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"Ein Sponsor muss Ethik vor Erfolg stellen"

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© Team Gerolsteiner/ddp

Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer anläßlich des Rennens Rund um den Henninger-Turm über glaubwürdigen Radsport, den Ausschluss von Liquigas und die Favoritenrolle unter dem Henninger-Turm.

Herr Holczer, morgen wird zum 47. Mal der deutsche Frühjahrsklassiker Rund um den Henninger-Turm gestartet. Die Veranstalter haben erstmals ein eigenes Antidoping-Programm aufgelegt. Was halten Sie davon?

Es ist notwendig, dass alle Beteiligten im Radsport ihren Verpflichtungen nachkommen, um den Radsport zu verändern. Da ist es natürlich auch die Aufgabe der Veranstalter, neue Wege zu gehen. Grundsätzlich denke ich aber, dass es nicht sinnvoll ist, wenn sich künftig jeder Veranstalter ein eigenes Antidoping-Programm gibt. Das muss man bündeln.

Warum gibt es noch kein allumfassendes Antidoping-Programm, an das sich alle halten?

Das gibt es eigentlich schon: Die Teilnahme am Hundertprozent-Programm des Radsport-Weltverbandes UCI ist schon Programm genug. Ein biologischer Pass soll in naher Zukunft kommen. Ein hämatologischer Pass wird im Moment erstellt. Es gibt Kontrollen, die zu jeder Zeit, an jedem Ort, gezielt, häufiger und intelligenter durchgeführt werden. Damit haben wir eine ganz andere Situation, als wir sie vor Jahresfrist noch hatten. Dazu gibt es eine Bewegung wie die MPCC (Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport), die sich strikt zur Einhaltung des Ehrenkodex' bekennt. Es wird also sehr viel getan. Ich gehe davon aus, dass sich daher Aktionen einzelner Veranstalter im nächsten Jahr erübrigen.

Die Veranstalter von Rund um den Henninger-Turm haben als Erste den Schulterschluss mit der MPCC gesucht. Das muss Ihnen doch sehr gefallen?

Wir haben das sehr erfreut aufgenommen. Wir werten das als Erfolg für unsere Bewegung, dass es Veranstalter gibt, die Priorität auf die MPCC-Mannschaften legen. In Frankreich ist das schon seit längerer Zeit der Fall. Aber dort ist die MPCC auch populärer als außerhalb Frankreichs.

Apropos Frankreich. Erwarten Sie vor der Tour de France neue Skandale?

Ich hoffe nicht, dass ein Netzwerk aufgedeckt wird wie 2006 um Fuentes. Das wird auch nicht passieren. Ich bin mir aber sicher, dass uns in der Aufarbeitung der Fälle aus den vergangenen Jahren etwas ins Haus steht. Doping ist auch ein Geschäft für die Medien. Ich denke, in den nächsten sechs bis acht Wochen, pünktlich zum Start der Tour de France wird noch etwas kommen.

Gibt es Hinweise?

Es gibt verschiedene Gerüchte, aber ich will an dieser Stelle nicht zu Spekulationen beitragen.

Dann lassen Sie uns über Fakten reden. Die Vereinigung der Profiteams AIGCP hat das Team Liquigas ausgeschlossen, nachdem bekannt geworden war, dass Ivan Basso nach Ablauf seiner Sperre verpflichtet werden soll.

Wir haben Liquigas innerhalb von fünf Minuten aus der AIGCP ausgeschlossen. Die Reaktion war klar und deutlich.

Gut. Aber welche Konsequenz hat dies für Liquigas?

Gegenfrage: Was sollen wir als Teams sonst tun? Wir haben unsere Missbilligung einstimmig, ganz klar und deutlich ausgedrückt. Grundlage des Ausschlusses ist der Ehrenkodex, dem wir uns verschrieben haben. Das ist ein Gentleman-Agreement. Das funktioniert aber nur, wenn du es auch mit einem Gentleman zu tun hast.

Sehen Sie einzig eine moralische Verantwortung?

Juristisch gesehen ist Basso nach Ablauf seiner Sperre frei. Einen Prozess mit dem Streitgegenstand Boykott würden wir nicht gewinnen. Deshalb wird auch die UCI nichts unternehmen, weil sie nichts unternehmen kann. Wir Teams haben uns diesen Ehrenkodex selbst gegeben, und wir Teams haben gesagt, wir werden keinen Fahrer einstellen, der zwei Jahre gesperrt war. Also können wir nur eines tun: Wir können ein Team, das sich nicht an unsere Vereinbarung hält, ausschließen. Punkt. Jetzt sind andere dran.

Die da wären?

Veranstalter und Sponsoren haben einen viel längeren Hebel. Im Fall Basso war es der Sponsor Liquigas, der entschieden hat, ihn zu verpflichten. In so einem Fall fehlt der Sponsor als Regulativ. Den aber brauchen wir. Der Sponsor hat auch eine Verantwortlichkeit und kann sich nicht alles bieten lassen. Ein Sponsor muss die Ethik über den Erfolg stellen. Sponsoren können handeln und sagen, der wird nicht mehr eingesetzt. Veranstalter können handeln und sagen, die werden nicht mehr eingeladen.

Genau das ist in Frankfurt passiert. Liquigas darf nicht starten.

So ist es. Und das wirkt. Das ist ein klares Zeichen.

Auf das warten Sie auch bei Ihrer Suche nach einem neuen Sponsor. Wie weit sind Sie?

Bis Ende Juni muss ich Bescheid geben. Ich möchte meinen Leuten vor der Tour de France sagen, ob und wie es weitergeht. Wir sind mit zwei deutschen Unternehmen in einer ganz heißen Phase.

Erik Zabel und Alessandro Petacchi haben gestern ihren Start abgesagt. Erhöhen sich damit die Siegchancen für Gerolsteiner unterm Henninger-Turm?

Um so mehr wir in die Favoritenrolle geraten, desto schwieriger wird es für uns. Wir haben ja hier auch keine Übermenschen am Start. Mir wäre lieber, Erik Zabel wäre am Start gewesen, dann könnte ich die Taktik von Milram ungefähr einstufen. Aber ohne ihn wird das Ganze ein Stück offener.

Interview: Jörg Hanau

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