Pohl, „habe ich mein Soll fürs Leben erfüllt“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion