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"Druck macht man sich selber"

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Fabian Wegmann im Vorjahr, als er das Radrennen "Frankfurt-Eschborn City-Loop" gewann. In diesem Jahr wird das Rennen unter dem Namen "Rund um den Finanzplatz Frankfurt-Eschborn" ausgetragen.
Fabian Wegmann im Vorjahr, als er das Radrennen "Frankfurt-Eschborn City-Loop" gewann. In diesem Jahr wird das Rennen unter dem Namen "Rund um den Finanzplatz Frankfurt-Eschborn" ausgetragen. © dpa

Fabian Wegmann im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über seine Stürze, die wichtigstens Trikots und sein Verhältnis zu Doping-Sündern. Und über die Taktik seines Teams beim Rennen rund um den Finanzplatz Frankfurt-Eschborn.

Fabian Wegmann, eigentlich stellt man diese Frage ja nicht zu Beginn eines Interviews, aber bei allem, was Ihnen zuletzt so widerfahren ist, muss man es doch tun: Wie geht es Ihnen?

Mittlerweile sehr gut. Im letzten Jahr hatte ich einen schweren Sturz bei der Dauphiné, wo ich auf den Rücken gefallen bin. Die Verletzung hat sich dann fast bis ins Frühjahr reingezogen. Seit Februar war ich mehr oder weniger beschwerdefrei und mit der Saisonplanung eigentlich ganz zufrieden. Bis zu Tirreno Adriatico, wo ich kurz vor dem Ziel gestürzt bin und mir das Schlüsselbein gebrochen habe. Das guckte ordentlich raus.

Sie sind dann sehr schnell zurückgekommen.

Die haben das sehr gut gemacht - aufgeschnitten und eine Platte reinmontiert. Es waren auch keine Bänder oder Muskeln betroffen. Ich konnte abends schon wieder den Arm bewegen, und fünf Tage später saß ich wieder auf dem Rad.

Um dann beim Flèche Wallonne wieder zu stürzen. Schicksal eines Radprofis?

In einer langgezogenen Rechtskurve gab es vor mir einen Sturz. Sieben, acht Leute lagen da, da hast du keine Chance. Ich bin heftig auf die Leitplanke geknallt und hatte schwere Prellungen. Aber einen Tag später ging es schon wieder. Nach der Vorgeschichte war ich mit dem 17. Platz bei Lüttich - Bastogne - Lüttich eigentlich mehr als zufrieden.

Was geht einem Radprofi durch den Kopf, wenn die Leitplanke auf ihn zukommt.

Ich hab' mir nur gedacht: Bloß nicht aufs Schlüsselbein. Als ich da lag, wollte ich mich erst gar nicht bewegen. Da geht einem in kürzester Zeit alles Mögliche durch den Kopf.

Sie haben gar nicht den Ruf, ein Bruchpilot zu sein.

Nein, eigentlich nicht. Ich hoffe, dass das jetzt mal vorbei ist. Eigentlich kann ich mich auf und mit dem Rad ganz gut bewegen. Man fährt halt mit 60 in die Kurve und hofft, dass nichts im Weg steht. Und wenn doch, hat man eben Pech gehabt.

Genug aus der Krankenakte. Jetzt reden wir mit dem gesunden Fabian Wegmann, dem Vorjahressieger, der beim Frankfurter Radklassiker antritt, um seinen Titel zu verteidigen.

Ich hoffe natürlich, dass das gelingt. Die Form stimmt jetzt. Aber mit dem neuen Verlauf zum Ziel wird es sicher schwieriger. Die ansteigende Zielgerade im Vorjahr kam mir entgegen. Für mich müsste es, um eine Chance zu haben, wieder so laufen wie damals, als ich mit einer Gruppe aus dem Taunus gekommen bin. Wir gingen mit 20 Sekunden Vorsprung auf die Schlussrunde. Das funktioniert diesmal nicht. Man wird anderthalb oder zwei Minuten brauchen. HTC Columbia ist das absolute Topteam, wenn"s zum Sprint kommt. Die werden, wenn sie vorne nicht dabei sind, alles daran setzen, die Lücke zu schließen.

Columbia mit Sprinter-Ass Andre Greipel wird nicht das einzige Problem für ihr Milram-Team sein. Die russische Equipe Katusha schickt gleich drei Sieganwärter an den Start: McEwen, Iwanow und Pozzato.

Pozzato kann in einer Gruppe gehen, aber er wird nicht führen, weil er weiß: Er hat noch einen Schnelleren hinten.

McEwen.

Genau. Wir müssen uns jedenfalls die Startliste angucken und dann am Freitag die Taktik absprechen.

Die auch so aussehen kann, dass alle auf Wegmann schauen und Milram einen anderen auf die Reise schickt.

Klar, wir haben Christian Knees dabei, ein paar junge Fahrer, Linus Gerdemann. Mal schauen.

Zählt der Erfolg im Vorjahr bei diesem prestigeträchtigen Rennen zu Ihren schönsten Siegen?

Auf jeden Fall. Zusammen mit dem Gewinn des Grünen Trikots beim Giro...

...für den Sieger der Bergwertung. Das hängt bei Ihnen zu Hause ein bisschen höher als die anderen Trikots, oder?

Ja, schon. Ich bin ja auch zwei Tage im rotgepunkteten Bergtrikot der Tour gefahren - das hängt ein bisschen tiefer. Aber klar ist Frankfurt eines meiner Lieblingsrennen. Ich fahre hier seit der Schülerklasse, seit ich elf, zwölf Jahre alt war. Die Stimmung ist immer gut, und es kommen immer viele Zuschauer.

Wie sehr schwirrt Ihnen als Rennfahrer die schwierige Situation des Milram-Teams im Kopf herum, dessen Zukunft ungewiss ist?

Man denkt schon darüber nach. Nicht gerade im Rennen, da konzentriert man sich auf das Geschehen. Bei mir ist es so, dass mein Vertrag ohnehin ausläuft. Ich muss mich also umhören, egal ob es jetzt bei Milram weitergeht oder nicht.

Sie haben gute Karten, aber wie ist das für Teamkollegen, die nicht so prominent, nicht so erfolgreich sind?

Für junge Fahrer ist es nicht einfach. Die müssen sich womöglich schon nach ihrer ersten Profi-Saison bei einem anderen Team bewerben. Das ist schon schwer.

Hat das Team den Druck, nun unbedingt große Siege einfahren zu müssen, damit es eben doch weitergeht?

Den größten Druck macht man sich selber. Wenn ich am Start stehe, will ich auch gewinnen. Sonst macht es ja keinen Spaß.

Wie beurteilen Sie die Situation des deutschen Profiradsports, jetzt, da die ganz große Welle der Dopingenthüllungen abgeebbt zu sein scheint?

Es wurde ordentlich aufgeräumt. Das war genau das Richtige. Aber es hat natürlich auch viele Arbeitsplätze gekostet. Es wird immer schwieriger, Rennen zu veranstalten. Nicht nur, was das Geld betrifft, auch was die Auflagen der Behörden angeht. Ich glaube, es gibt kein anderes Land, wo die Sache mit den Absperrungen so ernst genommen wird wie in Deutschland. Wenn du in Spanien oder Italien Rennen fährst, kannst du froh sein, wenn auf den letzten 50 Metern Gitter stehen. Das macht es für deutsche Rennveranstalter noch mal schwieriger. Wir stehen an einem Wendepunkt. Jetzt entscheidet sich, in welche Richtung es geht. Wir haben gute deutsche Rennfahrer, es gibt nur noch ein ProTour-Team. Für einen Sponsor wäre jetzt eigentlich der optimale Zeitpunkt, um einzusteigen.

Werfen Sie uns Medien vor, dass wir uns zu lange nur damit beschäftigt haben, die dunklen Seiten des Metiers auszuleuchten?

Nein. Ich finde es richtig, dass alles aufgeklärt wird. Man muss nur fair mit den Leuten umgehen, darf nicht voreingenommen sein. Aber es ist auf jeden Fall richtig, was geschehen ist. Die Rennfahrer, die auffliegen, betrügen ja zunächst mal nicht in erster Linie die Medien und die Fans, das sicher auch, sondern sie betrügen mich. Aber als Fahrer hast du keine besondere Einsicht, was nun Fakten sind und was nicht. Ich lese das auch nur irgendwo und muss dann eben davon ausgehen, dass stimmt, was da steht.

Wenn sie Fahrern wie Winokurow oder Basso, die jetzt nach einer Dopingsperre zurückgekehrt sind, im Rennen wieder begegnen, beeinflusst das ihr Verhalten?

Beeinflussen? Nein. Sicher denkt man darüber nach, aber nicht im Rennen. Diese Leute wurden zumindest erwischt und haben eine Strafe abgesessen. Und ich hoffe einfach mal, dass sie daraus gelernt haben.

Wie geht Ihre Saison weiter? Gerdemann tritt beim Giro doch sicher nicht ohne seinen Adjutanten an.

Da werden wir beide am Start stehen. 2004, als ich das Bergtrikot gewonnen habe, war es mein erster und bis jetzt letzter Giro. Das sind tolle Erinnerungen. Deshalb wird es ein ähnliches Gefühl sein, wie am Samstag hier am Start zu stehen.

Interview: Wolfgang Hettfleisch

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