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Früherer Oregon-Project-Chef Alberto Salazar.

Leichtathletik-Skandal

Vom Ehrgeiz zerfressen

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Leichtathletik-Guru Alberto Salazar zeigt Reue für sein Verhalten beim Nike Oregon Projects - allein: wirklich erst nehmen kann man das nicht. Ein Kommentar.

Alberto Salazar ist zeit seines Lebens ein ehrgeiziger Mann gewesen. Das ist partout nichts Schlimmes, eher sogar hilfreich. Zum Beispiel als Sportler. Denn ohne ein gewisses Maß an innerem Antrieb, das ist kein Geheimnis, wird es selbst für hochtalentierte Athletinnen und Athleten schwierig, bis in die Spitze ihres Sports vorzudringen. Salazar also hat diesen Ehrgeiz, schon immer. Das brachte ihm Erfolge en masse ein. Dreimal nacheinander gewann er Anfang der 80er-Jahre den Marathon in New York, 1982 erlief er sich den Sieg in Boston, und auf der Bahn stellte er US-Rekorde über 5000 und 10 000 Meter auf.

Wie schädlich Ehrgeiz sein kann, vor allem in zu stark ausgeprägter Form, lehrt aber ebenfalls Salazars Geschichte. 1978, beim Falmouth Road Race in Massachusetts, übertrieb der damals gerade 20-Jährige vollkommen. Er rannte derart von Sinnen sieben Meilen die hügelige Küstenstraße entlang, dass er im Ziel mit einem Hitzschlag und einer Körpertemperatur von fast 42 Grad in eine Badewanne voller Eis verfrachtet werden musste. Bis zur körperlichen Grenze – und noch ein bisschen darüber hinaus.

Dieser Einstellung ist Salazar offenbar bis heute treu geblieben. Der 61-Jährige, jahrelang Leichtathletiktrainer beim mittlerweile aufgelösten Nike Oregon Projects (NOP), sieht sich daher nicht nur Vorwürfen von Dopingvergehen ausgesetzt, für die der Coach vier Jahre von der US-Antidopingbehörde gesperrt wurde, sondern auch solchen von Missbrauch und Geschlechterdiskriminierung.

Salazar gaukelt Reue vor

In der vergangenen Woche hatte die einstige US-Wunderläuferin Mary Cain Erfahrungen aus ihrer Zeit beim NOP öffentlich gemacht. Man habe sie unter Druck gesetzt, ihr Gewicht deutlich zu reduzieren. Dies habe über drei Jahre zum Verlust ihrer Periode geführt, sie habe fünf Knochenbrüche erlitten und über Suizid nachgedacht. „Ich war das Opfer eines Missbrauchs, durch ein System und einen Mann“, so die 23-Jährige, die sich als 17-Jährige dem NOP angeschlossen hatte. Auch die ehemalige Olympiateilnehmerin Amy Begley berichtete, Salazar habe sie einst vom Training ausgeschlossen, weil sie „den dicksten Hintern an der Startlinie“ habe. Starker Tobak.

Der auf Kuba geborene Salazar gab sich nun reuig – zumindest gaukelte er die Reue vor. Er sagte der Zeitung „The Oregonian“, der Fokus aufs Gewicht gehöre zum Spitzensport schlicht dazu. Darüber hinaus seien manche seiner Kommentare zu den Sportlerinnen vielleicht „gefühllose“ oder „unsensible“ gewesen, das schon, sie sollten aber niemanden verletzen. Und wenn sie es doch getan haben, dann „war ein solcher Effekt völlig unbeabsichtigt, und es tut mir leid“. Entschuldigende Worte, bloß: So recht glauben mag man sie ob der Geschichte Salazars nicht. Jener Geschichte eines zeit seines Lebens vom Ehrgeiz zerfressenen Mannes.

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