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Die erste Frau unter elf Sekunden über 100 Meter: Marlies Göhr.

30 Jahre Mauerfall

Doppeltes Glück

DDR-Sprinterin Marlies Göhr wird 1989 am Tag des Mauerfalls Mutter einer Tochter – Patenonkel ist eine Leichtathletiklegende des Westens.

Während die Welt am 9. November 1989 nach Berlin blickt, schaut Marlies Göhr im Krankenhaus in Jena immer wieder ganz verliebt auf ihre gerade erst geborene Tochter. Die Bilder vom Mauerfall sieht die einst schnellste Frau der Welt aus der DDR erst später. „Nadja ist morgens zur Welt gekommen. Wir hatten keinen Fernseher im Zimmer im Krankenhaus, aber trotzdem schnell mitbekommen, dass da wohl etwas vor sich geht“, sagt Göhr über den Schicksalstag der deutschen Geschichte, der für sie in doppelter Hinsicht besonders war: „Aber mein Mann und ich haben gedacht, dass kann doch alles nicht wahr sein.“

Göhr, die 1977 als erste Frau der Welt die 100 Meter unter elf Sekunden (10,88) rannte, hat eine Idee: Patenonkel der kleinen Nadja soll unter anderem Klaus Wolfermann werden – Leichtathletik-Legende aus dem Westen. „Wir haben uns 1981 kennengelernt“, sagt die 61-Jährige über den Beginn der Freundschaft zum Speerwurf-Olympiasieger von 1972.

Westkontakte waren für die DDR-Athleten strengstens verboten, aber Göhr, Olympiazweite über 100 Meter von 1980, hat sich daran nie gehalten. Bei Wettkämpfen nicht und außerhalb der Saison nicht. Wolfermann habe ihr bis zur Wende auch „immer Pakete geschickt“, sagt die Weltmeisterin von 1983. „Die Person, die diese Pakte für mich angenommen hat, war bei der Stasi, wie ich später aus meiner Akte erfahren habe“, sagte Göhr. Noch so ein Stück deutscher Geschichte. 1990 feiern Göhr und Wolfermann zusammen in Jena die Taufe von Nadja.

Mauerfall: Wut, Verbitterung und Vergeltungswille in Osteuropa

Heute ist der Kontakt nicht mehr ganz so intensiv, aber noch da. „Jena und Penzberg – leider wohnen wir mittlerweile recht weiter auseinander“, sagt Göhr, auf deren Karriere wie bei so vielen DDR-Athleten ein Dopingverdacht liegt. Die 30 Jahre seit diesem denkwürdigen 9. November „sind schon sehr schnell vergangen. Damals wussten wir nicht, was kommt“, sagt Göhr: „Heute kann ich sagen: Das war ein Glücksfall.“ Für sie, die 1988 nach den Olympischen Spielen in Seoul ihre Laufbahn beendet hatte, war das Jahr 1989 der „komplette Neuanfang“, so Göhr, die später ihren Abschluss in Psychologie im wiedervereinten Deutschland machte. Sie arbeitet mittlerweile im Betreuungswerk der Lebenshilfe in Jena, engagiert sich als stellvertretende Vorsitzende beim LC Jena und freut sich über ihre Enkelin Ida. „Das ist eine flotte Biene“, sagt Göhr. (sid)

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