Colin Kaepernick (Nummer 7), Quarterback der San Francisco 49ers, und seine Mitspieler beim Kniefall im Oktober 2016.
+
Colin Kaepernick (Nummer 7), Quarterback der San Francisco 49ers, und seine Mitspieler beim Kniefall im Oktober 2016.

Super Bowl

"Ein guter Tag, um Football zu schauen"

  • Sebastian Moll
    vonSebastian Moll
    schließen

US-Präsident Nixon setzte sich entspannt vor den Fernseher, während auf den Straßen gegen den Vietnamkrieg demonstriert wurde. Rund 50 Jahre später ist Donald Trump genervt, weil es im einst so patriotischen Sport auch kritische Stimmen gibt, die Rassismus und häusliche Gewalt verurteilen. Am Sonntag ist Saison-Finale ? und auch 2018 werden wieder Millionen Amerikaner zum Super Bowl einschalten.

Richard Nixon hatte in seinem Wahlkampf 1968 versprochen, den Vietnam-Krieg so rasch zu beenden, wie nur möglich, doch schon Monate nach seinem Amtsantritt im Januar 1969 wurde der amerikanischen Öffentlichkeit und der an Fahrt gewinnenden Friedensbewegung klar, dass diesen Ankündigungen nicht zu trauen ist. Zur Mitte des Jahres 1969 erreichte die amerikanische Truppenstärke in Vietnam ihren Höhepunkt, die Bombardements der nordvietnamesischen Nachschubwege entlang der kambodschanischen Grenze nahmen zu. Die berüchtigte Schlacht um den Hamburger Hill im Mai 1969, bei der 241Gis für die Einnahme eines strategisch wertlosen Berggipfels starben, verkörperte den ganzen Wahnsinn dieses Krieges.

So war Nixon politisch bereits massiv unter Druck, als im November 1969 Hunderttausende von Demonstranten den zweiten Friedensmarsch auf Washington in jenem Jahr ankündigten. Doch wenn Nixon den wachsenden Unmut im Land beunruhigt haben sollte, dann ließ er es sich nicht anmerken. „Es wird ein guter Tag, um Football zu schauen“, sagte er bei einer Pressekonferenz auf die Frage, was er wohl während der Proteste tun werde.

Tatsächlich schaltete Nixon im West Wing den Fernseher an, während vor der Tür die Massen gegen das sinnlose Sterben in Fernost auf die Straße gingen. Und um seine Haltung zu unterstreichen, wurde er am nächsten Tag der erste amtierende Präsident, der während eines regulären Saisonspiels auf der Tribüne eines Football-Stadions auftauchte.

Für Nixon war Football eine heile Welt

Für Richard Nixon war der Football-Sport ein Refugium von dem Chaos und den Protesten auf den Straßen, eine heile Welt, in der Amerika tatsächlich noch „great“ war – und nicht zutiefst ideologisch und kulturell gespalten. Donald Trump indes geht an diesem Super Bowl-Wochenende den entgegen gesetzten Weg. Trump hat gelobt, das Super-Bowl Spiel zwischen den New England Patriots und den Philadelphia Eagles komplett zu ignorieren. Nicht einmal zum traditionellen Pre-Game Interview aus dem Weißen Haus wird er zur Verfügung stehen.

Trump hätte gewiss gerne, wie Nixon, den Football-Sport als Ort in Anspruch genommen, an dem Amerikaner einer bestimmten Gesinnung noch unter sich sind. Er hat es schließlich mit aller Macht versucht. Doch sein Appell an die Teambesitzer, die „Hurensöhne“, die es wagen, der Fahne nicht den gebotenen Respekt entgegen zu bringen, zu feuern, ist verhallt. Nicht wenige Teambesitzer zeigten sich mit ihren Spielern solidarisch und knieten zumindest einmal mit ihnen beim Abspielen der Hymne auf dem Platz nieder, um Donald Trump zu sagen, dass er sich gefälligst aus ihren Angelegenheiten heraus halten soll.

Es hat sich einiges geändert seit Richard Nixon. Spätestens seit Colin Kapernick erstmals zum Star Spangled Banner niederkniete, ist der Protest mitten im Football-Sport angekommen. Auch wenn der Football sich mit dem Wandel schwer tut, bröckelt sein Status als Bastion einer Weltanschauung, in der die Hegemonie weißer Männer unhinterfragt bleibt und Patriotismus mit Militarismus und blinder Fahnentreue gleich gesetzt wird.

NFL lehnt Werbespot ab

So lehnte die NFL, die National Football League, in der vergangenen Woche eine ganzseitige Anzeige der Veteranenorganisation AmVet für das offizielle Programmheft der Super Bowl ab, in der die Zuschauer mit der Hashtag #pleasestand dazu aufgefordert wurden, zum Abspielen der Nationalhymne im Stadion auf zu stehen und die Fahne zu grüßen. Es war eine Fortsetzung der Politik des Ligachefs Roger Goodell in den vergangenen Monaten, die Spielerproteste während der Nationalhymne zu tolerieren – selbst, wenn sie sich bei dem globalen Medienereignis Super Bowl, zu dem rund 115 Millionen Zuschauer erwartet werden, ereignen sollten.

Die Ablehnung der Annonce war nicht zuletzt deshalb bedeutsam, weil sie zumindest eine vorsichtige Entkoppelung zwischen der Super Bowl und dem Militär bedeutet – auch wenn die US-Armee noch immer Millionen in die Liga pumpt und es auch in Minneapolis vor dem Anpfiff wieder eine Flugshow der Air Force geben wird. Aber zumindest übernimmt die NFL implizit die Argumentation der Spieler, dass Patriotismus und blinde Unterstützung des Militärs nicht unbedingt gleichzusetzen sind.

Die Spieler, die seit einem guten Jahr zur Hymne knien, haben von Anfang an deutlich gemacht, dass sie mit der Geste weder antiamerikanische Gefühle zum Ausdruck bringen wollen, noch den Männern und Frauen in Uniform den Respekt verweigern. Wie schon die Demonstranten von 1969 oder auch die Millionen, die erst jüngst wieder zu den Women’s Marches auf die Straße gegangen sind, wenden sie sich nicht gegen Amerika. Im Gegenteil, sie wollen ein besseres Amerika, eines, das seinen eigenen Idealen gerecht wird.

Der Kniefall ist vielmehr eine Rebellion dagegen, dass ihr Sport von einer bestimmten Version von Amerika in Anspruch genommen wird, einer Version, die Donald Trumps Amerika ähnelt und die auf Richard Nixon zurückgeht. Nixon war der erste Präsident, der im großen Stil den Football-Sport politisch instrumentalisiert hat. 1969 erklärte Nixon die Woche der Proteste in Washington im November 1969 zur „Woche der nationalen Einheit“. Zu den Maßnahmen, die er anregte, gehörten „patriotische Darbietungen während der Halbzeit bei Football-Spielen.“

Um die Umsetzung zu kontrollieren, besuchte Vizepräsident Spirew Agnew ein Spiel zwischen den Baltimore Colts und den New Orleans Saints. Geboten wurde der Aufmarsch des Trommler-Korps der Luftwaffe und der Fahnenschwenker der Marine-Akademie. Agnew, der die Friedensdemonstranten als „verweichlichte Snobs“ bezeichnete, zeigte sich zufrieden.

Demonstration von Amerikas Macht

Football wurde als der Ort geboren, an dem das amerikanische Imperium sich für Nichts schämen und für Nichts entschuldigen muss. Die Super Bowl, die 1968 zum ersten Mal ausgetragen wurde, wurde über die Jahre immer stärker zum Inbegriff dieses Selbstverständnisses. Der Militarismus und die Nationalsymbolik macht die Super Bowl zu einer Demonstration von Amerikas Macht und Größe aber auch des amerikanischen Exzeptionalismus. Für Amerikaner ist es völlig gleich, dass der Rest der Welt sich bestenfalls am Rande für Football interessiert, die Tatsache, dass die Super Bowl das größte Sportereignis in den USA ist, macht es im nationalen Bewusstsein zum größten der Welt. 

Gleichzeitig ist die Super Bowl eine Demonstration amerikanischer Maßlosigkeit. Gefeiert wird grenzenloser Konsum, angefangen bei den Werbespots, die fünf Millionen Dollar für 30 Sekunden kosten bis hin zu den 1,3 Milliarden Chicken Wings und 1,2 Milliarden Liter Bier, die vor den Bildschirmen am Super-Bowl Sunday verzehrt werden.

Das alles ist eigentlich nach Donald Trumps Geschmack. Und trotzdem kann Trump nicht, wie einst Nixon, im Football landen. Der Sport steht schon seit einiger Zeit unter Druck, sich den Zeiten anzupassen. Nicht einmal die reaktionärste aller amerikanischen Sportarten kann es sich noch leisten, in jenen Zeiten zu verharren, in die Trump das Land wieder zurückführen möchte.
So wurde der Football vor drei Jahren von einer Welle häuslicher Missbrauchsfälle durch ihre Spieler erschüttert. Die Liga reagierte, zögernd und ungenügend zwar, aber sie stellte sich dem Problem. Es folgte die andauernde Kontroverse um durch das Spiel verursachte Hirntraumata, zu der die Liga ebenfalls zu spät und nicht angemessen aber doch Stellung bezog. Trump beklagte derweil, dass das Spiel durch die Regeländerungen verweichlicht.

Schließlich begann Colin Kaepernick während der Nationalhmyne zu knien, um gegen Polizeigewalt und Rassismus zu demonstrieren. Die Liga reagierte wieder zaudernd – und Kaepernick hat bis heute keine Arbeit gefunden. Dennoch gestand die Liga ihren zu 70 Prozent schwarzen Spielern zu, das Spielfeld dazu zu nutzen, den Alltagsrassismus des Landes anzuprangern und somit auf die Punkte hinzuweisen, in denen das amerikanische Imperium eben alles andere als großartig ist.

Spieler boykottieren Trump

Dass die NFL sich zum Unmut von Donald Trump seit Nixons Zeiten zusammen mit dem Land geändert hat zeigt sich nicht zuletzt auch an den beiden Super Bowl Gegnern vom Sonntag. Obwohl der Teameigner der Patriots, Robert „Bob“ Kraft, und Coach Bill Belichick in der Vergangenheit enge Beziehungen zu Trump unterhielten, kann man nicht einmal dem ungeliebten Rekordmeister aus Neu England nachsagen, dass sie, wie manchmal behauptet wird, „Team Trump“ sind.

So blieben eine ganze Reihe von Patriots nach dem Super Bowl Sieg im vergangenen Jahr dem Weißen Haus fern, unter ihnen Quarterback Tom Brady, der noch im Wahlkampf eine Trump Mütze getragen hatte. Der Kapitän der Verteidigung, Devin McCourty sagte klar und deutlich, dass er sich als schwarzer Athlet in der Gegenwart von Trump nicht wohl fühle. Und Bob Kraft unterstütze die Bemühungen seiner Spieler „sozialen Wandel herbei zu führen“, als ein Dutzend von ihnen bei der Nationalhymne nieder knieten.

Die Haltung der Eagles ist noch weitaus eindeutiger. Der Star-Safety der Mannschaft, Malcolm Jenkins, hob die gesamte Saison über während der Nationalhymne nach Vorbild von der Sprinter Tommy Smith und John Carlos bei den Spielen von 1968 die Faust und führte eine Spieler-Vereinigung an, welche die Liga dazu brachte, 89 Millionen Dollar für den Kampf gegen Rassismus zu spenden. Sein Mannschaftskollege Chris Long spielte im vergangenen Jahr für die Patriots und boykottierte nach dem Super-Bowl Gewinn den Trump-Besuch. In diesem Jahr spendete er sein gesamtes Gehalt für unterprivilegierte Kids in Philadelphia und protestierte lauthals gegen den Nazi-Aufmarsch in seiner Heimatstadt Charlottesville.

Es ist unklar ob einer dieser Spieler bei der Hymne am Sonntag knien wird. Doch selbst ohne eine solche eindeutige Stellungnahme ist klar, dass die Super Bowl und der Football-Sport sich nicht mehr zur Glorifizierung eines Amerika her nehmen lassen, das seine Sünden und tiefen Probleme leugnet. Die Dinge sind komplizierter geworden, das hat man sogar in der amerikanischsten aller Sportarten begriffen. Nur im Weißen Haus ist diesen Botschaft noch nicht angekommen.

Kommentare