Bei Großereignissen nicht zu schlagen: Mohamed Farah.
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Bei Großereignissen nicht zu schlagen: Mohamed Farah.

Mo Farah

Das Double

Der Brite Mo Farah wiederholt über 10 000 Meter seinen Olympiasieg von 2012.

Von Susanne Rohlfing

Nicht viele der Zuschauer, die sich am Samstagabend im Olympic Stadium von Rio de Janeiro zum zweiten Finalabend der olympischen Leichtathletik-Wettbewerbe versammelten, werden im Kopf gehabt haben, welches Erbe auf ihnen lastete. Vor vier Jahren erlebte der Sport bei den Spielen in London einen seiner stimmungsvollsten Abende. Das Stadion war bis auf den letzten Platz besetzt, die Luft knisterte und vibrierte, die Briten waren elektrisiert, begeistert, laut. Und Mo Farah war einer von drei Gründen dafür. Einer von drei britischen Goldmedaillengewinnern neben der Siebenkämpferin Jessica Ennis und dem Weitspringer Greg Rutherford.

Nun, vier Jahre später, ist die Leichtathletik wieder in ihr erstes Wettkampf-Wochenende der Olympischen Spiele gestartet. Am Freitag sah es noch so aus, als würde das riesige, abseits von den olympischen Zentren in Barra, Deodoro und an der Copacabana gelegen Stadion weitestgehend leer und die Stimmung mau bleiben. Doch am Samstagabend stellte sich heraus: Es geht auch ohne einheimische Sieger. Zwar waren die Ränge nicht ganz voll besetzt, aber die Brasilianer ließen sich begeistern. Und wieder war Mo Farah ein Grund dafür.

Der 33-jährige Brite, geboren in Somalia, spielte die Hauptrolle in einem 10 000-Meter-Krimi. Er war angetreten, um seinen Olympiasieg von London zu wiederholen. Und er begann das Rennen, wie es sich wohl nur einer erlauben kann, dessen letzte Niederlage bei einer großen Meisterschaft fünf Jahre zurück liegt. Er winkte seiner Familie auf der Tribüne, ließ sich etwas zurückfallen, gönnte seinen Beinen ein lockeres Aufwärmprogramm. Dann schlängelte er sich zurück in Richtung Spitze. Und kam im Gewimmel der Gegner zu Fall. Die große Mo-Farah-Show schien beendet.

„Keine Panik, keine Panik“, habe er gedacht, sagt Farah später. Irgendwie bekam er seine Beine sehr schnell sortiert und sprang zurück auf die Füße. Der Amerikaner Galen Rupp, beim Sturz direkt hinter Farah, wartete auf den Briten, feuerte ihn an und gab ihm auf dem Weg zurück in die Spitze Windschatten. „Ein großer Sportsmann“, wird Farah später über ihn sagen. Da sitzt er schon wieder in der Mitte des Pressekonferenz-Podiums, auf dem Platz der Sieger. Links neben ihm der Kenianer Paul Tanui, den Farah in 27:05,17 Minuten um 47 Hundertstelsekunden geschlagen hatte. Rechts der Äthiopier Tamrat Tola (27:06,26).

In Zeiten, in denen Doping, besonders Doping in der Leichtathletik, auch ohne die Anwesenheit der Russen noch immer überall vermutet werden muss, dauert es nicht lange, bis Farah auf ein Foto angesprochen wird, das ihn mit dem somalischen Trainer Jama Aden zeigt. Aden war im vergangenen Juni von der spanischen Polizei im Zusammenhang mit Doping festgenommen worden. Damals ließ der britische Verband wissen, dass Aden lediglich ein inoffizieller Unterstützer Farahs gewesen sei, einer, der nie mehr getan habe als „die Stoppuhr zu halten“. Die Frage nach dem Foto, offenbar eines von vielen, das Aden und Farah zeigt, beantwortete der Athlet so: „Unsere Sportart ist sehr klein. Wenn jemand kommt und dich um ein Bild bittet, sagst du natürlich nicht nein. Das bedeutet nicht, dass ich mit ihm trainiert habe.“ Und: „Ich glaube an einen sauberen Sport, wir müssen dafür tun was wir können, aber gleichzeitig kannst du nur dich selbst kontrollieren.“ Farah trägt seine Antworten routiniert vor. Mit einem strahlend weißen Lächeln.

Standing Ovation für Farah

Die beiden Ostafrikaner rechts und links von ihm lächeln auch und sagen wenig. Die ganze Tragik dessen, dass sie, die Vertreter der führenden Laufnationen der Welt, seit Jahren kein Mittel finden gegen diesen flotten Briten, können sie nicht in Worte fassen. Tanui hatte versucht den gefürchteten Schlussspurt Farahs zu unterwandern, er bot dem Titelverteidiger schon auf der vorletzten Runde einen harten Kampf. Die Zuschauer tobten, erhoben sich immer auf der Höhe der Läufer von ihren Plätzen, dann ertönte der Gong, der die letzte Runde anzeigt, und Tanui ging in Führung. Aber Farah blieb dran, hielt dagegen – und zog schließlich doch noch vorbei. Das Publikum dankte für den spannenden Wettkampf mit Standing Ovation. Farah grüßte mit seinem „Mobot“, bei dem er mit den Armen ein Herz formt.

Mo Farah reihte sich mit seinem zweiten Olympiasieg in den Reigen der besten Langstreckenläufer der Geschichte ein. Zweimal Gold über 10 000 Meter gewannen außer ihm nur: Paavo Nurmi (1920/1928), Emil Zatopek (1948/1952), Lasse Viren (1972/1976), Haile Gebrselassie (1996/2000) und Kenenisa Bekele (2004/2008). Schafft der Brite in Rio auch noch die zweite Titelverteidigung und holt über 5000 Meter ebenfalls Gold, stünde er auf einer Stufe mit dem Finnen Lasse Viren, der das Double-Double 1972 und 1976 gewann.

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