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Am Boden: Pierre-Michel Lasogga

Hertha BSC im Abstiegskampf

Drei vor zwölf

Hertha BSC rutscht zum ersten Mal in dieser Spielzeit auf den Relegationsplatz ab. Trainer Otto Rehhagel versucht Gelassenheit auszustrahlen. Allerding scheint schwer vorstellbar, wie Rehhagel die Mannschaft für die restlichen elf Spielepsychisch fit machen will.

Von Michael Jahn und Frank Hellmann

Zwei Mannschaftswagen der Berliner Polizei waren am Sonntagmorgen schon sehr früh auf das Gelände von Hertha BSC gefahren. Dazu gesellte sich ein Dutzend Ordner. Offenbar schwante den Verantwortlichen nichts Gutes nach der miesen Vorstellung der Mannschaft, die am Sonnabend beim unmittelbaren Mitkonkurrenten im Kampf gegen den Abstieg, dem FC Augsburg, mit 0:3 untergegangen war.

Vor vierzehn Tagen, nach dem 0:5-Desaster beim VfB Stuttgart, das die sofortige Entlassung von Trainer Michael Skibbe zur Folge hatte, waren noch 200 frustrierte Fans aufs Gelände vorgedrungen. Am Sonntag aber suchten nur etwa 30 enttäuschte Anhänger den Weg zum Training.

„Otto gucken“

Es waren friedliche Fans, auch Familien, die „Otto gucken“ wollten. Doch Hertha schickte diese kurz nach 10 Uhr wieder nach Hause, es sei kein öffentliches Training, die Mannschaft laufe nur aus, hieß es zur Begründung. Und die Polizeipräsenz wurde offiziell mit dem Spiel der Hertha-Amateure gegen den FC Energie Cottbus II in der Regionalliga am Nachmittag begründet, weil sich einige rüde Energie-Fans angesagt hatten.

Tatsächlich wurden später lediglich acht Energie-Anhänger im Gäste-Block gezählt.

Hertha BSC, so viel steht fest, schottet sich weiter ab. Nach dem kurzen Auslaufen der Profis, abseits von Fans und Journalisten, gab Trainer Otto Rehhagel (73) seinen Versagern einen Tag frei – trotz des zwölften sieglosen Auftritts in Serie in der Liga, trotz der sechsten Niederlage in diesem Jahr und einem desaströsen Torverhältnis von 1:14.

Zum ersten Mal in dieser Spielzeit steht Hertha auf dem Relegationsplatz. Rehhagel aber, der am Sonntag Vormittag versuchte, Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen, sagte: „Wir sind alle schwer enttäuscht, aber meine Spieler sollen nach Hause gehen zu ihren Familien und ihre Seele erholen.“

Auftritt der Hertha ohne Leidenschaft

Abwehrspieler Christoph Janker, der wegen einer Nasenbeinfraktur noch immer mit einer Maske gespielt hatte, beschrieb den Zustand der Mannschaft so: „Wir sind derzeit alle am Boden zerstört.“

Das ist kein Wunder, denn in Augsburg lieferte Hertha im Spiel eins unter Rehhagel eine leidenschaftslose und hilflose Darbietung ab. Rehhagel hatte zuvor zuletzt am 30. September 2000 in einem Bundesligaspiel für den 1.?FC Kaiserslautern auf der Bank gesessen. Damals gehörten noch Hansa Rostock und die SpVgg. Unterhaching der Ersten Liga an und der Brasilianer Alex Alves traf am gleichen Tag für Hertha gegen Köln aus 52 Metern Entfernung zum späteren „Tor des Jahres“.

Rehhagel musste hilflos mit ansehen, wie seine Mannschaft zwei Treffer durch Torsten Oehrl (61./63.) kassierte, der zuvor nirgendwo als Torjäger aufgefallen war. Zudem ließen die Berliner in der Nachspielzeit auch noch Marcel Ndjeng bei dessen 3:0 widerstandslos gewähren. Herthas Abwehr präsentierte sich zum wiederholten Mal als Torso.

Rehhagel hatte kurz nach der Pause beim Stand von 0:0 zudem in Peter Niemeyer den kampfstärksten Spieler vom Feld gewunken und mit Nikita Rukavytsya einen offensiven Mann gebracht. Den Brasilianer Raffael, „den die Augsburger total aus dem Spiel genommen haben“, so der Trainer am Sonntag, zog er auf die Sechserposition zurück.

Tanz auf der Rasierklinge

Das Experiment ging schief. Rehhagel sagte, Niemeyer habe schon eine Gelbe Karte bekommen und die Gefahr, irgendwann in Unterzahl spielen zu müssen, sei groß gewesen. Peter Niemeyer, der nach fünf Gelben Karten am Sonnabend gegen seinen ehemaligen Verein Werder Bremen gesperrt ist, beherrschte gestern seinen Frust. Artig sagte er: „Was der Trainer tut, ist Gesetz!“ Der aber lobte die Kampfkraft und Aggressivität der Augsburger, was einer Schelte seiner Mannschaft gleichkam.

Schwer vorstellbar scheint, wie Rehhagel die Mannschaft für die restlichen elf Spiele vor allem psychisch fit machen will. Was in der Verklärung seiner 2004 gewonnenen Europameisterschaft mit Griechenland oft vergessen wird: Schon in seinen letzten Jahren als Nationaltrainer wollte Rehhagel nicht merken, dass er die heutige Spielergeneration nur noch schwer mitnehmen konnte.

Rehhagel will keine Qualitäts-Diskussion

Herthas Kapitän Andre Mijatovic, selbst mit spielerischen Problemen behaftet, aber ein Anführer, sagte leichenblass: „Da kannst du drei Otto Rehhagel und einen Mourinho auf der Bank haben – wenn wir so weiterspielen, dann kann uns keiner helfen.“

Vor dem Spiel hatte der Kölner Express behauptet, dass Herthas Manager Michael Preetz zuerst Kölns Sportdirektor Volker Finke (66) kontaktiert habe, ehe es nach dessen Absage zur Zusammenarbeit mit Rehhagel gekommen war. Doch das Intermezzo spielte keine Rolle mehr. Zwar versuchte Rehhagel, mit Abgeklärtheit die komplizierte Situation zu entschärfen, aber er sagte auch deutlich: „Es ist drei vor zwölf, es ist ein Tanz auf der Rasierklinge!“

Trainer und Manager wollten am Sonntag keine tiefgründige Analyse vornehmen und beide wollen auch keine Diskussion über die offensichtlich fehlende Qualität der Mannschaft zulassen. „Jetzt sind andere Dinge gefragt, die wir endlich auf den Platz bringen müssen“, forderte Preetz.

Und Rehhagel ergänzte: „Wir brauchen keine Qualitäts-Diskussion. Ich muss meine Leute stark machen. Die sind mental angeschlagen.“

Der Trainer gab eine Weisheit zum Besten: „Es gibt nur eine Möglichkeit, den Seelenfrieden zu finden, und das ist ein erfolgreiches nächstes Spiel.“ Peter Niemeyer sagte es drastischer: „Wir müssen schleunigst den Arsch hochbekommen.“

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