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Aus eigener Kraft

Das natürliche Gesundheitspotenzial und selbstheilende Energien werden erforscht"Der Job macht mich krank!" Wer hat - genervt von Termindruck und nörgelnden Kunden - nicht schon einmal diesen Seufzer ausgestoßen? Und oft ist das nicht nur so dahingesagt. Nach einer Untersuchung der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (Osha) leiden 40 Millionen Arbeitnehmer in der (alten) EU unter arbeitsbedingtem Stress, das sind rund 20 Prozent aller Beschäftigten.

Von KARIN VOGELSBERG

"Der Job macht mich krank!" Wer hat - genervt von Termindruck und nörgelnden Kunden - nicht schon einmal diesen Seufzer ausgestoßen? Und oft ist das nicht nur so dahingesagt. Nach einer Untersuchung der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (Osha) leiden 40 Millionen Arbeitnehmer in der (alten) EU unter arbeitsbedingtem Stress, das sind rund 20 Prozent aller Beschäftigten.

Stresssymptome sind mit mehr als 50 Prozent der Fehlzeiten das zweitgrößte beruflich bedingte Gesundheitsproblem - nach Rückenschmerzen. Die Dauerbelastung kann zu Beschwerden wie Bluthochdruck und Depressionen führen. Für die Medizin gibt es keinen Zweifel daran, dass sich seelische Belastung in körperlichen Leiden äußert. Schließlich heilte schon Sigmund Freud Patienten mit körperlichen Gebrechen, indem er ihre Psyche therapierte.

Geist und Seele können aber nicht nur krank machen, sondern auch die Gesundheit erhalten. Aus reiner Willenskraft fit zu bleiben, ist fast jedem schon einmal gelungen. Wer ein wichtiges Projekt zu Ende führen muss und sich einredet: "Ich darf jetzt nicht krank werden", hat damit meist Erfolg. Einbildung ist das nicht. Schon in den 50er Jahren stellten Arbeitsmediziner fest, dass Postboten in der für sie besonders arbeitsintensiven Vorweihnachtszeit äußerst selten krank werden - während der Rest der Bevölkerung gerade im Dezember mit Grippe kämpft.

Dieses natürliche Gesundheitspotenzial wird heute genauer erforscht. Verschiedene interdisziplinäre Richtungen der Medizin beschäftigen sich mit den selbstheilenden Kräften. Sie vertrauen nicht mehr allein der so genannten Apparatemedizin, die davon ausgeht, dass der Mensch wie eine Maschine repariert werden kann und muss.

Zwar war die Medizin mit diesem Konzept, das den Defekt in den Mittelpunkt des Interesses stellt, durchaus erfolgreich - etwa bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten oder Stoffwechselstörungen. Trotzdem gerät die ärztliche "Reparaturwerkstatt" zunehmend in die Kritik, denn die Bedürfnisse des Patienten kommen zu kurz, wenn sich der Arzt ausschließlich der Krankheit widmet.

Der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky stellte schon in den 70er Jahren einen Gegenentwurf zum krankheitsorientierten Denken auf: "Salutogenese" - von "salus" für Unverletztheit, Heil und Glück und "Genese", griechisch für Entstehung. Dieses Konzept fragt nicht danach, was den Menschen krank macht, sondern was ihn gesund hält. Laut Antonovsky besitzt jeder Mensch gesunde und kranke Anteile. Welche überwiegen, hängt von der Lebenseinstellung ab: Wer Anforderungen und Probleme als Kraft raubend empfindet, wird leicht krank. Wer sich den Aufgaben mit Tatkraft und Optimismus stellt, bleibt dagegen fit.

"Die Forschung beweist: Wer an den Sinn des Lebens glaubt und Ziele hat, kann besonders viel eigene Energie mobilisieren", weiß Professor Klaus Jork, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Frankfurt am Main. Untersuchungen des amerikanischen Centers for Disease Control bestätigen, dass nicht etwa biologische Faktoren oder die Umwelt den größten Einfluss auf die Sterblichkeit haben, sondern die Lebensweise und das soziale Umfeld. Nicht alleine zu bleiben ist zum Beispiel eine gute Lebensversicherung. Das konnte die US-Gesundheitsforscherin Karen Weihs im Fall von Brustkrebspatientinnen belegen. Frauen, die mit ihrem Partner über ihre Sorgen reden können, haben ein geringeres Rückfall- und Sterberisiko als Betroffene ohne diesen Rückhalt.

Selbstheilung muss kein bewusster Vorgang sein, wie die Wirkung von Placebos beweist. Die Organe reagieren auf die Scheinbehandlung, weil der Mensch daran glaubt, dass sie wirkt. Am besten erforscht ist dieser Effekt bei Schmerzpatienten. Placebos fördern offenbar die Ausschüttung körpereigener Opiate und beeinflussen auf diese Weise das Schmerzempfinden. Das fanden schwedische Forscher vom Karolinska Institut in Stockholm heraus. In einem Versuch pressten sie Probanden ein 48 Grad heißes Metallstück auf die Hand und gaben ihnen gegen den Schmerz entweder ein Schmerzmittel oder ein Scheinmedikament. Dabei beobachteten sie die Aktivitäten des Gehirns und stellten fest: Alle Versuchsteilnehmer reagierten auf die gleiche Weise. Sowohl Schmerzmittel als auch Placebos aktivierten den Blutfluss im Hirnstamm und in einer wichtigen Schaltstelle im Gehirn. Alle Teilnehmer empfanden eine Linderung der Schmerzen.

Placebos scheinen auch die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin im Hirn zu bewirken. Der Parkinsonforscher Raúl de la Fuente-Fernàndez von der Universität Vancouver konnte zeigen, dass eine Scheinbehandlung die Dopaminproduktion ankurbelt und dadurch Parkinsonsymptome wie das Zittern der Hände lindert. Auch bei Depressionen wirkt eine Placebobehandlung. Experten schätzen, dass die Hälfte der Wirkung von Antidepressiva eigentlich Placeboeffekte sind.

Je mehr der Patient an die Behandlung glaubt, desto besser. Deshalb wirken bunte Pillen besser als weiße, die Einnahme vier Mal täglich bringt mehr als zwei Mal. Spritzen gegen Schmerzen sind besonders wirksam, wenn der Patient sie spürt. Sogar vorgetäuschte Operationen können heilsam sein, zeigte ein Experiment in Houston/Texas. Der Orthopäde James Bruce Moseley fügte einigen Patienten mit Kniearthrose lediglich ein paar oberflächliche Schnitte zu, während die Betroffenen glaubten, sie seien operiert worden. 90 Prozent der Scheinoperierten waren anschließend mit der "OP" zufrieden und die meisten von ihnen schmerzfrei.

Ein bisschen Brimborium muss offenbar sein, damit sich der Patient richtig behandelt wähnt. So kann man sich auch den Heilerfolg von Schamanen erklären. Rituale und die intensive Beschäftigung mit dem Kranken bewirken, dass er sich ernst genommen und in guten Händen fühlt. Aber nicht nur Behandlungen - egal ob echt oder nur vorgetäuscht - lösen körperliche Reaktionen aus. Durch Fühlen und Denken beeinflussen wir ständig unser Immunsystem. Depressionen, Einsamkeit und Ängste schwächen das Immunsystem, weil dann negative Botenstoffe ausgesandt werden. Lebensfreude und Gelassenheit dagegen fördern die Immunfunktionen, denn dann schüttet der Körper Endorphine aus, die die Krankheitsabwehr stark machen.

Der noch relativ neue Wissenschaftszweig Psychoneuroimmunologie (PNI) beweist mit analytischen Methoden, was schon Platon wusste: "Von der Seele geht alles Gute und Böse aus, für den Körper und den ganzen Menschen."

Über die Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper konnte lange Zeit nur spekuliert werden, da zu wenig über die Funktionsweise des Immunsystems, des Nervensystems und des Hormonsystems bekannt war. "Jetzt dokumentieren Forschungsbefunde eindrucksvoll, dass diese drei Körpersysteme in einem regen Informationsaustausch miteinander stehen", erklärt Professor Manfred Schedlowski, Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Essen. Botenstoffe des Denk- und Gefühlszentrums können Informationen ins Immunsystem transportieren, umgekehrt kann das Gehirn auch Botschaften aus dem Immunsystem empfangen. Deshalb gehen Fachleute davon aus, dass am Entstehen von Allergien nicht nur genetische Faktoren und Umwelteinflüsse beteiligt sind. Auch Panikzustände und Angst müssen zu den Allergieauslösern gerechnet werden.

Das spricht für Antonovskys Salutogenese-Modell: Positiv denken hält gesund. Umso mehr, wenn den Gedanken auch Taten folgen. Das aber bedeutet: Abschied von der passiven, aber bequemen Patientenrolle, bei der alle Verantwortung beim Arzt mit seinem Rezeptblock liegt. "Ich schaffe das!"Negative Formulierungen meiden: "Ich habe Mut" klingt überzeugender als "Ich habe keine Angst". Resignative Gedanken durch aufmunternde ersetzen. Nicht: "Das klappt doch nie", sondern: "Ich versuche es."

Es bringt nichts, eine glückliche Fassade aufzusetzen und der Umgebung vorzugaukeln, man habe alles im Griff. Hilfe einzufordern und anzunehmen ist ein Zeichen von Kompetenz.

Der Artikel ist erstmals in der Zeitschrift ÖKO-TEST erschienen. www.oeko-test.de

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