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Emanuel Buchmann ist vom Talent zum Klassementfahrer gereift.

Emanuel Buchmann

Tour de France: Emanuel Buchmann ganz groß

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Bora-Kapitän Emanuel Buchmann strebt bei der Tour de France einen Top-10-Platz an.

Mit der Hartnäckigkeit, die Emanuel Buchmann bei Bedarf entwickeln kann, hat auch sein Chef schon Bekanntschaft gemacht. Es ging dabei um die Vertragsverlängerung des Radprofis bis 2021. „Fast alle Fahrer seines Kalibers haben einen Berater“, erzählt Ralph Denk, Teammanager des Radstalls Bora-hansgrohe, „Emanuel aber hat die Verhandlungen selbst geführt – und das auf sehr professionelle Art. Das hat mich wirklich beeindruckt.“

Dass sich Buchmann beim in Raubling ansässigen Team inzwischen zur Führungskraft befördert worden ist, liegt natürlich noch mehr an seinen sportlichen Leistungen. „Er hat eine große Schaufel draufgelegt“, sagt Denk. Auch der Ravensburger sagt: „Ich bin noch ein Stück stärker geworden.“ Bei der Baskenland-Rundfahrt trug er zwischenzeitlich das Trikot des Führenden, am Ende wurde er Dritter. Die gleiche Platzierung erkämpfte sich der 26-Jährige bei der von schwerem Alpingelände geprägten Dauphiné Libéré, dem traditionellen Premium-Härtetest für die Tour de France. „Ich bin sehr zufrieden. Bisher habe ich mich stark gefühlt“, zieht Buchmann Zwischenbilanz. Die am Samstag beginnende Frankreich-Rundfahrt (6. bis 28. Juli) wird er erstmals als Kapitän bestreiten: „Das ist eine große Motivation für mich.“

Kein Megatalent

Der Schwabe ist jedoch nicht nur ein Hoffnungsträger für sein Team – sondern auch des deutschen Radsports. Denn Buchmann zählt zur hierzulande sehr raren Spezies der Klassementfahrer – also zu jenen Pedaleuren, die auf dreiwöchigen Etappenfahrten weit vorne landen können. Der letzte Deutsche, der bei der Tour mit einem Top-10-Ergebnis aufwartete, war Andreas Klöden (2009: 6. Platz). Buchmann, vor zwei Jahren schon Tour-15., ist nun endlich wieder einer, der zu ähnlichen Hoffnungen Anlass gibt. Mittlerweile wird er sogar dem erweiterten Favoritenkreis zugerechnet. Er selbst hält sich mit entsprechenden Einschätzungen eher zurück: „Ich bin in dieser Saison gut drauf, mein Ziel ist, unter die besten Zehn zu kommen.“

Ralph Denk hat Buchmann vor vier Jahren den ersten Profi-Vertrag gegeben. Der junge Mann war ihm aufgrund eines 7. Platzes bei der Tour de l’Avenir. der Tour de France für U-23-Fahrer, aufgefallen. „Er war ein Talent – aber kein Megatalent“, sagt Denk. Dass es dennoch stetig aufwärts ging mit Buchmann, der gleich im Debütjahr Deutscher Meister wurde, lag an dessen kämpferischer Verbissenheit: „Emanuel hat viel Ehrgeiz, ist ein harter Arbeiter. Er hat viel dafür tun müssen, dass er auf das Niveau gekommen ist, auf dem er sich jetzt befindet.“

Denk macht dabei auch keinen Hehl daraus, dass es ihm sein Musterschüler besonders angetan hat: „Das ist bei mir emotional etwas ganz anderes als zum Beispiel mit unserem Star Peter Sagan.“ Für den dreifachen Weltmeister habe man sehr viel Geld ausgegeben – und von ihm erwarte man auch, dass er gewinnt. „Aber wenn sich einer vom Neoprofi zum Siegfahrer entwickelt, dann ist das wirklich schön anzusehen.“

Denk ist derart von seinem aufstrebenden Frontmann überzeugt, dass er ihm bei dieser Tour auch die Führungsrolle seines hochkarätig besetzten Teams anvertraut. Erste Erfahrungen als Kapitän machte Buchmann bereits im vergangenen Jahr bei der Spanien-Rundfahrt. Seine wichtigsten Erkenntnisse in punkto Führungsstil: „Man muss seine Teamkollegen motivieren, ihnen sagen, wenn sie etwas gut gemacht haben. Man muss es auch ansprechen, wenn etwas nicht optimal gelaufen ist. Wichtig ist, dass ein Feedback kommt.“ Dabei wirkt Buchmann vor den TV-Kameras eher einsilbig und reserviert. Doch Denk betont: „Intern hat er einen ganz anderen Ton drauf.“ Auch der neue Bora-Kapitän sagt: „Ich kann schon auch Ansagen machen.“

Fünfter beim Zeitfahren

Buchmann wurde bei der letztjährigen Vuelta Zwölfter. Er hatte sich da mehr erhofft. Zumal nach einer bärenstarken ersten Woche. „Er war zu früh in Topform, ich hoffe, dass wir das bei Tour besser hinkriegen“, befindet Denk. Zudem hatte Buchmann erstaunlicherweise Gewichtsprobleme, war am Ende der drei Wochen zwei Kilo schwerer als am Anfang. „Man hat gemerkt, dass Emanuel anfällig ist für Wassereinlagerungen“, sagt Denk. Inzwischen kümmert sich ein Ernährungsberater um Buchmanns Verpflegung. Und das mit offensichtlichem Erfolg. Nils Politt, Profi-Kollege vom Katusha-Alpecin-Team, erklärte dieser Tage: „Emu sieht verdammt dünn aus, was natürlich für einen Bergfahrer gut ist.“

Bis zu dieser Saison galt Buchmann vor allem als Spezialist für hochalpine Gefilde. Zuletzt bewies er auch, dass er im Flachen Tempo bolzen kann. Beim Zeitfahren der Dauphiné wurde er exzellenter Fünfter, Entschieden werden dürfte die diesjährige Tour jedoch im von Buchmann bevorzugten Terrain. Die letzten drei Etappen vor Paris führen über Alpenpässe der höchsten Kategorie. Auf dem Streckenplan stehen: Col d’Izoard (2360 Meter), Galibier (2642 Meter), Col de L’Iseran (2770 Meter), die Zielankünfte in Tignes (2113 Meter) und Val Thorens (2365 Mater). Ein fast schon furchterregendes Programm am Ende dreiwöchiger Strapazen. Buchmann nimmt’s gelassen: „Die Tour mit ihren extrem schweren Bergetappen ist ganz gut für mich.“

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